Tour zum Jubiläum Radiomoderator führt durch Pfarrkirche

Der Glonner Hobbyhistoriker Stephan Ametsbichler blickt zum 250. Jubiläum der Grundsteinlegung auf die Geschichte von Sankt Johannes zurück und erzählt vom tragischen Schicksal eines Aiblinger Bildhauers

Von Jessica Schober, Glonn

Er selbst hat wohl schon als Dreijähriger hier auf den Bänken gesessen. Zumindest vor seiner Erstkommunion wird Stephan Ametsbichler die Glonner Kirche Sankt Johannes der Täufer das erste Mal betreten haben. Ein halbes Jahrhundert später hat er sich inzwischen ausgiebig mit der Geschichte dieses Gotteshauses beschäftigt, hat in Archiven gewühlt und skurrile Geschichten über die Entstehung des Sakralbaus ausgebuddelt. Nun trägt er die Mosaiksteine der Vergangenheit zusammen und bietet eine besondere Kirchenführung an.

Schon als Jugendlicher hatte Ametsbichler ein Faible für Geschichte, damals fiel im eine alte Glonner Ortschronik in die Hände, über die er sich sehr wunderte: "Der Hochaltar sah auf den Bildern ganz anders aus als in der Wirklichkeit", erinnert sich Ametsbichler. Erst später sollte er das Rätsel um die damals auf dem Dachboden versteckten Bildhauerarbeiten lösen. Zunächst jedoch studierte er Musikwissenschaft. Heute ist Ametsbichler Moderator und Redakteur beim Radiosender BR Klassik und dort vor allem für Laienmusik zuständig. Er war Leiter der Stadtkapelle Rosenheim und Dirigent des Bayerischen Blasmusikverbandes. Doch sein Herz schlägt eben nicht nur für die Musik, sondern auch für die Geschichte.

Die Geschichte der katholischen Pfarrkirche Sankt Johannes der Täufer ist voller Irrungen und Wirrungen: Nach 55-jähriger Bauzeit konnte sie zum Jahresende 1777 endlich in ihrer heutigen Form fertig gestellt werden und bildet nun ein Ensemble mit dem Glonner Rathaus am Marktplatz.

(Foto: Christian Endt)

Besonders angetan haben es ihm die Figuren des Tiroler Bildhauers Joseph Götsch, der 1759 nach Aibling gekommen war und seinerzeit mit dem Niedergang des Rokoko haderte. Ihm waren die Forderungen nach weniger barockem Schwulst und ornamentaler Verspieltheit zuwider - zugleich musste er sich dem Wunsch nach klassizistischer Klarheit beim Bau der Glonner Altäre beugen. Dazu habe ihn der Stifter Graf Cajetan Fugger, der heute im Chorbogen begraben liegt, nahezu gedrängt, vermutet Ametsbichler. Alle Figuren am Glonner Hochaltar sind von Götsch, auch die Taufszene und das große Kreuz samt Schmerzensmadonna auf der linken Seite vorne im Kirchenschiff, gegenüber der Kanzel. Ametsbichler hält es für "mit eines der ausdrucksstärksten Kruzifixe von Götsch".

Dabei verlor der zugereiste Bildhauer, der einst mit dem berühmten Ignaz Günther zusammengearbeitet hatte, zunehmend die Zuversicht in Werk und Leben. "Irgendwann muss er gemerkt haben, dass er doch nicht so genial war, dass er eher ein reproduzierender als kreativer Künstler war", erzählt Ametsbichler, der im Diözesanarchiv München, beim Bistum Freising und im Pfarrarchiv Glonn recherchiert hat. Obwohl der Bildhauer im heutigen Landkreis Rosenheim viele regionale Kirchen ausgestattet hat, sei er heute ein Künstler, "den man beinahe vergessen hat", sagt Ametsbichler. Erst 1985 habe man die alten Götsch-Figuren vom Speicher der Pfarrkirche geholt und wieder aufgestellt. Da war Götsch längst dem Alkohol verfallen und als "verkrachter Künstler" 1793 gestorben. Manches von dieser Verelendung zum Lebensende, dem nicht verkrafteten Tod seiner Frau und dem Wandel der Zeit könne man noch heute in seinen Werken sehen, meint Ametsbichler, "Er hat sein Schicksal in den Ausdruck der Figuren hineingelegt." Und genau das fasziniere ihn so an dem Aiblinger Bildhauer: "Er hat sich in die Seele schauen lassen." Wenn Ametsbichler diese Anekdoten mit seiner warmen Radiomoderatorenstimmen aufleben lässt, wird Geschichte wieder lebendig. Packend erzählt er von den verworrenen Zeiten, als die Glonner versuchten, die Kirche zu bauen - ohne jedes Budget. Nicht umsonst dauerte der Bau ganze 55 Jahre, immer wieder kam es zu Verzögerungen, gingen sie doch praktisch ohne eigene Finanzmittel ans Werk. Ametsbichler erzählt: "Das, was an Geld durch Darlehen und Spenden zusammenkam, reichte gerade einmal, um 1768 die Mauern des Langhauses hochzuziehen. Zu viel musste davor schon in die Fundamente investiert werden. In der Hoffnung, möglichst viel natürliches Baumaterial zu gewinnen, hatte man von der Tuffsteinbank, auf der der gotische Vorgängerbau stand, einfach zu viel abgetragen. Jetzt war dieses Fundament vergraben und man musste weitere fünf Meter in die Tiefe gehen, um wieder auf festen Grund zu kommen." Damit explodierten die Baukosten, weitere Spenden flossen so spärlich, dass der Bau schließlich eingestellt werden muss. Über die Jahre begann das Gerüst in der Kirche zu verfaulen, und im Winter standen die Leute schließlich bis über die Schuhe im Schnee und Wasser, wie der damalige Pfarrer Joseph Doll zu berichten wusste. Erst 1776 - inzwischen war mit Franz Anton Kirchgraber der vierte Architekt zugange - machte der Bau nennenswerte Fortschritte, so Ametsbichler. Zum Jahresende 1777 war der Sakralbau endlich fertig.

Radiomoderator Stephan Ametsbichler plant zum 200. Jahrestag der Kirchweihe im Jahr 2023 ein Buch über seine Forschungen herauszubringen.

(Foto: OH)

Die Kirchenführung von Stephan Ametsbichler findet am Sonntag, 21. Oktober, um 16 Uhr in der Glonner Pfarrkirche Sankt Johannes statt.