Toleranzwochen in Ebersberg:Ein November der Rücksichtnahme

Woche der Toleranz - PK

Das Team der Toleranzwochen: Angela Rupp (v.l.), Andrea Splitt-Fischer, Janka Gaßner, Martina Erfmann, Tatiana Vlasova und Clemens Scheerer.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Bei den "Wochen der Toleranz" im Landkreis Ebersberg stehen dieses Jahr vor allem Frauen im Mittelpunkt. Bei zahlreichen Veranstaltungen geht es etwa um die fehlende Gleichstellung der Geschlechter. Das große Ziel ist es, die Demokratie zu stärken

Von Marie Schmidt, Grafing

Erstmals 2018 stattgefunden, 2019 nur im November, 2020 fast nur online und jetzt 2021 wieder in ganzer Fülle: mit einer hohen Anzahl an Kooperationspartnern starten die "Wochen der Toleranz" dieses Jahr im Oktober und November. Ganze zwölf Institutionen unterstützen das Projekt heuer. Nicht nur finanziell, auch mit Vorträgen und Aktionen. Neu dabei sind der Bayerische Landessportverband, Frauen helfen Frauen Ebersberg, Respekt@Poing und der Seniorenbeirat Ebersberg.

Bei den 34 Veranstaltungen werden auf die unterschiedlichste Weise "Werte vermittelt, um die Demokratie zu fördern", wie Andrea Splitt-Fischer, die Geschäftsführerin des Katholischen Kreisbildungswerks Ebersberg, sagt. Unteranderem werden Filme, Führungen und Ausstellungen gezeigt, was ein Erreichen möglichst vieler Zielgruppen begünstigen soll. Hierbei solle stets der Dialog im Vordergrund stehen. So werden bei Filmen, die live gezeigt werden, auch Darsteller und Regisseure anwesend sein, um im Anschluss an den Film für Fragen und Diskussionen offen zu stehen. Bei drei der Filme seien absichtlich weibliche Protagonisten gewählt worden, so Angela Rupp, vom Frauennotruf Ebersberg, einer Unterorganisation der Institution Frauen helfen Frauen Ebersberg.

Das Schwerpunktthema werden dieses Jahr nämlich Frauen sein. Was eigentlich einen "vereinheitlichenden Begriff" darstellt, wie Janika Gaßner, Koordinatorin der Wochen der Toleranz, klarstellt. Gemeint seien mit diesem Überbegriff alle "weiblich sozialisierten Menschen". Viel zu oft seien Transfrauen außen vorgelassen. Bei den Wochen der Toleranz soll sich jeder angesprochen fühlen, es geht um Inklusion und Mitspracherecht. Durch die Pandemie seien Missstände wie mit einer "Lupe" sichtbar geworden. Dass Frauen als viel mehr als nur Mutter und Arbeitnehmerin tätig sind, wurde durch die Lockdowns wie mit einem "Brennglas" verschärft und deutlich sichtbarer. Doch war das nicht auch schon vor der Coronapandemie so? Über die "Erschöpfung der Frauen" soll es in der Auftaktveranstaltung am 28. Oktober mit Franziska Schutzbach gehen. Sie ist Soziologin, Autorin und feministische Aktivistin und ordnet "die Verfügbarkeit der Frauen", so Gaßner, in einen größeren Kontext ein.

Angela Rupp betont die fehlende Gleichstellung der Geschlechter. Dadurch, dass Frauen als eine Minderheit gezählt werden, sei eine Gleichberechtigung zwar in der Theorie, nicht jedoch in der Praxis realisierbar. Durch die Ausgrenzung der Frau in der katholischen Kirche, vielen politischen Ämtern und der hohen Anzahl an Fällen von sexualisierter Gewalt gegen meist weibliche Opfer, sei die Demokratie extrem gefährdet. Da Frauenhass und Feindlichkeiten gegenüber Frauen nicht einmal eigene Statistiken besäßen, sei die Transparenz in auf diesem Themengebiet stark ausbaufähig.

Clemens Scheerer von der Partnerschaft für Demokratie freut sich, die Wochen mit seinem Verein als einer der Zuschussgeber unterstützen zu können. Das Geld sei für ihn jedoch ein sekundärer Aspekt: "Geld macht nicht alles. Um etwas bewirken zu können, muss es von den richtigen Menschen richtig eingesetzt werden." Seiner Ansicht nach muss die Demokratieförderung vernetzt passieren. Es sei also notwendig, dass mehrere Organisationen mitwirken, um das Projekt so erfolgreich wie möglich gestalten zu können. Außerdem würden verschiedene Akteure für einen starken Zusammenschluss für eine gesunde Demokratiebildung sorgen. Es seien erst Veranstaltungen wie diese, die eine Demokratie entwickeln, zu welcher politische und historische Bildung nötig seien. Hierzu solle man sich die Frage stellen "Wie könnte es später mal sein?".

Über diesen Ansatz spricht auch Martina Erfmann, Flüchtlings- und Integrationsbeauftragte des Caritaszentrums Ebersberg. Durch ihre Arbeit kennt sie viele Menschen, denen durch ihren Lebenslauf die Teilnahme an allem öffentlichen Mitwirken verwehrt wird. "Es wird über sie gesprochen, aber nicht mit ihnen." In der Beratung merken die Mitarbeiter des Caritaszentrums, dass oft nicht nur die Besucher hilflos sind. Bei Problemen der Inklusion kann die Belegschaft häufig selber wenig ausrichten. Durch Projekte wie die Wochen der Toleranz sollen "Zeichen gesetzt und Werte vermittelt" werden, so Splitt-Fischer. Um dies erfolgreich übermitteln zu können, sei es wichtig, viele praktische Angebote zur Verfügung zu stellen. Workshops seien unterstützend und würden den Teilnehmern helfen, das Gehörte, Gesehene und Gelernte in der Praxis umsetzen zu können. Schließlich sei das Ziel ein größeres Verständnis und eine Offenheit der Menschen im Alltag zu erreichen.

Ergänzend zur Themenreihe der Volkshochschule im Zweckverband Kommunale Bildung "jüdisches Leben" werden auch die Projekte der Wochen der Toleranz dieses Gebiet behandeln. Sei es der Besuch im Konzentrationslager in Dachau oder ein Vortrag über Rassismus und "Schwarzweißdenken": die Veranstaltungsübersicht deckt so viel wie möglich ab.

Dieses weite Spektrum für die Wochen der Toleranz im Landkreis Ebersberg sei nötig, um die Vielschichtigkeit auf dem Weg zur Stärkung der Demokratie bedienen zu können, so Erfmann. "Damit sich auch Minderheiten endlich als Teil des Ganzen fühlen können und die Vielfalt im Landkreis hervorgehoben wird."

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