80 Jahre KriegsendeDamit die Opfer nicht in Vergessenheit geraten

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Seit 2010 erinnert das Denkmal am Bahnhof an den „Todeszug“. Die Figuren stellen die ausgemergelten Häftlinge dar, die hier in Poing Hoffnung auf Freiheit schöpften – die meisten von ihnen vergeblich.
Seit 2010 erinnert das Denkmal am Bahnhof an den „Todeszug“. Die Figuren stellen die ausgemergelten Häftlinge dar, die hier in Poing Hoffnung auf Freiheit schöpften – die meisten von ihnen vergeblich. Christian Endt

Vor 80 Jahren machte der „Todeszug“ in Poing Halt. An die schrecklichen Ereignisse damals erinnerte die Gemeinde in einer Gedenkstunde. Schüler haben vor dem Hintergrund neue Erinnerungstafeln entworfen.

Von Nora Schulte, Poing

„Sind wir alle wachsam, sind wir alle Vorbild?“ Poings Bürgermeister Thomas Stark schaut in die Runde. Die Stühle um das Mahnmal reichen nicht aus, so zahlreich haben sich die Poinger und andere Interessierte an diesem Nachmittag eingefunden. Gedacht werden soll an diesem Jahrestag den tragischen Ereignissen um den sogenannten „Todeszug“, die sich vor 80 Jahren hier abspielten. „Unsere Demokratie ist auf der Lehre unserer Geschichte gebaut“, mahnt Stark. Gerade nach dem Tod von Zeitzeugen wie Max Mannheimer und Leslie Schwartz sei es an jedem einzelnen, die Erinnerungskultur fortzuführen. In den Worten des Überlebenden Marian Turski fordert Stark: „Du sollst nicht gleichgültig sein.“

Die rund 50 schemenhaften, mageren Figuren des Mahnmals neben dem Rednerpult entwarf der Poinger Karl Orth bei einem Wettbewerb zur Errichtung der Gedenkstätte. Seit 2010 steht das Werk nun am Bahnhof der Gemeinde, an dem der Evakuierungstransport im Jahr 1945 Halt machte. Am 27. April findet seither jährlich eine Gedenkstunde statt.

„Sind wir alle wachsam, sind wir alle Vorbild?“ Diese Frage stellt der Poinger Bürgermeister Thomas Stark.
„Sind wir alle wachsam, sind wir alle Vorbild?“ Diese Frage stellt der Poinger Bürgermeister Thomas Stark. Christian Endt
Viele Poinger sind zur Gedenkstunde gekommen, auch Gäste aus anderen Gemeinden sind mit dabei.
Viele Poinger sind zur Gedenkstunde gekommen, auch Gäste aus anderen Gemeinden sind mit dabei. Christian Endt

Hintergründe zum „Todeszug“ bieten Schülerinnen und Schüler des Franz-Marc-Gymnasiums Markt Schwaben. Bereits im vierten Jahr tragen sie eine szenische Lesung vor, die der pensionierte Lehrer Gerhard Böhm 2012 basierend auf Zeitzeugenberichten erarbeitete. In diesem Jahr möchten sie den Fokus auf die zeitliche Dimension des Leidens legen, die sie mit einem selbstgebastelten Kalender verdeutlichen.

Wichtig ist den Jugendlichen vor allem, die Opfer in den Vordergrund zu stellen. „Wir müssen gemeinsam dafür sorgen, dass so etwas nie wieder passiert“, sagt der 18-jährige Jan. Seine Mitschülerinnen Emilia und Eshal nicken. Dass mehrere Generationen zusammenkommen, um zu gedenken, schätzen sie besonders.

Auf einmal machte das Gerücht vom nahenden Kriegsende die Runde

„Der Todesmarsch beginnt in Mühldorf-Mettenheim, einem Außenlager des Konzentrationslagers Dachau“, beginnt eine Schülerin die Nacherzählung. Nach einem alliierten Bombenangriff am 20. April 1945 wird die KZ-Lagergruppe aufgelöst. Etwa 3600 überwiegend jüdische Häftlinge werden in Güterwaggons verladen und ohne bekanntes Ziel abtransportiert. Ein Schüler, der den Insassen Moshe Sandberg spricht, liest beschreibend: „Die Menschen schliefen übereinander oder im Sitzen, Bedingungen, in denen nur Kreaturen der schwersten Erschöpfung Ruhe finden können.“

Begleitet wird der Transport von Angehörigen der SS sowie der Wehrmacht. Am 27. April 1945 muss der Zug aufgrund von technischen Problemen in Poing anhalten und wird dort auf ein Abstellgleis geleitet. Am späten Nachmittag kommt unter den Wachmannschaften das Gerücht von einem nahenden Kriegsende auf. „War es Wirklichkeit? War der seit Jahren ersehnte Augenblick gekommen?“, zitiert Jan den Zeitzeugen Ernst Israel Bornstein.

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Als einige der Bewacher die Flucht ergreifen, nutzen zahlreiche ausgehungerte Häftlinge die Gelegenheit und laufen in Richtung der umliegenden Häuser und Höfe. Wenigen gelingt es, sich mit Unterstützung der Bewohner zu verstecken, doch viele der Geflüchteten werden verfolgt und erschossen. „Mindestens 50 Menschen sterben, über 200 werden verletzt“, berichtet die „Erzählerin“. Am Abend desselben Tages setzt der Zug seine Fahrt in Richtung Tutzing und Seeshaupt fort, wo die überlebenden Häftlinge schließlich am 30. April 1945 befreit werden. „Wir sind wieder Menschen“, liest ein Schüler Max Mannheimers Worte. „Wir können in ein Krankenhaus gehen, ohne Angst zu haben. Wir sind frei.“

Jascha März, Vertreter der Stiftung Bayerische Gedenkstätten lobt den Einsatz der Gemeinde. In seiner Gedenkrede beruft er sich auf den Überlebenden Leslie Schwartz, der zum Zeitpunkt seiner Befreiung an jenem 30. April 1945 gerade einmal 15 Jahre alt war. „Ich muss Zeugnis ablegen“, zitiert er, „solange ich kann.“

Schülerinnen und Schüler haben die Informationstafeln bei einem Projekt-Seminar konzipiert

Besonders gewürdigt werden die beiden Erinnerungstafeln, welche die Schüler des Franz-Marc-Gymnasiums im Rahmen eines Projekt-Seminars recherchiert und entwickelt haben. Eine davon beschreibt den KZ-Außenlagerkomplex Mühldorf, die andere befasst sich mit dem Mühldorfer „Todeszug“ sowie dem Massaker von Poing. Die Idee für die Gedenktafeln hätten die Schüler ihres Arbeitskreises „Politik und Zeitgeschichte“ selbst angestoßen, erzählt die Geschichtslehrerin Anna Niedermaier-Fertig anerkennend.

Die nun enthüllten Tafeln bieten neben Informationstexten auch eine Karte des KZ-Außenlagers Mühldorf sowie des „Todeszugs“, eine Skizze des 1947 angeklagten SS-Mannes Stefan Koch zum Massaker in Poing sowie ein Bild des Überlebenden Ernst Israel Bornstein. Maßgeblich zur Realisation der Tafeln trug auch die Stiftung Bayerische Gedenkstätten bei, wie Niedermaier-Fertig berichtet.

„Wir sind froh, dazu beitragen zu können, dass die Opfer nicht in Vergessenheit geraten“, sagt die 17-jährige Schülerin Eshal, die bei der Lesung mitgewirkt hat. Die Erinnerungstafeln stehen nun auf direktem Weg zum Poinger Bahnhof. „Jeder, der vorbeikommt, soll sie sehen!“, ruft Stark. „Gemeinsam geben wir dem schweigenden Ort eine Sprache.“

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