Im Erdgeschoss eines schmucklosen Baus im Gewerbegebiet Ebersberg hört man schon von Weitem ein aufgeregtes Maunzen. Siamkatzen-Mischling Mia hat trotz ihrer Taubheit offenbar registriert, dass sich Besuch nähert. Gut möglich, dass sie hofft, es sei einer der „Katzenstreichler“, die den Samtpfoten des Tierheims Ebersberg einmal die Woche Zeit und Zuwendung schenken.
Mit warmem Lächeln erzählt Evelyn Bauer, Vorsitzende des Tierschutzvereins Ebersberg, wie die weiße Katzendame jeden Samstag pünktlich um 12.55 Uhr ungeduldig hinter der verglasten Tür-Fenster-Front darauf wartet, dass ihr „Pate“ den Raum betritt. Sie fügt hinzu: „Diese Regelmäßigkeit spielt eine große Rolle. Gerade unsere Tiere brauchen nicht nur Zeit, um Vertrauen zu einer Bezugsperson aufzubauen, sondern sollen sich auch auf das Kommen der Menschen verlassen können.“
Ist es also eine Einladung an alle, die Tiere lieben, sich aber aus unterschiedlichen Gründen keines zulegen können, am Wochenende einfach mal zum Kuscheln oder Gassigehen vorbeizukommen? Vehement schüttelt Bauer den Kopf: „Definitiv nicht! Wir sind kein Streichelzoo!“ Als Auffangstelle für Fund-, Abgabe- und Verwahrtiere müsse man das Wohl der eigenen Schützlinge ebenso im Auge haben wie die Sicherheit der Besucherinnen und Besucher. Bei vielen Tieren wisse man nicht, was sie vorher erlebt hätten. Heftige Reaktionen wie Beißen oder Kratzen seien nie auszuschließen. So dürften etwa Minderjährige grundsätzlich kein Ehrenamt als „Katzenstreichler“ oder „Hundeausführerinnen“ übernehmen. Mitglied im Verein werden können sie hingegen schon. Etwa 600 Menschen gehören diesem an.
Bei Fragen und Anliegen hilft telefonisch oder persönlich das engagierte Tierpflegeteam rund um die Leiterin der Fundtierauffangstation, Daniela Golanski: Monika Keiser, Johanna Göschl und Conny Weber. Für alle ist es der „Traumberuf“ schlechthin, in dem kein Tag dem anderen gleicht. Und die positive Entwicklung anfangs sehr verängstigter Tiere zu beobachten, sei eine wahre Freude.

Aber wer erhält nun unter dem Dach des 2014 vom Tierschutzverein Ebersbergs errichteten Gebäudes Zuflucht und Fürsorge? Zunächst sind da die „Fundtiere“ – also jene, von denen man nicht weiß, wem sie gehören. In diesem Zusammenhang appelliert Bauer: „Bitte Hund oder Katze nicht nur chippen lassen, sondern auch bei Tasso oder einem anderen Tierregister, zum Beispiel Findefix, registrieren!“ Viele Besitzer gingen davon aus, dass das durch den Tierarzt geschehe, doch das passiere aus Datenschutzgründen nicht.


„Verwahrtiere“ wiederum werden vom Zoll beschlagnahmt. „Dazu gehören die Kofferraumwelpen, die auf Parkplätzen verkauft werden.“ Oder das Veterinäramt entzieht sie aufgrund von „katastrophalen Bedingungen“ zeitweise oder dauerhaft ihren Besitzern. Fotos und Berichte der Mitgliederbroschüre sprechen eine deutliche Sprache: Die Tiere sind schlecht ernährt, ihre Felle verfilzt.
„Abgabetiere“ schließlich werden ins Tierheim gebracht, weil sie aufgrund von Umzug, Scheidung, Tod oder Geburt eines Kindes nicht in ihrem bisherigen Zuhause bleiben können. Manchmal läge es auch an der finanziellen Situation der Besitzer. „Es bricht einem das Herz, wenn dann jemand sein Haustier zu uns bringen will und man sieht, wie die beiden aneinander hängen“, berichtet Bauer. In solchen Fällen versuche man, die Trennung zu vermeiden und stattdessen die Halter zu unterstützen. „Es wäre toll, wenn wir eine Tiertafel hätten.“
Unterbringung, Futter, der Tierarzt, der mittwochs ins Haus kommt, das alles kostet. „Unser Haushalt beträgt etwa 350 000 Euro.“ Ein Teil davon wird über die etwa 147 600 Einwohner der 21 Gemeinden des Landkreises finanziert. „Pro Person bekommen wir 1,10 Euro“, sagt Bauer. Für beschlagnahmte Tiere ist das Veterinäramt verantwortlich. Der Rest der Finanzierung erfolgt über Spenden, Legate, Vereinsbeiträge, Vermittlungsgebühren sowie Tagessätze für Tiere, die ausnahmsweise im Tierheim bleiben können, wenn ihre Besitzer ins Krankenhaus müssen. „Wir sind allerdings keine Urlaubspension.“



Was man beim Besuch vermisst: Lebhaftes Bellen, aktuell ist keiner der maximal vier Hundeplätze belegt, es befinden sich nur etwa zehn Katzen und sieben Kaninchen im Haus sowie den im Garten gelegenen Kleintierhütten. In der Mitgliederzeitschrift steht dazu: „Ein fast leeres Tierheim ist ein gutes Tierheim.“ Denn, so Bauer: „Jedes Tier hat ein schönes Leben und sicheres Zuhause verdient!“ Deswegen bemühe man sich, gefundene oder abgegebene Vierbeiner möglichst schnell in neue, gute Hände zu geben.


Dazu verschaffen sich die Interessenten, etwa via Instagram (@tierschutz_ebersberg) oder auf tierschutz-ebersberg.de einen Überblick. Nach der Bewerbung zeigt ein Besuch, ob es wirklich passt zwischen Mensch und Tier. Vor der endgültigen Übersiedelung des neuen Familienmitglieds erfolgt eine Vorkontrolle mit Hausbesuch durch die Mitarbeiterinnen.
Die Höhe der Vermittlungsgebühr liegt bei etwa 400 Euro für einen Hund, je nach Rasse und Größe, oder etwa 150 Euro für eine Katze. „Dafür ist sie aber geimpft, kastriert und top versorgt für ein Jahr“, rechtfertigt Bauer die Beträge. Auch ältere und kranke Tiere, bei denen die Nachfrage geringer sei, hätten dann oft noch sieben bis acht gute Jahre Lebenserwartung. Selbst Tierhaltungs-Anfänger dürften sich das zutrauen: „Sie bekommen alle eine Einführung.“
Und Mia? Geboren 2012, ist sie seit acht Jahren Dauergast. Dreimal wurde sie in dieser Zeit vermittelt, kam aber immer wieder zurück, „weil sie nachts nicht schläft und den Leuten die Wohnung verwüstet“, wie Bauer augenzwinkernd berichtet. Im Tierheim hingegen sei Mia „die bravste Katze der Welt“. Was nur einen Schluss zulasse: „Die ist hier daheim und geht auch nicht wieder weg.“

