Artenschutz Trotz Bedrohung: Immer mehr Fledermäuse im Ebersberger Forst

In Bayern gibt es 23 Fledermausarten. Elf davon tauchen im Ebersberger Forst auf.

(Foto: Photographie Peter Hinz-Rosin)

Eigentlich sind die Säugetiere stark gefährdet. In Ebersberg nimmt ihr Bestand trotzdem zu - dank einer Gruppe Freiwilliger.

Von Johanna Feckl, Ebersberg

EbersbergAn den Flügeln ist die Haut so dünn, dass jeder einzelne Muskel hindurchschimmert. Die Finger der Fledermaus, zwischen denen sich diese pergamentartige Flughaut spannt, leuchten rot hervor. Mittendrin ist dieses wenige Zentimeter große, flauschige Knäuel, der Korpus der Fledermaus, und zwei riesige Ohren, die oberhalb eines winzigen Gesichtes herausstehen. Eine Frau klappt die Flügel auseinander. Ganz behutsam, erst den rechten, dann den linken. Eine gesunde "Braune Langohr-Fledermaus" - acht Menschen quetschen sich aneinander, um das Tier zu inspizieren.

Es ist ein Donnerstagabend, mitten im Ebersberger Forst. Nach einigen Minuten mit dem Auto über schmale, hügelige Schotterwege geht es zu Fuß weiter. Hinein ins Gestrüpp, Äste schlagen gegen die Waden, Brennnesseln streifen Fußrücken. Dort steht Henriette Hofmeier vom Ebersberger Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten.

Zum zehnten Mal sind Behördenvertreter wie sie und Beauftragte der Bayerischen Staatsforsten, des Landesbundes für Vogelschutz (LBV) und der Schutzgemeinschaft Ebersberger Forst zusammen mit freiwilligen Helfern zu einer Exkursion aufgebrochen. Nicht einfach zum Vergnügen, sondern um zu lernen, wie man die fliegenden Säugetiere in ihren Arten voneinander unterscheidet und um sie zu zählen.

Eine Bechsteinfledermaus.

(Foto: Photographie Peter Hinz-Rosin)

Fledermäuse sind die am meisten gefährdeten heimischen Säugetiere. Weltweit gibt es zirka 1000 Arten. Davon kommen in Bayern 23 vor, im Ebersberger Forst sind es elf. 16 der in Bayern lebenden Arten sind vom Aussterben bedroht. Der Grund: Ihr natürlicher Lebensraum - Nistplätze in Bäumen und Schlupflöcher an Häusern - wird vom Menschen zerstört.

Deshalb sind Fledermäuse in Deutschland schon seit 1936 geschützt. Laut Bundesnaturschutzgesetz ist es verboten, Fledermäuse zu beunruhigen, zu verletzten oder zu töten, ebenso wie ihre Quartiere mutwillig zu zerstören oder die Zugänge dazu zu versperren.

Seit 2009 gibt es das Projekt "1000 Fledermauskästen": Im gesamten Ebersberger Forst wurden dafür 1000 Kästen aufgehängt, die den Tieren geeignete Schlupflöcher bieten sollen, um so zum Artenschutz beizutragen. Seitdem hängen zwischen fünf und sieben Kästen in 150 Gruppen an verschiedenen Stellen im Wald.

Hier zeigt Flausmeisterin Henriette Hofmeier ein Braunes Langohr.

(Foto: Photographie Peter Hinz-Rosin)

Bevor die Exkursion startet, gibt es von Richard Straub vom LBV eine theoretische Einführung, wie man Fledermausartenrichtig zuordnet: Größe und Farbe sind entscheidend. Aber auch die Ohren, und ganz besonders der Tragus ist ein hilfreiches Kriterium. Der Tragus, das ist beim Menschen dieser kleine dicke Knubbel vor dem äußeren Gehöreingang. "Bei uns ist der sehr verkümmert", erklärt Straub. Fledermäuse hingegen haben einen sehr ausgeprägten Tragus, sie können ihn sogar bewegen - und seine Form unterscheidet sich je nach Fledermausart.

Ein weiterer Hinweis zur Bestimmung der Fledermausart ist die Wahl des Kastens als Unterschlupf: Manche gleichen schwarzen eckigen Briefkästen, andere hingegen sind rund oder haben die Form einer Röhre. Manchmal sind die Einstiege kreisförmig und winzig, dann wieder größere Schlitze.

3700 Stimmen gegen Windräder und Umgehungsstraße im Ebersberger Forst

In wenigen Wochen soll die Petition im Ebersberger Kreistag eingereicht werden. Mit einem erklärten Ziel. Von Korbinian Eisenberger mehr ...

Der kleinsten Fledermausart von allen - der Zwergfledermaus - "der reicht beispielsweise eine eineinhalb Zentimeter breite Spalte als Öffnung", sagt Kerstin Mertens von der Schutzgemeinschaft Ebersberger Forst. Der daumengroße Winzling kommt auch im Ebersberger Forst vor. Richard Straub ergänzt, dass ein Weibchen gerade einmal acht Gramm auf die Waage bekommt - wenn es trächtig ist.

Der Große Abendsegler.

(Foto: Photographie Peter Hinz-Rosin)

Da staunt der zehnjährige Jonas Dörr nicht schlecht. Zusammen mit seiner Mutter Corinna ist er zum ersten Mal beim Fledermauszählen dabei. Werner Trax hilft schon seit vier Jahren mit. Der 52-Jährige ist viel im Wald spazieren, "da kann ich auch gleich Fledermäuse zählen". Ihn begeistert, dass man hier Wildtiere von nahem sieht, was sonst fast nur im Fernsehen geht, sagt er. "Das ist doch spannend!"

Im vergangenen Jahr zählten Werner Trax und 35 weitere Helfer in allen Kästen insgesamt 496 Fledermäuse. Das ist weniger als 2016, aber mehr als 2015. Bis Mitte August werden die Helfer noch gruppenweise von Kasten zu Kasten gehen und zählen. Dass die Ergebnisse schwanken, ist nicht ungewöhnlich.

"Ein lückenloses Monitoring ist gar nicht möglich, weil die Tiere auch natürliche Stätten nutzen", erklärt Kerstin Mertens. Wenn also Fledermäuse in einem Jahr vermehrt in natürlichen Verstecken hausen und weniger in den aufgestellten Kästen, tauchen sie in den Zahlen des Monitorings nicht auf.

Und eine Fransenfledermaus.

(Foto: Photographie Peter Hinz-Rosin)

Entscheidender als die Befunde der einzelnen Jahre ist der generelle Trend, der sich seit Beginn des Projekts abzeichnet - und der zeigt eine Tendenz nach oben. Und das, obwohl jede Fledermausart andere Anforderungen an ihren Lebensraum stellt.

Sogar die Bechsteinfledermaus hat es sich in Ebersberg heimisch gemacht - ihr Vorkommen ist besonders selten. Dass sie hier lebt, obwohl sie eigentlich Laubwälder bevorzugt, ist der Grund dafür, dass der Forst ein sogenanntes Fauna-Flora-Habitat (FFH) ist, ein spezielles Naturschutzgebiet nach europäischen Richtlinien. Forstbetriebsleiter Heinz Utschig ist der Ansicht: "Da können wir so viel nicht falsch machen."

Jetzt bekämpfen die Förster den Borkenkäfer per Handy-App

Befallene Bäume müssen so schnell wie möglich gefunden und gefällt werden. Dafür gibt es nun eine neue Strategie: Die Borkenkäfer-App. Reportage von Korbinian Eisenberger mehr...