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Im Zirkuszelt:Nashörner in Mülltonnen

Das "Theater Wasserburg" zeigt Eugène Ionescos Klassiker als Open-Air in der alten Essigfabrik. Vor allem ihre absurden Kombinationen machen die Inszenierung sehenswert.

Von Johanna Feckl

Die Nashörner - Theater Wasserburg

Annett Segerer spielt in einer Mülltonne,...

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Was hat der deutsche Hip-Hop- und Cloud-Rap-Musiker Trettmann mit der kanadischen Schnulzen-Sängerin Céline Dion - Stichwort "My Heart Will Go On" - gemeinsam? Eigentlich würde man meinen: nichts. Wirklich absolut nichts. Obwohl nur fünf Jahre Altersunterschied zwischen den beiden Interpreten liegt, erreicht der jüngere Trettmann eher die Generation U-40 mit Tanzdrang in den Beinen, Céline Dion hingegen Menschen jenseits der 60, die auch deutsche Schlager-Texte als romantisch und ergreifend bezeichnen würden. Es gibt da aber doch diesen Link zwischen den beiden - dem Theater Wasserburg sei Dank: Songs beider Künstler sind Elemente der Inszenierung von Eugène Ionescos "Die Nashörner". Ganz schön verrückt, diese Kombination. Und so passend! Schließlich ist Ionescos Stück ein populärer Vertreter des Absurden Theaters. Am Freitag feierte das Ensemble unter der Regie von Uwe Bertram und Nik Mayr Premiere.

So einiges ist anders, als es die Zuschauer der Bühnenstücke des Theater Wasserburg gewohnt sind. Zuallererst der Ort des Geschehens: Die Aufführungen finden nicht statt auf der Bühne im Theaterhaus in der Salzburger Straße, sondern mitten in der Altstadt auf dem Gelände der alten Essigfabrik, dessen Gemäuer Graffitikunst des Wasserburger Kunstvereins AK 68 ziert. Corona-konformes Open-Air-Theater - und trotzdem ist keine Regenjacke für den Fall der Fälle notwendig: Das Publikum nimmt in einem Zirkuszelt Platz, dem "Rhinodrom". Die Planen an den Seitenwänden liegen am Boden, sodass freie Sicht herrscht. Denn Bühnen gibt es dieses Mal gleich zwei: eine außerhalb des Zeltes vor dem Fabrikgebäude, die zweite ist die Zirkusmanege.

Neu ist die Idee mit dem Zirkuszelt indes nicht. Schon vor vier Jahren, 2017, war es für die Inszenierungen von Bert Brechts "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui" und "Der gestiefelte Kater" nach den Gebrüdern Grimm in der Altstadt aufgebaut. Damals, bei den beiden Gaunergeschichten, war die Manege ein inhaltliches Element: Die Schwindeleien der Protagonisten waren offensichtlich, vom Publikum von allen Seiten und Winkeln einsehbar. Heute ist das Zirkuszelt wohl mehr den pandemischen Umständen geschuldet, aber nicht weniger passend.

Die Nashörner - Theater Wasserburg

Regisseur Uwe Bertram gibt wenige Tage vor der Premiere letzte Anweisungen.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

In "Die Nashörner" erzählt der französisch-rumänische Ionesco von einer Welt, in der sich nach und nach alle Menschen in Nashörner verwandeln - eine "Vollvernashornung", wie dies das Theater Wasserburg nennt. Es geht um Massenwahn und Anpassertum, Hysterie und Stimmungsmache. Im Mittelpunkt stehen zwei Übriggebliebene, Behringer (Carsten Klemm) und Hans (Susan Hecker), die in unfassbarer komischer Dialogkunst über Alltagsfragen sinnieren. Begleitet werden ihre Gespräche von den noch komischeren Einlagen der Nebenfiguren, dargestellt von Hilmar Henjes, Annett Segerer und Regina Alma Semmler - allesamt in schwarzen großen Mülltonnen, der Boden präpariert, sodass die trippelnden und tanzenden Füße zu sehen sind. Das ist auf die Spitze getriebenes Absurdes Theater. Herrlich!

Es beginnt mit Musik. Live gespielt im Zirkuszelt von einer fünfköpfigen Band unter der Leitung von Georg Karger. Noch eine Sache, die es für gewöhnlich nicht gibt im Theater Wasserburg. Es erklingt "Grauer Beton" von Trettmann. Ensemblemitglied Hilmar Henjes läuft im Adidas-Jogginganzug vor den sechs Garagen der ehemaligen Essigfabrik auf und ab. Er singt. "Grauer Beton, rauer Jargon. Freiheit gewonnen, wieder zerronnen. Auf und davon, nicht noch eine Saison." Oder: "Seelenfänger schleichen um den Block und machen Geschäft mit der Hoffnung. Fast hinter jeder Tür lauert 'n Abgrund." Der Song ist aus dem bereits 2017 erschienen Album "#DIY" - und doch könnte er die gegenwärtige aufgepeitschte Stimmung in der Gesellschaft, die Corona-Welt, nicht besser in Worte fassen. So macht sich gleich in den ersten Minuten Gänsehaut breit. Und das liegt nicht an der abendlichen Frische, die vom nahegelegenen Inn ins Zirkuszelt hineinkricht. Später wird der Trettmann-Kundige übrigens noch "Stolpersteine" entdecken ebenso wie "Das zweite Gesicht" von Peter Fox.

Wenn nicht die Mülltonnen-Crew im Stakkato-Stil Sätze ins Publikum jagt oder sich Behringer und Hans darüber streiten, ob sie zwei Nashörner mit einem Horn, ein Nashorn mit zwei Hörnern und ein zweites Nashorn mit einem Horn, oder doch zwei Nashörner mit zwei Hörnern gesehen haben, dann wandert der Blick in die Manege zur Zirkusfamilie Boldini, die sich mit Clowns, Artistinnen und Artisten perfekt ins Absurde Theater Ionescos einfügen.

"Wir sind auf der Erde, dagegen gibt es kein Mittel", sagt Hans resigniert an einer Stelle. Das mag sein. Aber so ganz dann doch wieder nicht. Denn ein Nashorn-Abend in Wasserburg ist sehr wohl ein geeignetes Mittel, um in diesen tristen Tagen wieder einmal herzhaft lachen zu können.

Weitere Vorstellungen sind an diesem Samstag und Sonntag, 17. und 18. Juli, sowie von Donnerstag, 22., bis Sonntag, 25. Juli, Beginn ist jeweils um 20.30 Uhr. Karten gibt es unter www.theaterwasserburg.de oder im Vorverkauf in der Tourist-Info und bei Versandprofi Gartner in Wasserburg sowie an der Abendkasse zu je 29 Euro.

© SZ vom 17.07.2021
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