Neue Inszenierung:Wenn die Welt ins Wanken kommt

Lesezeit: 3 min

Neue Inszenierung: Es müsste doch was zu machen sein, aber irgendwie sitzen sie fest, die Menschen in "Die wahre Geschichte" am Theater Wasserburg. Es spielen: Carsten Klemm, Andreas Hagl, Susan Hecker, Rosalie Schlagheck und Annett Segerer.

Es müsste doch was zu machen sein, aber irgendwie sitzen sie fest, die Menschen in "Die wahre Geschichte" am Theater Wasserburg. Es spielen: Carsten Klemm, Andreas Hagl, Susan Hecker, Rosalie Schlagheck und Annett Segerer.

(Foto: Christian Flamm/oh)

"Die wahre Geschichte" am Theater Wasserburg zeigt, dass man sich nur auf eines verlassen kann: die Qualität des Ensembles dort. Es bietet mal wieder bravouröses Schauspiel fernab aller Komfortzonen.

Von Ulrich Pfaffenberger, Wasserburg

Wenn Sprache sprachlos macht, kann das verschiedene Gründe haben. Was uns allen gerade wohl am häufigsten begegnet, sind plakative Botschaften, deren Verlogenheit, Dreistigkeit oder Borniertheit uns den Boden unter den Füßen wegzieht. "Da weiß man nicht mehr, was man sagen soll." Dieser Spruch aus der Generation unserer Großeltern, gern gebraucht im Zusammenhang mit langen Haaren und lauter Musik, ist zum gelebten Alltag geworden.

Weltbild, Wissen und Widerstand zerbröseln wie ein mürbes Plätzchen vom vorigen Weihnachtsfest

Im Theater Wasserburg befasst sich derzeit ein Stück mit diesem Phänomen. Christoph Hein hat es geschrieben und "Die wahre Geschichte" genannt. Darin streiten sich Herr Ah Q und sein Freund Wang über Revolutionäres. Der Ruf "Es lebe die Anarchie" lässt gefestigtes Weltbild, belegtes Wissen und nachhaltigen Widerstand vermuten. Doch im Lauf der Auseinandersetzung zerbröseln diese drei "Ws" wie ein mürbes Plätzchen vom vorigen Weihnachtsfest. Das beginnt damit, dass jeder der beiden Freunde überzeugt ist, die Wahrheit für sich gepachtet zu haben. Das eskaliert darin, dass sie selbst, ebenso wie fünf weitere, imaginäre Menschen immer weitere, vermeintlich felsenfeste Wahrheiten ins Spiel bringen. Das mündet schließlich, man ahnt es, bevor es geschieht, in Angst, Unsicherheit und Verzweiflung.

Neue Inszenierung: Ah Q (Hilmar Henjes) träumt von der Revolution. Aber wie soll das gehen, wenn man in einem Loch haust und nur einen trinkenden Theoretiker als möglichen Kompagnon hat?

Ah Q (Hilmar Henjes) träumt von der Revolution. Aber wie soll das gehen, wenn man in einem Loch haust und nur einen trinkenden Theoretiker als möglichen Kompagnon hat?

(Foto: Christian Flamm/oh)

Das Verblüffende daran: Dieses Stück ist fast vierzig Jahre alt. Verfasst von einem, der gefangen war hinter der Wahrheits-Mauer der DDR, sich für deren Fall stark machte und bis heute ein überzeugter Linker geblieben ist, wo immer man das inzwischen verorten mag. Denn genauso wie die Ensembles, die das Stück spielen, und das Publikum, das es sieht, hat auch Hein seine eigenen Wahrheiten, bekommt auch er Geschichten zu hören, die sie verstärken oder bezweifeln, und bewegt sich auf dem gleichen wackeligen Grund zwischen Vermutung und Sicherheit wie wir alle.

Eine große Wippe, Livemusik und der Zufall sind in dieser Inszenierung machtvolle Bühneneffekte

Was unmittelbar zum Kern der Wasserburger Inszenierung führt. Das Bühnenbild ist schlicht, schlichter geht es kaum. Der ganze Raum ist wie leergefegt, nur schwarze Wände mit eingelassenen Türen und die stählernen Laufbühnen im ersten Stock sind übriggeblieben. Das verstärkt den üblichen Werkraum-Charakter noch mehr und reduziert die optischen Ablenkungen auf ein Minimum. Dafür konzentrieren sich die Seh-Wahrnehmungen ganz auf die "Schräge", die sich Regisseur Bertram mitten in den Raum gewünscht hat: eine in jede Richtung kippbare Fläche, die auf jede Bewegung der darauf verteilten fünf Menschen hochsensibel mit Schwankungen reagiert. Mitunter reicht eine Handbewegung, damit sie alle den Halt verlieren und mühsam gegensteuern müssen. Diese Wirkung verstärkt ein kleiner Luxus, den sich Regie und Theater leisten: Eine sehr reduzierte, aber umso machtvollere Live-Bühnenmusik (Georg Karger, Anno Kesting, Wolfgang Roth). Andere hätten hier zur Konserve gegriffen - und damit dramatische Wirkung verschenkt oder gar zerstört.

Aus Bühnentechnik und Musik entstehen dramaturgische Effekte, die das Gesprochene nicht nur verstärken, sondern ins Multi-Dimensionale vervielfältigen, geboostert durch den sowohl gefährlichsten wie auch verführerischsten Bühneneffekt: den Zufall. Das Wasserburger Ensemble mag solche Effekte, das haben sie einprägsam in den schwingenden Fass-Schaukeln bei "Leonce und Lena" und anderen Aufführungen zuvor gezeigt. Die vermittelte Botschaft ist eindeutig: "Wahrheit" ist ein trügerisch sicherer Grund, der leicht ins Wanken gerät. Der Boden unter den Füßen, das weiß schon das Sprichwort, kann leicht verloren gehen, und wer die Kontrolle verliert, landet im Abgrund. Schon deshalb, weil man sich auf die ausgleichenden Einflüsse der anderen nicht mehr verlassen kann. Das ist hochspektakulär, fesselnd und bezwingend in der Kraft, die das unmittelbare Beobachten auf den Gang der eigenen Gedanken hat.

Neue Inszenierung: Ebenfalls nur schwer beeinflussbar: die hängenden Fässer bei "Leonce und Lena" am Theater Wasserburg.

Ebenfalls nur schwer beeinflussbar: die hängenden Fässer bei "Leonce und Lena" am Theater Wasserburg.

(Foto: Christian Flamm/oh)

Wie stets zeichnet sich das Ensemble in Wasserburg durch seine pointierte, blitzsaubere Artikulation aus. Andreas Hagl, Susan Hecker, Hilmar Henjes, Carsten Klemm, Nik Mayr, Rosalie Schlagheck und Annett Segerer - in individueller Ausprägung so einig und überzeugend, wie man es sich nur wünschen kann. So soll, so muss Sprechtheater sein, wenn es eine Botschaft hat, die über den Moment hinaus wirken soll. Angesichts der damit erzeugten, überwältigenden - ja! - sinnlichen Impulse sei dem Publikum der kommenden Vorstellung geraten, ausgeruht und frei von gedanklicher Last ins Theater zu kommen.

Leicht verliert man sich im eigenen Labyrinth von Wahrheit, Vermutung und Ahnungslosigkeit

Denn gerade im ersten Teil des Stücks, in dem sich ein Gewitter aus Wahrheitswolken und Sprachblitzen aufbaut, kann es sonst leicht geschehen, dass man sich verliert. Das man, einerseits, hängenbleibt an einem oder zwei Sätzen, zu sinnieren beginnt über deren Sinn, Unsinn und Wirkung und sich verliert im eigenen Labyrinth von Wahrheit, Vermutung und Ahnungslosigkeit. Was aber, andererseits, nicht unbedingt nachteilig ist, weil man dank der höchsten schauspielerischen Qualität des Ensembles schnell wieder hineinfindet ins Geschehen, um dann gleich mit der nächsten Geschichte konfrontiert zu werden. Ja, das ist anstrengend, fernab aller Komfortzonen, fernab aller wohlfeilen Unterhaltung, aber aller Mühen wert - und großen Beifall.

Theater Wasserburg: "Die wahre Geschichte", weitere Aufführungen am Sonntag, 10. Juli, sowie 17., 29. und 30. Juli, Beginn jeweils um 20 Uhr. Die Abendkasse öffnet eine Stunde zuvor.

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