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Theater in Staudham:Verrückte Geschichte

"Da Kini-Schiaßer" fügt den vielen Legenden um Ludwig II. eine weitere hinzu: Das Stück balanciert geistreich zwischen Mysterienspiel und Volkstheater

Nennen wir ihn "Märchenkönig". Dann können wir den Leuten Märchen über ihn erzählen. Das ist gut fürs Geschäft. Selbst im Jahre 2019 noch liefern das Leben Ludwig II. und sein mysteriöser Tod einem Autor den Stoff, ein Stück auf die Bühne zu bringen. Jörg Herwegh, der das Theaterstück "Da Kini-Schiaßer" sowohl geschrieben hat, als er die Hauptfigur auch selbst verkörpert, macht dieses Businessmodell sogar zur Grundlage seiner Darstellung, wie's gewesen sein könnte. Damals am 13. Juni 1886 in Berg am Würmsee, als der König in Begleitung des "Irrenarztes" Dr. Bernhard von Gudden einen ebenso überraschenden wie rätselhaften Tod fand.

Denn seine Figur Girgl Mooseder gehörte als Soldat der leichten Reiter, als Chevauleger, zu denen, die den König vor jenen "Fangkommissionen" schützen sollten, die ihn nach seiner Entmündigung aus dem Verkehr ziehen wollten, entmündigt als "seelengestört" und "unheilbar". Zunächst bewährt sich dieser Schutz, doch dann, bei einem zweiten Fangversuch, kann die Leibwache die Internierung nicht mehr abwenden. Ludwig droht das gleiche Schicksal wie seinem geistesgestörten Bruder Otto, der schon in Fürstenried weggesperrt ist. Dann sein Tod in der Pfingstnacht - und keine offenkundige Erklärung in Sicht, sondern nur Gerüchte, Vermutungen, Ahnungen. Oder eine Lebenslüge, wie sie sich der Girgl zurechtlegt, der - so viel sei, schon des Titels "Kini-Schiaßer" wegen, verraten - mehr mit dem Tod des Monarchen zu tun haben könnte, als es die Geschichtsbücher hergeben. Diese Lüge nutzt er ausdauernd, um neugierigen Städtern beim Besuch der historischen Stätten ein sattes Trinkgeld aus der Tasche zu ziehen. Aber bei aller Ausdauer zerreibt und zermürbt ihn die Erinnerung an jene Stunden so sehr, dass er langsam aber sicher daran zugrunde geht, hinein bis ins Jahr 1906, da Kaiser Wilhelm II. das Deutsche Reich regiert und die Bayern so zerrissen sind zwischen Geschichte und Gegenwart, dass sich ihre Glorifizierung des gottgleichen Ludwig ins Fantastische steigert.

Theater Herwegh Bairische Komödie Wasserburg Da Kini ââ'¬â€œ Schiaßer oder Der Mann, der Ludwig Zwo erschoß Volkskrimi von Jörg Herwegh

Lebenslüge oder Erinnerung?

(Foto: Ulrich Pfaffenberger)

Über zweieinhalb Stunden gibt Herwegh dem Autor, den Schauspielern und dem Publikum, um sich in diesem Panoptikum zu bewegen. Indem er nur geringfügig die Perspektiven verrückt, gelingt es ihm, manche Verrücktheit zur Normalität zu machen und umgekehrt. Ein Zurechtfinden erscheint unmöglich angesichts des wild wuchernden Stoffs, ein lineares Erzählen ist es sowieso nicht. Also bewegt sich das Stück auf zwei Zeitebenen - dem Todesjahr des Königs und der Offenbarung des "Kini-Schiaßers" - sowie auf diversen Gefühlsebenen, bei denen der Übergang zwischen Traum und Wirklichkeit, zwischen Dichtung und Wahrheit über kurz oder lang so verschwommen ist, dass man alles glaubt, was einem da erzählt wird, oder nichts.

Selbst wenn Mooseder konstatiert "I bin a anerkannter Depp, i hab Narrenfreiheit", selbst dann mag man seine Geschichten nicht grundsätzlich abtun. Irgendetwas wird schon dran sein, denkt man sich, Nährboden allen Stammtischgeschwätzes und aller Fake News. Man schnappt begierig nach dem, was die eigene Neugier, den momentanen Gedankengang zu befriedigen scheint, und gleich danach nach Luft, weil man sich auf dem Holzweg wiederfindet. Es sind die kleinen, plausibel erscheinenden, manchmal schon bekannten Einzelheiten, die zur Wahrheit erheben, was Spekulation ist, und in Zweifel ziehen, was doch gesichertes Wissen ist. Es könnte genau so gewesen sein oder alles ganz anders: Wahn? Wirklichkeit? Wunschdenken? Keine ruhige Minute lässt einem dieses Stück, erst recht keine langweilige. Wer am Ende beim Blick auf die Uhr überlegt, ob's nicht ein bisschen kürzer auch hätte sein können, dem fällt nichts ein, was weglassenswert gewesen wäre.

Theater Herwegh Bairische Komödie Wasserburg Da Kini ââ'¬â€œ Schiaßer oder Der Mann, der Ludwig Zwo erschoß Volkskrimi von Jörg Herwegh

Autor Jörg Herwegh spielt selbst die Hauptrolle, den "Kini-Schiaßer".

(Foto: Ulrich Pfaffenberger)

In einer geistreichen, sprachlich sehr schönen, zwischen Mysterienspiel und Volkstheater balancierenden Darbietung, taucht das Ensemble so tief in den Stoff ein, dass man schon genau aufpassen muss, um das Gespielte, das Schauspielerische noch wahrzunehmen. Mancher Regieeinfall, manche Kostümierung ist eines Shakespeare würdig, manches Wortspiel eines Bernard Shaw, manches Irrlichtern eines Milos Forman; alles zusammen bewirkt intravenöse Fantasie-Stimulation. Selbst Doppelt- und Dreifachrollen stören nicht, auch nicht das angeschlagene Mobiliar und das stellenweise arg improvisierte Bühnenbild. Vermutlich hätten Steps Lossin, Simon Mühlbacher, Constanze Baruschke, Marion Michel, Beate Gnatzy, Andreas Faltermeier und Jörg Herwegh auch vor einer weißgekachelten Wand spielen können, ohne dass es an Wirkung gefehlt hätte. Königlicher Applaus im vollbesetzten Haus für den unsterblichen Ludwig und eine neue, schöne Legende zu seinem ewigen Leben.

Der Volkskrimi "Da Kini-Schiaßer" in der Landwirtschaft Staudham, weitere Spieltermine: Samstag, 7., und Sonntag, 8. Dezember, sowie 10., 11. und 12. Januar, freitags und samstags um 20 Uhr, sonntags um 19 Uhr. Ein Menü vorab kann per Mail gebucht werden (info@herwegh.info). Theaterkarten gibt's unter www.theater-herwegh.de.