Theater Bühne statt Hufschlag

Die "Steinseer Reiter" spielen regelmäßig Theater, seit 50 Jahren. Das neue Stück heißt "So wias is - so is", dazu gibt's viel Musik

Von Alexandra Leuthner, Moosach

Im Heu fing alles an. Nein, eigentlich auf einem Heuwagen. Und der war abgeräumt worden, damit alle Platz fanden, die etwas zu sagen hatten. Auf ihre erste Bühne mussten die Laiendarsteller des Steinseer Theaters über eine selbst geschreinerte Holzleiter hinaufklettern, und viel Platz hatten sie da oben nicht. Die Reithalle drum herum war vollgestellt mit Bierbänken für 150 Gäste. Es kamen aber 500, und kaum ein Quadratzentimeter des Bodens, den im Alltag die Pferdehufe traten, war mehr zu sehen. Reiter, Landwirte und Gäste aus der Nachbarschaft drängten sich zwischen Bier und Brotzeit, feierten das Geschehen oben auf der ungewöhnlichen Bühne, das von einem Theater- und Filmschauspieler angekündigte wurde - mit den Worten "Mein Name ist Kurt Großkurth, Kurt vorne, in der Mitte Groß, Kurt hinten", Worte, die bei den Steinseern zum Standard wurden. Und so nahm die Sache vor 50 Jahren ihren Lauf.

Turbulent wie das Leben - im Gut Georgenberg proben die Darsteller des Steinsee-Theaters ihren Auftritt.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

1968 im Juni hatten sich die ersten 16 Steinseer Reiter zu einem Verein zusammen getan, es wurden 40 im Laufe der ersten Monate. Schnell war klar, dass so ein Verein nicht nur vom gemeinsamen Sport, sondern auch von Geselligkeit lebt, und so stieg schon im ersten Jahr eine Weihnachtsfeier samt Engelchen und Nikolaus.

Albert Finkenzeller, vor ein paar Wochen ist er 80 Jahre geworden, erinnert sich noch lebhaft. Kurz nachdem sich die Reiter damals um den Theatermenschen Hubert Bichlmeier geschart hatten, war er selbst zu der Truppe gestoßen. Heute ist er so etwas wie "Generalintendant" der Theatertruppe, in der jetzt die Kinder und Enkelkinder der Gründerväter spielen. Längst hat Finkenzeller das Stückeschreiben übernommen, obwohl "ich doch gar kein Theatermensch bin". Doch weil es ihm gar so einen Spaß macht, spielt er natürlich auch selbst mit - und gibt gern den bayerischen Grantler, so wie im diesjährigen Jubiläumsstück.

Am kommenden Wochenende findet die Jubiläumsvorstellung statt.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

"Wieso soll ich für's Foto freundlich schauen? Die andern kennen mich doch nur mit am grimmigen G'sicht", brummelt er, gemütlich in seinem Büro für lärmabsorbierende Wandverkleidungen in Hohenbrunn sitzend, und lacht dann doch verschmitzt in die Kamera. Schließlich geht es ums Steinseer Theater, und das ist Teil seines Lebens, so wie die Reiterei, seine Familie und sein Beruf. Im letzteren hätte er sich längst zur Ruhe setzen können, die Reiterei allerdings hat er aus Altersgründen vor ein paar Jahren aufgegeben und das Hobby seiner Tochter überlassen. Die begleitet er jetzt zum einen oder anderen Turnier, Pferdeluft schnuppern - was ein echter Reiter ist, der kann gar nicht anders.

Albert Finkenzeller ist Mann der ersten Stunde, er schreibt die Stücke und spielt natürlich auch selbst.

(Foto: Alexandra Leuthner)

Doch das Theater, davon kann Finkenzeller nicht lassen - und ohne ihn würde es wohl auch nicht funktionieren. In den ersten Jahren hatte Hubert Bichlmeier, auch er natürlich gern per Pferd unterwegs, die Stücke geschrieben. Seine Theatererfahrungen hatte er beim legendären Platzl in München gesammelt, und so sei keine Weihnachtsfeier vergangenen, bei der nicht der "gespielte Witz" zur Agenda gehört habe, erinnert sich Finkenzeller. Auch die guten Beziehungen zu Schauspielerkollegen wie Kurt Großkurth oder dem "Blädel Schorsch" hatten die Steinseer Bichlmeier zu verdanken. Beim ersten Hallenfest traten die "Tanzenden Münchner Kindl" auf, erstmals gehörte der damalige Moosacher Bürgermeister Rudolf Obermayr zu den Gästen - heute ist die erste Reihe standardmäßig für die lokalpolitische Prominenz reserviert. Selbst einige der Bauern aus der Umgebung, die man eingeladen hatte, saßen 1973 an den Biertischen. "Des war ja damals ein problematisches Verhältnis", erzählt Finkenzeller. Die Münchner Reiter waren nicht nur hoch zu Ross als "Stodterer" so manchem Bauern ein Dorn im Auge.

Jedes Jahr bringt die Truppe ein Stück auf die Bühne.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Dessen ungeachtet wurde aus dem ersten Fest eine Tradition. Jedes Jahr bringt die Truppe seither ein Stück auf die Bühne - das die Dimensionen eines Heuwagens längst gesprengt hat. Man zog um nach Oberpframmern zum Neuwirt, dann in die Mehrzweckhalle, "eine richtig gute Bühne haben die da", sagt Finkenzeller. Doch die Atmosphäre bleibt auch mit dem schönsten Bühnenschmuck die einer Turnhalle. Und so war man froh, im stimmungsvollen Gut Georgenberg eine neue Aufführungsstätte zu finden. Erstmals im vergangenen Jahr traten die Reitersleut und ihre Mitstreiter dort auf, sozusagen als Generalprobe für das 50-Jährige. Am kommenden Wochenende ist es soweit.

Ein paar mehr Karten hoffen die Steinseer noch unter die Leute zu bringen, sagt der Generalintendant. Mit den Jahren sind auch die Kosten gestiegen: Headsets, Raummiete, Musiker - alles will bezahlt werden. Gute Beziehungen helfen den Steinseern zwar auch hier: Einer aus der Truppe ist Soldat, selbst Musiker, und hat den Kontakt zum Musikkorps der Bundeswehr hergestellt, so dass das heuer 22-köpfige Ensemble nicht nur mit dem Einakter "So wias is - so is" punkten kann, sondern auch mit dem musikalischen Teil des Programms, dabei Stücke wie Konstantin Weckers "So a saudummer Dog", Mancinis "Baby Elephant Walk" oder Haindlings "Ewiges Lied".

Im Stück - in dem Autor Albert Finkenzeller einen Angeklagten vor Gericht spielt, der irgendwie einen Maßkrug am Kopf eines Spezls klein bekommen hat - geht's ein bisserl um Vorurteile, ein bisserl um den Dieselskandal und ein bisserl um allzu menschliches Theater. Tiefgründig müsse es nicht sein, was er schreibe, sagt Finkenzelller, aber unterhaltsam - und bayerisch. Was aber gar nicht immer so einfach sei. "Vor 50 Jahren haben wir jemanden gesucht, der Hochdeutsch spricht, da haben wir uns schwer getan. Heute ist es genau umgekehrt, heute spricht keiner mehr Dialekt."

Die "Steinseer Theatertruppe" spielt am Freitag, 16. März, um 20 Uhr, am Samstag, 17., um 19 Uhr und am Sonntag, 18. März, um 18 Uhr im Festsaal des Guts Georgenberg in Glonn. Die Gastronomie ist jeweils zwei Stunden vor und nach der Vorstellung geöffnet. Der Eintritt kostet 19,50 Euro. Karten gibt's unter www.steinsee-theater.de oder bei Inge Balk unter (089) 670 12 51.