Feste im Landkreis:Nicht ohne meinen Truthahn

Lesezeit: 5 min

Feste im Landkreis: Ohne den traditionell zubereiteten "Turkey" geht an Thanksgiving gar nichts. Dabei hat jede Familie ihr eigenes Rezept.

Ohne den traditionell zubereiteten "Turkey" geht an Thanksgiving gar nichts. Dabei hat jede Familie ihr eigenes Rezept.

(Foto: Imago images)

Für Betsy Hollweck ist Thanksgiving ein besonderer Feiertag - daran ändert auch die Tatsache nichts, dass die Amerikanerin seit 1989 in Deutschland lebt. Über Vorfreude, Familienbesuche - und warum bei ihrem Essen "die drei Schwestern" auf keinen Fall fehlen dürfen.

Von Michaela Pelz, Vaterstetten

Wege, um sich zu bedanken, gibt es viele. Die eine sagt's mit Blumen, der andere bringt Schokolade vorbei und die Amerikaner haben ein ganzes Fest dafür erfunden. Sie nennen es Thanksgiving und jeder von ihnen, der auch nur den Funken einer Möglichkeit dazu hat, wird Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um diesen Tag mit seiner Familie verbringen zu können. Das weiß man dank einschlägiger Filme auch hierzulande.

Betsy Hollweck braucht keine solche cineastische Nachhilfe. Als Amerikanerin ist sie von Kindheit an bestens mit dem Thema vertraut. Warum dieser vierte Donnerstag im November den Menschen so wichtig ist, dass sie ihn unbedingt mit Freunden, Verwandten und manchmal auch völlig Fremden verbringen wollen, erklärt die Wahl-Baldhamerin damit, dass alle Ethnien des Landes diesen Feiertag begehen könnten, sei er doch losgelöst von jeder Religion. Angeblich habe Abraham Lincoln im Jahr 1863, mitten im Bürgerkrieg, alle dazu aufgerufen, innezuhalten, ihre Positionen zu überdenken und sich daran zu erinnern, warum das Land gegründet wurde. Danke sagen sollten sie für alles, was sie hatten. Seitdem wird der Tag jährlich begangen.

Zu Thanksgiving fährt jeder nach Hause

Die Beschreibung des Ablaufs gleicht in Teilen verblüffend europäische Festtagsvorbereitungen. Am Tag vorher (für Thanksgiving ist das dann der Mittwoch) wird im ganzen Land gereist, was das Zeug hält, angesichts dieser Zusammenkunft der ganz besonderen Art. "Auch die Kids, die im Herbst ihr Studium begonnen haben, kommen zum ersten Mal wieder nach Hause." Am Donnerstag selbst bringen manche Gäste eine "Casserole" mit, einen Auflauf. Nach der Ankunft begeben sich die Frauen in die Küche, die Männer sitzen entspannt im Wohnzimmer und quatschen.

Natürlich sind mittlerweile auch in den Staaten meist alle Familienmitglieder in die Essenszubereitung eingebunden - so wie es in der Zwischenzeit auch vegetarische oder sogar vegane Alternativen zum traditionellen Truthahn gibt. Eine Freundin von Hollweck etwa stellt einen gefüllten Kürbis auf den Tisch.

Feste im Landkreis: Ob Firmenevents oder Kurse mit Kindern - in der Küche ist Betsy Hollweck in ihrem Element. Heuer gibt sie an der VHS Vaterstetten erstmals einen Thanksgiving-Kurs.

Ob Firmenevents oder Kurse mit Kindern - in der Küche ist Betsy Hollweck in ihrem Element. Heuer gibt sie an der VHS Vaterstetten erstmals einen Thanksgiving-Kurs.

(Foto: Christian Endt)

Die Wahl der Speisen beim traditionellen Mahl ist dabei kein Zufall. Man nahm und nimmt regionale Produkte - den Truthahn etwa fand man ursprünglich wildlebend in den Wäldern Nord- und Mittelamerikas. Seine Farbe: braun. Hollweck lacht, als sie erzählt, wie sie fassungslos vor ihrem ersten deutschen Truthahn gestanden habe. "Ich fragte: Was ist das denn für ein Vogel?! Er war nämlich weiß!"

Wetter und Landschaft erinnern an Pittsburgh

Nicht nur an die unterschiedlichen Geflügel-Rassen musste sich die aus Pittsburgh stammende Frau gewöhnen, seitdem sie in Deutschland lebt, mit Unterbrechungen ab 1989. Erst war sie zwei Jahre in Münster, Westfalen, dann kam sie nach Bayern. Zwar ähnelt hier viel den Gegebenheiten in ihrer alten Heimat - vom Wetter bis zur Landschaft. Dennoch waren viele der gewohnten Früchte- und Gemüsesorten hierzulande bis vor einigen Jahren nicht problemlos erhältlich.

Cranberrys zum Beispiel, die man an Thanksgiving je nach Region ebenfalls braucht. Oder Kürbisse. "Eigentlich habe ich den Leuten in München erst gesagt, was sie damit machen können", sagt Hollweck und lacht. Und das kam so: Elf Jahre lang betrieb sie einen Stand auf dem Viktualienmarkt, führte dort beispielsweise auch den Verkauf von Koriander ein - "den kannte niemand". Als es dann Muskatkürbisse aus Frankreich und Hokkaidokürbisse gab, konnte die Amerikanerin ihrer Kundschaft Tipps für die Verarbeitung geben. Dasselbe galt für Süßkartoffeln.

Die Zeit auf dem Viktualienmarkt habe sie als sehr bereichernd empfunden, sagt die 66-Jährige - besonders an den Tanz mit den Marktweibern denkt sie sehr gern zurück, selbst wenn die Umstände durchaus fordernd gewesen seien: "Oft hast du im Dunkeln angefangen und im Dunkeln wieder aufgehört."

Feste im Landkreis: Die Erinnerung an den Tanz mit den Marktfrauen hängt im Flur von Hollwecks Baldhamer Wohnung.

Die Erinnerung an den Tanz mit den Marktfrauen hängt im Flur von Hollwecks Baldhamer Wohnung.

(Foto: privat/oh)

Aber es gibt so viel, was Hollweck im Lauf ihres Lebens gern gemacht hat. Zum Beispiel den Job zur Studienfinanzierung in einem New Yorker Off-Broadway-Theater - denn "Kostüme zu nähen war deutlich interessanter als Altfranzösisch". Oder das Betreiben eines Teeladens in Pennsylvania, wo sie die Kundschaft erst einmal mit losem Tee vertraut machen musste. Die Teilnahme am Kunstprojekt "Türmer München", jedoch nicht unter dem Aspekt der künstlichen Entschleunigung: "Introspektion" besitze sie auch so - über die bayerische Entsprechung in diesem Zusammenhang ("bled schaugn") kann sie sich köstlich amüsieren.

Doch nun hat die, man möchte meinen, geborene Pädagogin, aus einem Lehrerhaushalt stammend, das Unterrichten für sich entdeckt. Aktuell tut sie dies mit viel Herzblut und Engagement an der Grund- und Mittelschule, außerdem bietet Hollweck seit 2018 neben Englisch- auch Koch- und Backkurse an der VHS Vaterstetten an. Alles in allem derzeit sechsmal in der Woche - die Wochenenden nicht mitgerechnet. Wie die Bewerbung aussah, schildert sie, während ihre Augen spitzbübisch hinter den Brillengläsern blitzen: "Ich ging ins Büro, und sagte: Ich spreche Deutsch zwar nicht so perfekt, aber ich kann Englisch, ich kann kochen und ich kann unterrichten - ihr braucht mich."

Das kann VHS-Geschäftsführer Helmut Ertel nur bestätigen. Er verstehe sich glänzend mit dieser Dozentin, vielleicht auch, wie er lachend hinzufügt, weil nicht nur seine, sondern auch ihre Vorfahren aus der Pfalz stammten. Eine hervorragende Kursleiterin sei sie. Ungestelzt, pragmatisch, ungemein flexibel. "Bei Bedarf macht Betsy auch zwei Veranstaltungen nacheinander oder stellt sich für Firmenevents oder die ständig steigenden Anfragen im Bereich Koch-Kindergeburtstage am Wochenende in die VHS-Küche." Fast folgerichtig sei es, dass sie nun neben dem 2021 gestarteten Halloween- auch einen Thanksgiving-Kurs anbiete.

Herzstück des Essens: der Turkey

Doch was genau steht da auf dem Speiseplan? "Truthahn natürlich, mit Füllung und Dressing." Die Füllung - genannt "Stuffing" - werde in den USA je nach Lebensmittelpunkt unterschiedlich zubereitet: Im Norden wird Weißbrot verwendet, im Süden nimmt man Maismehlbrot. "Und hier in Bayern natürlich Knödelbrot!" Das "Dressing" sei das, was daneben liege. Gerne Sellerie, Rosmarin oder Tamarinde, weil "Amerika so multi-kulti ist". In diesem Zusammenhang erzählt die Koch- und Backexpertin, wie sie sich regelmäßig über Fotos ärgere mit Beilagen, die absolut nicht im Rezept stünden. "Nur weil dem Fotografen die Optik gefiel."

"Schönheit vor Echtheit" wird es bei Hollweck also sicher nicht geben. Aber was denn dann auf jeden Fall? "Etwas aus der Lebensmittelgruppe der drei Schwestern, also Mais, Bohnen, Kürbis. Cranberry-Sauce. Semmeln, Maisbrot, Gemüse der Saison, und natürlich Pie. Pumpkin Pie (siehe Kasten). Und vielleicht Zitronen-Meringue Pie, oder etwas mit Schokolade."

Neben speziellen Tipps zur Essenszubereitung - "Ich brate den Turkey immer zuerst mit der Brust nach unten, so dass der Saft nach unten fließt, dann drehe ich den Vogel um, um die obere Haut zu bräunen" - hat Hollweck auch Geschichten über typische Bräuche auf Lager. So soll die Begnadigung des Truthahns im Weißen Haus zurückgehen auf Abraham Lincolns Sohn Tad, der das fürs Weihnachtsessen bestimmten Tier als Haustier adoptiert hatte. Seit George W. Bush 1989 den Gnadenakt offiziell etabliert hat, verbringen die dergestalt Verschonten den Rest ihres Lebens an verschiedenen Universitäten in den dortigen landwirtschaftlichen Abteilungen.

Die Familie trifft sich auf Zoom

Vielleicht wird Hollweck aber auch von der Macy's Thanksgiving Parade erzählen, der größten der Welt, die seit 1924 in New York City stattfindet und an deren Ende der Weihnachtsmann den Beginn der jahreszeitlichen Shoppingsaison einläutet. Das nämlich ist die Beschäftigung, die sich ans Kochen, Reden, Streiten, Versöhnen und Essen anschließt: Man geht entweder Shoppen oder ins Kino. Hollweck selbst zieht es eher in die Natur - ein Auto hat sie nicht, die Baldhamerin fährt alle Strecken mit dem Fahrrad.

Thanksgiving wird die 66-Jährige leider nicht im Kreis der Familie verbringen: Da die beiden erwachsenen Kinder im Ausland leben, muss ein Zoom-Anruf reichen. Vielleicht aber findet sich ja durch den VHS-Kurs eine ganz neue Feiergruppe zusammen - die Chancen stehen gut, er ist schon lange ausgebucht.

Zur SZ-Startseite

Thanksgiving Rezept
:Pumpkin Pie mit Kekskruste

Typisch amerikanisch: Betsy Hollwecks Nachtisch-Rezept für Thanksgiving

Lesen Sie mehr zum Thema