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Tassilo:Künstler für Künstler

Die Schrottgalerie in Glonn bietet seit 22 Jahren Ausstellungen, Konzerte - und stets den ganz besonderen Zauber der Tuchfühlung.

Von Alexandra Leuthner

Ein bisschen Sorge schwingt derzeit mit, wenn sich die Macher der Schrottgalerie an einen Tisch setzen - respektive vor verschiedene Bildschirmen zu einer gemeinsamen Online-Konferenz - und darüber reden, was sie zusammenhält. Und darüber, wie es weitergeht, wenn endlich alles wieder vorbei ist, und die Corona-Pandemie nicht mehr mit all ihren Lockdowns und Kontaktbeschränkungen genau das aushebelt, was die Schrottgalerie im Innersten ausmacht: die Tuchfühlung nämlich.

Schrottgalerie Glonn - Herbstöffnung unter Corona-Auflagen

Zum 15-jährigen Bestehen der Schrottgalerie konnten die Macher noch zusammenkommen.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Die zwischen der Kunst und ihren Liebhabern, den Künstlern und ihrem Publikum, zwischen Bässen und den Beinen, die sie zum Zucken bringen. Das enge Aufeinandersitzen in jenem Mikrokosmos, der in einem alten Stadl entstanden ist vor 16 Jahren, das charakterisiert das besondere Ambiente. Nicht mal das Hygienekonzept des vergangenen Herbstes, mit dem trotz Corona einige Konzerte möglich waren, konnte diesem Zauber etwas anhaben - obwohl nur etwa 30 Gäste rein durften in die Schrottgalerie. "Aber so was hab ich noch nicht erlebt, so eine besondere Stimmung, weil die Leute so ausgehungert waren", schwärmt Hanno Größl, inzwischen Kopf der Schrotterfamilie, nachdem der Gründer Sven Friedel sich weitgehend herausgenommen hat.

"Hier machen Künstler mit Künstlern Kunst", sagt Trompeter Heinz Dauhrer.

(Foto: Christian Endt)

2005 war die Galerie hinübergezogen in die St.-Johannes-Straße mitten in Glonn, im ehemaligen Feuerwehrhaus hatte sie vor 22 Jahren das Leben erblickt. Sven Friedel schuf damals neue Kunst aus altem Eisen, Größl, seines Zeichens Bildhauer, steuerte Skulpturen aus Stein bei, und zugleich boten die beiden Macher Künstlern aus der näheren und weiteren Umgebung die Möglichkeit, auszustellen und zu musizieren, bis es in der Feuerwehr endgültig nicht mehr weiterging. Dann werkelte man sich mit Muskelkraft, dem baulichen Fachwissen des Eigentümers und viel Überzeugung für die gute Sache hinein in die alte Scheune, die der Schrottgalerie bis heute als Heimat dient.

Yvonne Reber, Hanno Größl, Petra und Sven Friedel sowie Werner Bertolan.

(Foto: Christian Endt)

Seither ist ihre Geschichte Woche um Woche, Jahr um Jahr größer geworden. Um die 80 Veranstaltungen jährlich haben die Macher organisiert, freitags, samstags, sonntags, hin und wieder auch mal am Donnerstagabend - und trotzdem gab es eine Warteliste all derer, die nicht oder nicht gleich oder auch nicht gleich wieder zum Zuge gekommen sind. "Es hat noch keiner gesagt, der hier gespielt hat, 'hier will ich nicht mehr hin'", erzählt Musiker Reini Pelz, der erst seit kurzem zum Moderatorenteam gehört, aber seit Ewigkeiten mit verschiedenen Formationen in der Schrottgalerie auftritt - ohne Gage, so wie alle das hier tun. Egal ob es der Zither-Manä ist oder mal eine junge Band aus Ebersberg, die legendäre Veterinary Street Jazz Band oder die Rembetiko-Musiker von Café Diaspora, die bayrischen Blueser Williams Wetsox oder das Bluegras-Quartett Johnny & the Yooahoos. Von Blues und Jazz über Balkanmusik, von Singer-Songwritern bis zu Gipsy Jazz oder "progressiver Volksmusik" reicht das Spektrum der Musik, die in der Schrottgalerie gespielt wird.

Neben Corona besorgt die Fangemeinde auch der bevorstehende Um- und Neubau des Stadls.

(Foto: Christian Endt)

Und die Musiker, die nicht nur aus der Umgebung, sondern oft von weither anreisen, kommen "für umme", nicht nur dann, wenn sie, wie Heinz Dauhrer, zu den Musikanten und den Gastgebern zugleich gehören. Die Künstler nehmen nur mit, was am Ende der Vorstellung im Hut landet. In dem es allerdings nicht klimpern, sondern nur rascheln darf - worauf der Conférencier des jeweiligen Abends stets mehr oder weniger dezent hinweist. Das Grüppchen der Moderatoren übrigens speist und erneuert sich immer wieder aus solchen Gästen wie Pelz oder Dauhrer, "hier machen Künstler mit Künstlern Kunst", formuliert es der Trompeter. Das gehört von den ersten Tagen an zum Konzept, auch, dass man sich beinahe gegenseitig auf dem Schoß sitzt, dass die Musiker fast schon im Klavier Platz nehmen müssen - wenn das alte Instrument, das zur Ausstattung gehört wie die Holzbalken in der Decke und die wechselnden Bilder an den Wänden, nicht gerade integriert wird in den Auftritt.

"Das Wichtigste ist die Atmosphäre, für mich als Trompeter ist das schon etwas ganz anderes, man muss leiser spielen", sagt der Jazzer Dauhrer. Und Reini Pelz erinnert sich an die allerersten Anfänge im Glonner Feuerwehrhaus, "das hat einfach funktioniert, weil es dermaßen skurril war: ein Raum, zwei Fenster, zwei Stühle, ein halber Meter Platz und dann ein paar Bierbänke, und die voll mit Leit'", erzählt er vor dem Bildschirm, zu Hause zwischen Gitarren und einem Kontrabass sitzend. "Und seitlich waren auch noch Bierbänke", wirft Werner Bertolan von einem anderen Bildschirm aus ein. Der Glonner Filmemacher und Regisseur ist seit vielen Jahren Teil des Moderatorenteams, ebenso wie die Künstlerin Yvonne Reber, die an diesem Abend mit Netzschwierigkeiten zu kämpfen hat und sich nicht einklinken kann in die Runde. "Mir war das irgendwann wichtig, die Verantwortung auf mehreren Schultern zu verteilen", erzählt Größl, der genau wie alle anderen nichts verdient an der Schrottgalerie - dafür aber sein ganzes Herzblut hineinsteckt.

Als unabhängige Bühne, die ohne staatliche Subventionen auskommen muss, teilt die Galerie in den Pandemiemonaten das Schicksal vieler kleiner Veranstaltungsorte, was besonders Filmemacher Bertolan kritisiert. Längst schon, findet er, bräuchte es eine Art Künstler-Soli, der all den Idealisten wie es die Schrotter sind, über die Zeit helfen könnte. Im vergangenen Jahr hatte ein Spendenaufruf an die Fangemeinde, die aus dem Landkreis Ebersberg, dem Oberland, dem Münchner Osten und sogar vom Starnberger See herüber kommt, geholfen, die Fixkosten in der veranstaltungsfreien Zeit zu begleichen. "Die starke Identifikation, die das Publikum mit uns gezeigt hat, hat uns übers ganze Jahr getragen", stellt Größl fest, "so was bräuchten wir jetzt eigentlich wieder".

Das Publikum ist es auch, "die ganze große Familie", wie Pelz es nennt, aus deren Mitte der Vorschlag gekommen ist, die Schrottgalerie für den Tassilo zu nominieren - bereits zum zweiten Mal. Als Veranstaltungsort, der, weit weg von namhaften Kneipen und Clubs in München, doch ein Kristallisationspunkt geworden ist für alle, die es mögen, wenn Musik aus Rhythmus, Blues und Herz entsteht.

Dass neben Corona auch der anstehende Um- und Neubau des Stadls in ein Mehrfamilienhaus die Schrotter beschäftigt, dürfte der Fangemeinde Sorgen machen. Statische Probleme haben den zunächst geplanten Umbau der Galerie verhindert, ein kompletter Neubau ist nötig - den alle, auch der Vermieter, wollen. Noch sind aber nicht alle Details geklärt. In Glonn eine andere Heimat für die einzigartige Galerie zu finden, da sind sich alle einig, dürfte ein Ding der Unmöglichkeit sein - es will ohnehin keiner weg aus der St.-Johannes-Straße. Und alle, die schon mal da waren, wieder hin. "Die Warteliste ist durch die Coronaunterbrechung noch mal deutlich länger geworden", erzählt Größl. Schon in der Umbauphase wolle man deswegen in Glonner Gastlocations mit ersten Konzerten wieder starten. Und dann gibt es noch den Plan einer mobilen Bühne für die kommenden Sommermonate, an der sich neben anderen Veranstaltern im Landkreis auch die Macher der Schrottgalerie beteiligen wollen. Im Herbst 2022 könnte es dann wieder richtig losgehen, wenn alles klappt, in neuem Glanz, mit ein paar der alten Balken und der ganzen großen Familie.

© SZ vom 05.05.2021
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