SZ-Kulturpreis Maximilian Leinekugel aus Vaterstetten gewinnt Tassilo-Preis

  • Maximilian Leinekugel wurde mit dem Tassilo-Förderpreis ausgezeichnet.
  • Der Preis ist mit 500 Euro dotiert.
Von Anja Blum, Vaterstetten

Maximilian Leinekugel hat das Potenzial, so manch scheinbare Gesetzmäßigkeit der Klassikszene umzustoßen. Das fängt schon bei der Erweckung des heute 22-Jährigen an: Üblicherweise stehen hinter Wunderkindern gestrenge Eltern, oft selbst Musiker, die das unablässige Üben des Nachwuchses minutiös überwachen. Geht ja nicht anders. Leinekugels Eltern jedoch bezeichnet der Sohn als "lediglich klassikaffin" - mehr nicht.

Zumindest aber ließen sie den kleinen Maximilian Cello und Klavier lernen und gingen mit ihm in Berlin ins Konzert, ein prägendes Erlebnis für den Achtjährigen: die Philharmonie, eine Mahler-Sinfonie, der große Claudio Abbado am Pult - "da hat es einfach Klick gemacht bei mir", sagt der junge Vaterstettener. Von da an wollte er Dirigent werden. "Das ließ mich nicht mehr los." Wenn man der Erzählung von der Entstehung seiner Leidenschaft lauscht, wird also klar: Hier brennt einer nicht für die klassische Musik, weil sie ihm aufgezwungen wurde - sondern weil sie ihn gepackt hat. Nun wird der 22-Jährige mit dem Tassilo-Kultur-Preis der Süddeutschen Zeitung ausgezeichnet.

Engagement mit Taktstock: Maximilian Leinekugel hat ein Kammerorchester gegründet, um Menschen für die Klassik zu begeistern.

(Foto: Veranstalter)

Nicht weniger bemerkenswert ist, auf welch unkonventionelle Art und Weise Leinekugel sich die Welt der Klassik erobert - und sie überdies zu erweitern versucht: Zunächst hat er sich schon sehr früh nicht nur auf sein Instrument, das Cello, verlassen, sondern begonnen, als Dirigent umfassender zu denken und zu wirken. Mit 16 Jahren bekam er das erste Mal Gelegenheit dazu, am Chef-Pult des Schulorchesters im Gymnasium Vaterstetten, und er muss seine Sache sehr gut gemacht haben. Schließlich bekam er den Taktstock fortan immer wieder in die Hand gedrückt.

Mit den Ergebnissen zeigt sich Leinekugel heute zwar nur bedingt zufrieden - das Niveau eines Schulorchesters sei naturgemäß eher wechselhaft, sagt er und lacht - doch der Stein kam ins Rollen: Der Vaterstettener erhielt seinen ersten Dirigierunterricht bei Ulrich Nicolai an der Hochschule München und wurde von der Castringius-Stiftung als musikalisch Hochbegabter gefördert. Als 20-Jähriger leitete er im Rahmen eines internationalen Meisterkurses die Kammerphilharmonie Graz und gewann als jüngster Kandidat den Dirigierwettbewerb der London Classical Soloists. Heute studiert Leinekugel im Master Musikwissenschaft an der LMU, ist Stipendiat der Bayerischen Elite-Akademie und der Studienstiftung des deutschen Volkes.

"Orchestermusik muss überhaupt nicht langweilig sein"

Doch damit ist Maximilian Leinekugels Geschichte noch längst nicht zu Ende - es ist etwas anderes, das ihn nun zum Tassilo-Preisträger der Süddeutschen Zeitung macht: Der junge Vaterstettener hat eine Mission. Er möchte die klassische Musik, die in seiner Wahrnehmung momentan "einen schweren Stand hat", voranbringen. Leinekugel möchte vor allem junge Menschen dafür begeistern - auf und vor der Bühne. "Orchestermusik muss überhaupt nicht langweilig sein!", sagt er. Wenn er auf dieses Thema zu sprechen kommt, wird der sonst eher reservierte junge Mann richtig emotional: Die Einteilung in U- und E-Musik etwa, die findet er "völlig beschissen" - ob Mozart oder Beatles, es komme doch nur darauf an, die Menschen zu berühren.

Um das mit den Werken der alten Meister zu erreichen, hat Leinekugel - anstatt auf die Einladung eines bestehenden Ensembles zu warten - vor zwei Jahren, also mit gerade einmal 20, selbst ein Kammerorchester gegründet und aufgebaut: die Munich Classical Players. Darin spielen fortgeschrittene Studenten der Münchner Musikhochschule zusammen - und zwar solche, die denken wie der junge Dirigent selbst, denen es nicht nur darum geht, ihr Instrument bestmöglich zu beherrschen und Preise abzusahnen, "sondern die Motivation haben für mehr". Deren Horizont ein bisschen weiter ist.

Denn ein Ziel des Ensembles ist es ausdrücklich, "abseits der großen Münchner Konzertsäle klassische Musik auf hohem Niveau aufzuführen und insbesondere für junge Menschen und Familien interessant und zugänglich zu machen". Deswegen sind die Music Classical Players in der aktuellen Spielzeit mit drei abwechslungsreichen Konzertprogrammen zum Beispiel auch im Kleinen Theater Haar zu Gast. Mit Spielorten vor der Hautür und eher leicht bekömmlichen Programmen möchte Leinekugel die Hemmschwelle senken und den Menschen "eine erste Berührung" mit Orchestermusik ermöglichen.

Dasselbe Ziel, allerdings auf eine etwas andere Weise, verfolgt der 22-Jährige auch in seiner Heimatgemeinde: In Vaterstetten hat er nun ein Orchesterprojekt ins Leben gerufen, das alle jungen Instrumentalisten ansprechen soll. Voraussetzung sind lediglich zwei Jahre Unterricht und ein Mindestalter von zwölf Jahren. In den Osterferien wird geprobt, dann gibt es ein Abschlusskonzert, Gemeinde und Musikschule machen das Ganze möglich. Gespielt werden Werke der Sinfonik, Oper und Filmmusik. Laut Leinekugel haben sich bereits 28 junge Musiker angemeldet.

"Ich hätte mir so eine Gelegenheit in Vaterstetten gewünscht"

"Als ich selbst in diesem Alter war, hätte ich mir so eine Gelegenheit in Vaterstetten gewünscht", sagt der Initiator, "deshalb will ich sie jetzt anderen eröffnen." Schließlich sei es etwas ganz anders, in einem Orchester mitzuspielen, als einsam im stillen Kämmerlein zu üben. Denn im Ensemble erfahre man ein soziales Miteinander und könne ganz andere Kompositionen ganz anders rezipieren. "Sonate oder Sinfonie - letzteres wird immer mehr begeistern", da ist sich Leinekugel sicher.

Und auch aufgrund der völligen Freiwilligkeit des Angebots - im Gegensatz zum Schulorchester - erhofft er sich eine besonders gute Dynamik. "Da ist ja jeder dabei, weil er es selbst gerne möchte." Eine ähnliche Erfahrung hat er als Cellist bei Attacca gemacht, dem Jugendorchester der Staatsoper. "Ein tolles Ensemble, große Werke, klasse Dirigenten - in so etwas kann man völlig eintauchen." Und so ein Erlebnis möchte er nun unbedingt auch anderen ermöglichen.

Das Dirigieren vergleicht der 22-Jährige mit dem Trainieren einer Fußballmannschaft: "Ein gutes Orchester spielt auch allein ordentlich, aber der Dirigent kann das Ensemble zu noch besserer Leistung motivieren, Blickwinkel eröffnen, inspirieren." Es komme darauf an, dass man das, was man fordere, selbst lebe, dass man dafür brenne, dass Vertrauen entstehe - auf beiden Seiten. Von autoritärem Maestro-Gehabe hält er nichts. "Ich bin nur einer aus der Menge, und zusammen packen wir eine Aufgabe an."