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Tassilo:Hüterin der Leinwand

Altes Kino - Kino Livestream

Ebersbergs Kinomacherin Barbara "Babsi" Lux ist wegen Corona nun auch vor der Kamera aktiv: Sie bereichert das Angebot des Alten Kinos um allerhand Vorstellungen samt Filmgespräch, darunter diverse Premieren mit zahlreichem Publikum.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Kino bringt Menschen zusammen und kann Leben verändern, glaubt Barbara Lux. Darum hat die Filmbeauftragte des Alten Kinos Ebersberg alles drangesetzt, ihr Programm mit kreativen Ideen durch die Pandemie zu führen.

Von Michaela Pelz

Zum Thema "Kino" hat praktisch jeder etwas zu erzählen: vom Eintritt per Schülerausweis mit gefälschter Altersangabe. Vom Original mit Untertitel, das man ob des ausgeprägten Akzents der Akteure nur zur Hälfte verstanden hat. Oder von gemeinsamen Gruselmomenten. "Vom ,Schweigen der Lämmer' hab' ich die Hälfte verpasst, weil ich mich unter meiner Jacke versteckte. Auch meine Schwester konnte mir nicht sagen, was gerade passierte - der ging es genauso", erzählt Barbara Lux und lacht. Heute schaut die 51-Jährige nicht mehr weg, sondern im Gegenteil, ganz genau hin, was sich auf der Leinwand abspielt, ist sie doch beim Alten Kino Ebersberg schon seit fast 20 Jahren für die Auswahl des Programms vom "Mittwochskino" oder "Kino Spezial" zuständig.

Dabei gilt für die gebürtige Wasserburgerin: "Ich will die Leute nicht erziehen, aber es ist mir wichtig, sie zu bilden." Wozu freilich auch intelligente Unterhaltung gehört. Deswegen setzt sie auf einen Mix aus neuen Filmrichtungen, gut besprochenen oder preisgekrönten Streifen ("Mit meiner kleinen seherischen Gabe habe ich schon mindestens fünf Mal absolut unerwartete Oscar-Gewinner gleich nach der Verleihung bei uns gezeigt"), Werken regionaler Filmemacher ("B12 - Gestorben wird im nächsten Leben" hätte sie drei Mal ausverkaufen können), und anspruchsvollen Frauenfilmen ("an Champions-League-Tagen") sowie Dokumentarfilmen. Erst kürzlich gelang es Lux, mit einem solchen gut 1500 Zuschauer zu erreichen. Und generell gilt: Nur dank ihres Engagements und Ideenreichtums konnte sich dieses traditionelle Standbein des Alten Kinos auch in der Pandemie behaupten.

Denn die Filmsparte ist fester Bestandteil der Kleinkunstbühne seit deren Eröffnung 1992. "Damals lag alles in der Hand des Vereins Kulturstudio, Teil dessen ich seit den Ebersberger Filmkulturtagen 1989 war," berichtet Lux. Die alten Freunde besorgen der Orthopädietechnikerin 1993, nach der Rückkehr von einer ausgedehnten USA-, Mexiko- und Zentralamerikareise, nicht nur ein WG-Zimmer, sondern machen sie zum Teil der Filmcrew des Alten Kinos, dem sie schnell auch beruflich verbunden ist.

Kein Wunder also, dass ihr Markus Bachmeier, nach dem Rückzug der Ehrenamtlichen vom Kulturstudio, 2002 die Verantwortung für das "Mittwochskino" überträgt. Gemeinsam überarbeiten sie das Konzept: Nicht ausgefeilte Technik soll im Vordergrund stehen, vielmehr möchte man dem Kinoabend einen würdigen Rahmen verleihen. Mit persönlicher Begrüßung, bevor das Licht ausgeht, sowie viel Gelegenheit zum geselligen Beisammensein. Das Publikum ist begeistert, und der 200-Plätze-Saal bald mindestens einmal im Monat ausverkauft. "Manche schauen mittwochs vorbei, ohne überhaupt zu wissen, was läuft", beschreibt Lux ihr Klientel, das oft sogar allein kommt, weil man immer auf ein bekanntes Gesicht stößt. Zumal unentschlossenen Stammgästen sogar angeboten wird, den Film kurz auszuprobieren: Wem er nicht gefällt, der geht und bekommt sein Geld zurück.

Eine ältere Dame etwa macht von dem Angebot einmal Gebrauch, weil ihr der Film zu wild ist, viel häufiger aber wird Lux noch Wochen später auf der Straße angesprochen und zu ihrer Auswahl beglückwünscht. Manchmal gesellt sich zur Begeisterung aber auch Bedauern - wie beim Film anlässlich des 70. Geburtstags von Iggy Pop, als eine Zuschauerin gleichen Alters meint: "Also was uns damals alles entgangen ist!" Wenn Lux von solchen Kommentaren erzählt, spürt man, dass es ihr ein Herzensanliegen ist, andere mit dem, was sie akribisch recherchiert und sorgfältig ausgewählt hat, zu berühren. Kritisches, politisches Denken zu fördern. Nicht nur bei jungen Menschen, mit denen sie unter anderem als Jurorin des Jugendkulturpreises zu tun hat. "Filme können Leben verändern", das hat die Hobbyimkerin nicht erst bei "More than Honey" festgestellt: Nach "Salz der Erde" habe sie ihr Konsumverhalten verändert und ihr soziales Engagement verstärkt. "Man darf nicht wegschauen. Sich nicht auf einem Ich-kann-eh-nix-ändern ausruhen!"

Doch dann kommt im März 2020 der Moment, an dem jede Bühne zum Nichtstun verdammt scheint. Auch das Alte Kino. "Markus wollte sehr schnell ein Zeichen senden, dass es uns noch gibt", erinnert sich Lux. Also ruft sie einen Verleiher in Hamburg an, der ihr sofort kostenfrei diverse Kurzfilme zur Verfügung stellt, die sie - stets mit der üblichen Anmoderation - von April bis Juni online zeigen kann. Als dann im Herbst wieder für 50 bis 60 Personen geöffnet werden darf, ist bei jeder Vorstellung das Haus voll. "Die Verleiher haben mich gefeiert." Während der erneuten Schließung im November und Dezember konzentriert das Alte Kino sich auf die Eigenproduktion "Vollbremsung" - nicht ohne Kurzfilme von Lux.

Anfang 2021 erfindet Lux sich und den Filmmittwoch schließlich ganz neu. Erst mit der "Dreierreihe", ihrer eigenen Sendung: drei Kurzfilme, drei Rätsel, ein Gewinner - interagiert wird per Chat. Dann telefoniert sie mit W-Film in Köln, einem Verleiher, der möchte, dass auch kleine Kinos überleben und daher auf Kooperation setzt. Lux wiederum will nicht einfach einen Streaming-Link zur Verfügung stellen, sondern dem Publikum das Gefühl geben, im echten Kino zu sitzen. Inklusive Austausch über das Gesehene. Nachgerade perfekte Voraussetzungen also für die Online-Kinopremiere von "Der nackte König" plus anschließendem Filmgespräch mit dem Schweizer Regisseur und einem Historiker aus Potsdam per Stream. Moderation: Barbara Lux. "So nervös war ich noch nie im Leben", gibt sie zu. Was nicht nötig gewesen wäre, wie neben den etwa 1000 Zuschauern offenbar auch der Verleiher findet, denn direkt im Anschluss wird ihr gleich die nächste Premiere angeboten: "Das Fieber - Der Kampf gegen Malaria". Hier schalten sich tatsächlich 1500 Menschen zu - aus Uganda, Kenia, Tansania, Frankreich, Österreich und Deutschland. Zwischen den internationalen Veranstaltungen etabliert Lux außerdem ihren "Filmtalk" mit Chat plus Studiogast für ein anschließendem Gespräch.

Lange habe Streaming als natürlicher Feind des Kinos gegolten, doch das müsse nicht so sein, sagt Lux und weist auf die Kooperation mit "Kino on Demand" hin, eine Plattform, mit der während der Pandemie kleine Häuser am Leben erhalten werden sollen. Außerdem wird auch das hauseigene "Altes Kino TV" bald mit einer Mischung aus kostenloser Mediathek, Video on Demand und Liveveranstaltungen Kultur direkt zu den Menschen nach Hause bringen. Dennoch: Für Lux ist "Online" zwar eine willkommene Ergänzung, aber kein wirklicher Ersatz für echte Begegnungen im dunklen Filmsaal mit kollektivem Stöhnen, Kreischen oder Wegschauen. Außerdem: "Fernsehschauen kann ich eh nicht mehr, da schlaf' ich ein. Ich brauche die große Leinwand." Diese trotz aller Widrigkeiten auch für alle anderen Ebersberger erhalten zu haben, ist der Cineastin mit dem großen Herzen und dem ansteckenden Lachen hoch anzurechnen.

© SZ vom 11.05.2021
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