Tag der Begegnung "Ärmel aufkrempeln und mitmachen"

CDU-Politiker Bernhard Vogel ist Ehrengast des Tages der Begegnung in Ebersberg. Er findet, man müsse sich nicht vor Herausforderungen fürchten.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Der CDU-Politiker Bernhard Vogel, 83, gibt beim Tag der Begegnung seinen politischen Freunden von der CSU einige Lebensweisheiten mit auf den Weg, die gut in die Zeit passen

Von Karin Kampwerth, Ebersberg

"Wer seinen Hund liebt, muss nicht auch seine Flöhe lieben." Diese leichte Abwandlung eines afrikanischen Sprichwortes stammt von Heiner Geißler, 86, und könnte Bernhard Vogel, 83, gefallen. Schließlich haben beide CDU-Politiker eines gemeinsam: Sie sind in einem Alter, in dem sie in ihrer Partei nichts mehr werden wollen und keinem gefallen müssen. Eine gute Basis für Glaubwürdigkeit und dafür, den einen oder anderen Floh anzusprechen, denn mancher Unionspolitiker dem Wahlvolk ins Ohr setzen möchte.

Vogel war Ehrengast des Tages der Begegnung, den der CSU-Kreisverband seit der Wiedervereinigung 1989 am Sonntag auf der Ebersberger Alm zum 26. Mal feierte. An diesem Nachmittag ging es dem 83-Jährigen weniger um den Blick in die Vergangenheit, als um die Begegnung mit Menschen, die in diesen Tagen in Deutschland Zuflucht suchen. 26 Jahre nach der Besiegelung der Deutschen Einheit sei es an der Zeit, an die Zukunft zu denken. "Das braucht Erinnerung und Perspektive", sagte Vogel. Erinnerung daran, dass es den Deutschen öfter gelungen ist, ungewöhnliche Krisen zu meistern. In den 1960er Jahren hätte er wohl jeden, der ihm prophezeit hätte, das zwölf Millionen Flüchtlinge nach dem Zweiten Weltkrieg zu Einheimischen werden oder die Wiedervereinigung gelingt, zum Arzt geschickt. Darauf könne man nun stolz sein. "Ein solches Volk braucht wirklich keine Sorge haben, mit den heutigen Herausforderungen nicht fertig zu werden", sagte Vogel, der sich mehr als Mutmacher denn als Ratgeber verstanden wissen will. "Man muss aber die Ärmel aufkrempeln und mitmachen."

Engagement forderte der gebürtige Göttinger, der als einziger deutscher Politiker Ministerpräsident in zwei Bundesländern - Rheinland-Pfalz und Thüringen - war, auch von seiner Partei und deren bayerischer Schwester. Diese sollten lieber das eigene Profil schärfen, statt sich mit anderen Parteien zu beschäftigen. Das gelte in erster Linie für die AfD. Deren Wähler, so Vogels Eindruck, hätten Sorge, dass der gegenwärtige Wohlstand nicht der Wohlstand der nachfolgenden Generationen sein könnte. Und dass das christliche Europa dem Islam nicht gewachsen sein könnte. Wer die AfD wähle, wolle den etablierten Parteien einen Denkzettel verpassen. Dass die hohe Zahl der Flüchtlinge den nationalistischen Scharfmachern Zulauf beschere, darauf hat Vogel allerdings nur eine Antwort: "Mit Rechtsradikalen dürfen deutsche Demokraten nichts zu tun haben", forderte er unter dem Applaus der Anwesenden die scharfe Abgrenzung seiner Union und der anderen etablierten Parteien gegen Hetze und Rassismus. Schließlich sei das Grundgesetz die Hausordnung dieses Landes. Darin sei das Asylrecht aus gutem Grund fest verankert, weil man Ertrinkende retten und ihnen Zuflucht geben müsse. Genauso müssten Geflüchtete akzeptieren, "dass Männer und Frauen gleich, Staat und Kirche getrennt sind und man bei uns deutsch spricht."

Auch wenn Vogel in der Konsequenz auf jede Art von Populismus verzichtete und weder Begriffe wie "Obergrenze" oder "Begrenzung" für die Flüchtlingszahlen verwendete, sprach er sich klar für die Sicherung der europäischen Außengrenzen aus. Dafür müsse man Griechenland und Italien mehr Unterstützung gewähren. Doch auch die Weltgemeinschaft nimmt er in die Pflicht. Man dürfe sich nicht über hohe Flüchtlingsströme sorgen, wenn gleichzeitig die Hilfe für Zufluchtsnationen wie Libanon gestrichen werde.

Weil ein bevorstehender Feiertag auch von leichten Momenten lebt, flocht der erfahrene Politiker und Rhetoriker passend zum Anlass Unterhaltsames in seine Rede ein, etwa, dass im Herbst 1989 alle von den Ereignissen überrascht worden seien. "Niemand hatte einen Plan, denn es gab zwar immer ein Ministerium für gesamtdeutsche Fragen, aber keines für gesamtdeutsche Antworten."

CSU-Kreisvorsitzender Thomas Huber hatte ebenfalls Anekdoten über Vogel aus der Zeit der Wiedervereinigung recherchiert. Zwölf Mal sei dieser als Ministerpräsident in die DDR gereist, immer begleitet von der Stasi. Deren Erkenntnisse über die Absichten des westlichen Politikers seien aber nicht immer erhellend gewesen. Von einem Abendessen hätte die Stasi etwa berichtet, dass Vogel der Gesprächsführer am Tisch gewesen und teilweise stark mit den Händen gestikuliert habe. "Mit steigendem Alkoholkonsum wurde seine Stimme lauter", zitierte Huber aus dem Bericht, der sich in einem 1600 Seiten umfassenden Dossier über Vogels DDR-Besuche befindet. Die Informationen aber zu verarbeiten, sei aufgrund seines Dialektes nicht möglich gewesen.

Nicht zuletzt gab Vogel den zahlreichen Gästen noch einen Einblick in seine Familienverhältnisse, ist doch sein drei Jahre älterer Bruder Hans-Jochen Vogel als ehemaliger Oberbürgermeister von München und Regierender Bürgermeister von Berlin, Bundesminister, Kanzlerkandidat und Parteivorsitzender nicht minder politisch erfolgreich gewesen, aber eben bei der SPD. "Es ist mir in 83 Jahren nicht gelungen, ihn zu überzeugen", sagte Vogel und ließ Milde walten, denn "er hat seine Pflicht getan, für München, Berlin und seine Partei".