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SZ-Serie Teil 5: Wohnen für alle:Ganz normale Nachbarn

Poing - Wohnhaus für Behinderte des EVB Steinhöring

Nächstes Jahr sollen acht Mitarbeiter des Einrichtungsverbunds Steinhöring in eine Wohngemeinschaft in Poing einziehen. Bauleiterin Magdalena Novak (rechts) und ihre Praktikantin Katerina Katarov sind zuversichtlich, dass alles pünktlich fertig wird.

(Foto: Photographie Peter Hinz-Rosin)

In Poing realisiert die Wohnungsgenossenschaft Ebersberg für acht Mitarbeiter des Einrichtungsverbunds Steinhöring eine maßgeschneiderte WG.

Von Barbara Mooser, Poing

Der Blick vom großen Wohnzimmer fällt auf riesige Metallkörbe voller Stahlträger, vor dem Küchenfenster steht ein kleiner Kran, daneben stapeln sich Holzpaletten. Unter der heißen Augustsonne mauern die Arbeiter gerade den zweiten Stock hoch. Vor dem Winter muss noch der Dachstuhl drauf, dann geht es an den Innenausbau. Genau in einem Jahr um diese Zeit sprießt vielleicht bereits der Rasen vor der kleinen Terrasse; um noch ein paar Sommerblumen zu pflanzen, ist es dann wahrscheinlich schon zu spät.

Das aber dürfte den acht Menschen, die hier an der Bergfeldstraße im Poinger Neubaugebiet einziehen, herzlich egal sein: Ihnen ermöglicht die Wohnanlage endlich das, was sie sich schon lange wünschen - Leute zu treffen, einkaufen zu gehen, zusammen zu kochen, vielleicht bei einem örtlichen Sportverein mitzumachen. Für die meisten anderen erwachsenen Menschen ist das eine Selbstverständlichkeit, für die Menschen, die im Einrichtungsverbund Steinhöring arbeiten, ist es ein gewaltiger Schritt.

Denn in Steinhöring sind Menschen beschäftigt, die durch körperliche, geistige oder seelische Behinderungen gehandicapt sind; für die also rein gar nichts so einfach ist wie für andere erwachsene Menschen. Viele der Mitarbeiter in den Werkstätten wohnen noch bei den Eltern daheim, wie Gertrud Hanslmeier-Prockl, die Leiterin des Einrichtungsverbunds, erzählt.

Es mangelt an Alternativen

Nicht unbedingt, weil sie das wollen, sondern mangels Alternativen: "Aber die meisten wünschen sich ein ganz normales, selbstbestimmtes Leben." Zwar gibt es auch angegliedert an die Werkstätten in Steinhöring oder am Fendsbacher Hof im Landkreis Erding jeweils 80 Wohnplätze, darüber hinaus suchen Hanslmeier-Prockl und ihre Mitarbeiter aber ständig nach Möglichkeiten, kleinere dezentrale Wohngruppen unterzubringen. Das sei schon seit 1977 das Prinzip, sagt sie.

Häufig mietet der Einrichtungsverbund für seine Mitarbeiter Wohnungen oder Häuser an und baut sie um; dass diesmal eine Immobilie gewissermaßen für eine Steinhöringer Wohngruppe maßgeschneidert wird, ist der Zusammenarbeit mit der Wohnungsgenossenschaft Ebersberg (GWG) zu verdanken. Eine Premiere für die Genossenschaft: "Für uns ist das auch spannend", sagt Vorstandsvorsitzender Ulrich Krapf, "vielleicht wird es so etwas wie ein Pilotprojekt."

Als Gertrud Hanslmeier-Prockl die Idee vor einiger Zeit an ihn herantrug, war er zwar grundsätzlich aufgeschlossen, es galt aber noch, einen Ort zu finden, wo man die Idee auch umsetzen könnte. Eine Besprechung mit dem Aufsichtsratsvorsitzenden der Genossenschaft brachte die Lösung: Denn Albert Hingerl (SPD) ist schließlich auch Poinger Bürgermeister - er schlug vor, das Projekt in seiner Gemeinde zu realisieren.

Ein Haus für Singels und größere Familien

Die Steinhöringer WG, die insgesamt 340 Quadratmeter umfasst, ist dabei Teil einer größeren Wohnanlage mit insgesamt 19 Wohnungen. Rundum werden laut Krapf Singles ebenso wohnen wie größere Familien - es wird eben ein ganz normales Wohnhaus. Hinter dem Haus entsteht eine kleine Grünanlage, auf die die Terrassen führen, Abtrennungen sind nicht vorgesehen. "Keine Maschendrahtzäune", sagt Krapf und lacht. Die Bewohner sollen die Möglichkeit haben, sich hier zu treffen, gemeinsam ihren Feierabend zu verbringen. Das sei auch der Wunsch der Steinhöringer gewesen, sagt der Chef der Genossenschaft.

Wer im kommenden Sommer in die neuen Räume einziehen darf, ist noch nicht ausgemacht, erläutert die Leiterin des Einrichtungsverbunds: "Das wird im nächsten halben Jahr fix gemacht. Die Gruppe muss ja auch in sich stimmig sein." Interessenten jedenfalls gibt es genug; auf der Warteliste stehen mehr als 30 Mitarbeiter, die gerne in ein solches Objekt einziehen würden. Geplant wird es völlig barrierefrei, auch Rollstuhlfahrer könnten hier also wohnen. Da es aber nachts nur einen Bereitschaftsdienst gibt; also kein Betreuer direkt hier wohnt, werden laut Hanslmeier-Prockl wohl Menschen mit nicht so großem Unterstützungsbedarf hier einziehen.

Acht Zimmer auf drei Etagen werden für Steinhöring entstehen, der gemeinschaftliche Aufzug der Wohnanlage wurde direkt angrenzend gebaut und erschließt die Zimmer in den beiden oberen Stockwerken. Treffpunkt für die Bewohner wird das 42 Quadratmeter große Wohn- und Esszimmer im Erdgeschoss sein, das auch in den Garten führt.

Breite Gänge, große Bäder

Die Gänge sind breiter, die Bäder größer, auch sonst gab es einiges zu beachten - für die Genossenschaft ist das Projekt durchaus eine gewisse Herausforderung, wie auch Bauleiterin Magdalena Novak bestätigt. Fast jeden zweiten Tag ist sie auf der Baustelle, schaut, ob alles so läuft, wie es laufen soll. "Alles ist im Zeitplan bisher", sagt sie zufrieden.

Auch nebenan hat die Genossenschaft bereits eine Wohnanlage realisiert, die im vergangenen Jahr bezogen wurde. Eine weitere soll im Anschluss an das laufende Projekt in Angriff genommen werden. 64 staatlich geförderte Mietwohnungen wird es also Ende 2018 in Poing geben, das ist die größte zusammenhängende Anlage, die die GWG bisher hat. Das Projekt, das derzeit im Bau ist, wird etwa 5,1 Millionen Euro kosten, dafür gibt es staatliche Fördergelder in Höhe von etwa 2,4 Millionen Euro. 438 000 Euro werden als Zuschüsse ausbezahlt, der Rest als zinsgünstige Darlehen.

Den künftigen Bewohnern in der Steinhöringer WG, deren Verdienst für gewöhnlich nicht hoch ist, wird die Genossenschaft voraussichtlich einen Mietpreis von 5,10 Euro in Rechnung stellen. Ulrich Krapf freut sich, dass es gelungen ist, das Projekt für die Steinhöringer auf den Weg zu bringen: "Das sind Landkreis-Bürger, die dringend Unterstützung brauchen - also genau das Mieterklientel, für das wir bauen."

Wie wehrt sich Ebersberg gegen die Wohnungsnot in einem Landkreis, der schneller wächst als alle anderen? Die Ebersberger SZ sucht in einer achtteiligen Serie nach Antworten. Die sechste Folge erscheint am Montag.

© SZ vom 03.09.2016/koei
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