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SZ-Serie: "Wer die Stunde schlägt", Folge 5:Ein Glockenschlag ersetzt die E-Mail

Die "Feel good"-Glocke hängt in einer Agentur in Sendling und wird betätigt, wenn es Erfreuliches zu verkünden gibt.

(Foto: Natalie Neomi Isser)

In einer Sendlinger Agentur und im "Impact Hub" sind Glocken Instrumente der Motivation: Mitarbeiter können gelungene Abschlüsse mitteilen, neue Projekte und Ideen verkünden - und bei einer kreativen Blockade auch mal um Hilfe rufen

Seit dem 21. August hängt eine Schiffsglocke bei "schalk & friends" an der Wand, an manchen Tagen ist sie mehrmals in den vielen Fluren und Zimmer der Sendlinger Digital-Agentur zu hören. Ihr Klang dringt die Treppen hoch und runter, durch Telefonhörer und in Kundengespräche, mancher Gesprächspartner verstummt irritiert. Aber Inhaber Tobias Schalkhaußer mag nicht wirklich zur Drosselung der Dezibel mahnen. Denn die "feel good"-Glocke wird von Mitarbeitern geläutet, um die Kollegen an einer guten Nachricht teilhaben zu lassen- etwa wenn ein Pitch gewonnen ist, ein Design abgenommen, ein Kunde glücklich, ein Preis errungen, eine Software eingeführt wurde. "Bei uns werden so häufig Projekte fertig, aber nicht alle 50 Mitarbeiter bekommen immer etwas davon mit." Das wollte man ändern.

Die guten Nachrichten sollten sich nicht hinter die täglichen E-Mails und Posts einreihen und in der Menge ungehört verhallen. Die monatliche Runde der "company news" war eine zu rare Plattform, eine Notiz an der Kühlschrank-Tür zu sachlich. "Wir wollten etwas, was einfach ist und ein grundlegend positives Signal gibt", berichtet der 40-Jährige.

Berater Moritz Adam hatte während eines Meetings dann die Idee zur Glocke. Er erwarb ein respektables und somit weittönendes Exemplar in einem Nautik-Geschäft. Die schwenkbare Schiffsvariante hängt gleich hinter dem Empfang, im Foyer sichtbar für alle Besucher und auch für Eilige schnell zu bedienen: "Selbst wenn man schon spät für die U-Bahn dran ist, Läuten geht immer", weiß Schalkhaußer. Wer die Klänge vernimmt und gerade Zeit hat, öffnet die Tür, schaut ums Eck und will den Anlass des Glockenschlags wissen. Wer keine Zeit hat, liest nach: An dem Klemmbrett unterhalb des Glockenseils wird vermerkt, wann warum wer geläutet hat. Die letzte Rubrik ist oft dicht gefüllt mit Unterschriften. Wer in das Signal nicht eingeweiht ist, fragt nach.

Tobias Schalkhaußer freut sich über die rege Resonanz des Offline-Instruments in der Online-Welt der Agentur: "Wir haben keinen 'feel good'-Manager. Aber es ist unser Anspruch, extern und auch im internen Miteinander. Das macht auch die Glocke sichtbar. Wenn man sie nicht beachtet hätte, hätte ich sie wieder abgehängt. Sie sollte automatisch funktionieren, ganz ohne mein Zutun."

In Sendling hängt einige Straßenecken weiter noch eine Schiffsglocke. Wer diese im "Impact Hub" läutet, erreicht auf einen Schlag alle Kollegen auf den 800 Quadratmetern in der Gotzinger Straße. Das Signal tönt von der Teeküche über die großen Tische vorbei an den "Aquarien" - den großen verglasten Meetingräumen - nach hinten in die Arena und hoch zu den Arbeitsplätzen auf den Galerien.

In der umgebauten Lagerhalle ("Gewächshaus" nennt sie Joscha Lautner, einer der Gründer) arbeiten seit März 2014 Start-ups, Freelancer, aber auch Mitarbeiter etablierter Unternehmen. Sie alle profitieren vom gegenseitigen Austausch, von Erfahrungen und Tipps der anderen Mitglieder. "Die meisten, die hierher kommen, haben schon eine Idee oder ein Projekt und suchen eine hilfreiche Umgebung", sagt Community-Managerin Linda Richter. "Hier hütet niemand sein Perlenschächtelchen." Die Idee des Impact Hubs entstand 2005 in London. Mittlerweile nutzen in 49 Ländern mehr als 11 000 Mitglieder diese Arbeitsform der sogenannten Co-Creation.

Wer also nicht weiß, wie er eine Idee prägnant formulieren oder Kontakte zu Kunden knüpfen kann, wer mit einer Blockade hadert oder schlicht neugierig auf Feedback ist, der kann diese Hub-Glocke läuten. Oder er geht in die Teeküche. Oder eine rauchen. Oder er nutzt eines der vielen Hub-Angebote, wie etwa das Konzept des "Kaleidoskops", drei abendliche Stunden, um gemeinsam mit anderen seine Fragen zu betrachten und an einer Lösung zu arbeiten. Hier wie da wird geholfen.

Das belegt die Umfrage vom Juli 2015, bei der die Mitglieder nach dem Einfluss ihrer Arbeitsumgebung und nach der Art des Arbeitens in ihrem Hub befragt wurden. In München gaben 80 Prozent an, andere mit Rat und Feedback zu unterstützen, 41 Prozent arbeiten mit weiteren Mitgliedern in gemeinsamen Projekten, 18 Prozent haben im Hub ein Projekt mit anderen initiiert. Und so läutet die Glocke selten, zumindest aus dem ursprünglich gedachten Anlass. Aber, sagt Linda, "die Glocke ist ein schönes Abbild für unser Arbeiten hier" - für das Teilen von Wissen und Erfahrung.

"Prototyp" steht noch auf dem Zettel neben der Hub-Glocke, "Ausprobiermodus" nennt es die 29-Jährige. "Vielleicht brauchen wir auch ein anderes Format. Wir sind ja selbst immer wieder in der Pionierrolle unterwegs, dazu gehört, dass man mal was ausprobiert, dass aber auch mal was nicht funktionieren darf." Bis dahin bleibt die Glocke etwa an "Sexy Salad"-Tagen ein schlichtes Signal, dass jetzt Zeit wäre, sich für den gemeinsamen Mittagsalat an die Schneidbretter zu setzen.