SZ-Serie: Was bleibt?, Folge 10:Räume wider das Vergessen

Lesezeit: 5 min

Das Erbe von Lois Huber (1923 bis 2007) aus Evenhausen umfasst Tausende Gemälde. Das Museum Wasserburg widmet dem Maler nun erstmals eine Sonderausstellung. Tochter Mathilde Fürstenberger betreibt parallel einen "Bilderladen"

Von Johanna Feckl

Gerade hatten sie ein erstes Werk im neuen "Bilderladen" aufgehängt. Wenige Tage später sei ihr Vater im Schlaf verstorben, erzählt Mathilde Fürstenberger. Das war im November 2007, Lois Huber damals 84 Jahre alt. Mathilde Fürstenberger ist das älteste seiner vier Kinder. Der Bilderladen sollte ein öffentlicher Ausstellungs- und Verkaufsraum für die Gemälde des Vaters werden. Denn der Evenhausener hatte gemalt - ständig und überall, sein Leben lang. Niemand kann sagen, wie viele Bilder sein Gesamtwerk genau umfasst. "In den 1950er- und 60er-Jahren hat er viel verkauft", sagt Fürstenberger. Dokumentiert hat Lois Huber seine Verkäufe jedoch nie, ebenso wenig, wie er seine Bilder auflistete. Sein künstlerischer Nachlass besteht aus knapp 3000 Gemälden und einigen Mappen voller Skizzen, schätzen Fürstenberger, Kitty Winde-Stein und Monika Huber, die das Erbe des Malers gemeinsam verwalten.

Ursprünglich hatte Huber die Räume des Bilderladens gebaut, um dort seine Möbel auszustellen. Denn das war sein eigentlicher Beruf: Schreiner. Doch hätte er als junger Mann in den 1940er-Jahren nicht in der elterlichen Schreinerei gelernt, vielleicht wäre aus dem begabten Maler Lois Huber nie der vielseitige und versierte Künstler geworden, der er war: Denn im Auftrag des Betriebs kam Huber auch an die renommierte Blocherer-Schule für angewandte Kunst in München. "Die haben dort nach dem Krieg neue Fensterstöcke angebracht", erzählt Mathilde Fürstenberger. Als Bezahlung dafür durfte Huber ab 1947 die Schule besuchen und erhielt dort eine Ausbildung zum Kunstmaler. Nach eineinhalb Jahren verlangte der Vater jedoch wieder nach seiner Unterstützung in der Schreinerei in Evenhausen. "Aber mein Vater malte so gut, dass er weiterhin seine Bilder in der Blocherer-Schule einreichen konnte", weiß die Tochter.

Lois Huber

Das Porträt des Bauern brachte der Maler wohl von einer Reise mit.

(Foto: Johanna Feckl)

Bis es den Bilderladen in seiner heutigen Funktion gab, sollten aber noch einige Jahrzehnte vorübergehen. In der Zwischenzeit übernahm Huber den elterlichen Schreinereibetrieb und auch die kleine Landwirtschaft im Milchviehbereich. Er heiratete seine Frau Mathilde und bekam mit ihr vier Kinder, war zwischenzeitlich sogar zweiter Bürgermeister von Evenhausen, bevor die Nachbarsgemeinde Amerang den Ort 1971 eingliederte. Als die Geschäfte für beide Familienunternehmen immer schlechter liefen, sattelte Huber Ende der 60er-Jahre noch einmal um und arbeitete fortan als Grafiker. Schreinerei und Landwirtschaft gab Huber dafür auf. 1983 diagnostizierten Ärzte bei ihm schließlich die Parkinson-Krankheit.

Während all dieser Zeit malte Lois Huber unentwegt. "Das lüftet das Hirn durch, hat er immer gesagt", erzählt Mathilde Fürstenberger. Zusammen mit einem Freund reiste er in einem Bus immer wieder für eine oder zwei Wochen durch ganz Europa und darüber hinaus; in den Süden bis nach Afrika, in den Osten bis in die Türkei. Zurück kam er jedes Mal mit Unmengen an Fotografien, von Landschaften, Straßen, Gebäuden, Innenräumen, Frauen, Männern und Kindern. Die Fotos dienten ihm als Malvorlagen.

Lois Huber

Kitty Winde-Stein, Monika Huber und Mathilde Fürstenberger (von links) kümmern sich um den Nachlass des Künstlers.

(Foto: Johanna Feckl)

Auch in der heimischen Gegend, im Chiemgau, war Huber viel unterwegs, ausgestattet mit Fahrrad und Kamera, immer auf der Suche nach neuen Motiven. Wenn er mit seiner Familie Kurzurlaube an den Chiemsee machte, saß er hinter seiner Staffelei und brachte die idyllische Landschaft mit Farbe und Pinsel auf die Leinwand. "Für uns Kinder war das toll - wir hatten unsere Ruhe und er konnte malen", erinnert sich die Tochter und lacht. Und später, als Grafiker, da porträtierte er seine Kollegen. Huber malte mit Aquarell, Tempera, Öl, Tusche oder auch einfach mit einem schwarzen Fineliner. Bei den Unterlagen war Huber ebenfalls nicht gerade wählerisch: Auch eine Holzplatte, Schallplattenhülle oder Serviette konnte ihm einigermaßen passabel für seine Zwecke erscheinen, wenn gerade nichts anderes greifbar war.

Obwohl Lois Huber in seinen frühen Künstlerjahren von Zeit zu Zeit seine Bilder ausstellte, hatte er nie Ambitionen, von seiner Kunst zu leben. "Dafür war er viel zu unsicher", sagt Kitty Winde-Stein. Die Kunsttherapeutin ist eine Freundin der Familie. Dank ihrer Kontakte kam es Anfang 2007 zu einer Ausstellung in den Gängen des Wasserburger Amtsgerichts - es war die erste kleine Werkschau seit vielen Jahren. Im Alter suchte Lois Huber mit seinen Werken wieder vermehrt die Öffentlichkeit, auch wenn er dies sehr selbstkritisch tat. "Jedes einzelne Bild mussten wir ihm auf dem Balkon bei vollem Licht zeigen, während er im Schatten saß", erzählt Fürstenberger. Ohne ein eindeutiges "Ja" von ihrem Vater durften sie keines seiner Bilder ausstellen.

Lois Huber

Als das Blumenbild entstand, war Huber bereits gezeichnet von seiner Parkinson-Erkrankung.

(Foto: Johanna Feckl)

Aus dem großen Erfolg der Ausstellung im Amtsgericht entstand die Idee des Bilderladens als Ort einer Dauerausstellung mit wechselnden Bildern. Nach der Renovierung der Räumlichkeiten gleich neben dem Wohnhaus von Lois Huber öffnete der Bilderladen an jedem ersten Wochenende im Monat. In gemütlicher Runde konnten sich die Besucher dort bei Kaffee und Kuchen die Werke des Malers ansehen. Jeden Monat standen die ausgestellten Gemälde unter einem anderen Thema. Doch der Künstler selbst starb, bevor er den Andrang auf seinen Bilderladen noch erleben konnte.

Nach dem Tod des Vaters - "das war Chaos pur", erinnert sich Mathilde Fürstenberger. Überall im Haus und im Atelier waren Bilder verteilt, ohne Titel, Jahreszahlen oder Hinweise, was oder wer darauf überhaupt zu sehen ist. Bis heute stapeln sich in Hubers ehemaligem Wohnhaus Gemälde in allen Räumen, nun allerdings mit System. Trotzdem sind noch immer nicht alle Werke archiviert - es sind einfach so viele.

Eigentlich hatte Lois Huber in seinem Testament verfügt, dass sich jedes seiner vier Kinder der Reihe nach ein Bild aussuchen dürfe, und zwar so lange, bis keines mehr da wäre. Die Geschwister waren sich aber schnell einig, dass sie ihrem Vater diesen Wunsch nicht erfüllen werden. Zum einen wäre das bei der schieren Masse an Gemälden und Skizzen eine unmögliche Aufgabe gewesen, und zum anderen wollen sie, dass die Bilder gesehen werden. "In erster Linie ist es uns wichtig, dass sein Schaffen nicht in Vergessenheit gerät", sagt Fürstenberger.

Lois Huber

Eindrücke von nah und fern hat Lois Huber aus Evenhausen künstlerisch verarbeitet. Das Bild mit dem Kran zeigt den Bau der Wasserburger Innbrücke in den 80er Jahren.

(Foto: Johanna Feckl)

In den vergangenen fünf Jahren hat der Bilderladen in Evenhausen nur sporadisch auf Anfrage seine Türen geöffnet. In diesem Herbst wird sich das allerdings wieder ändern: Anlässlich des zehnten Todestages von Lois Huber organisiert das Museum Wasserburg eine Sonderausstellung mit seinen Bildern. Parallel dazu gibt es eine Verkaufsausstellung im Bilderladen, die Fürstenberger zusammen mit Kitty Winde-Stein und ihrer Schwägerin Monika Huber vorbereitet.

Beide Ausstellungen zeigen Auszüge aus dem Gesamtwerk Lois Hubers, das die Landschaftsbilder und Porträts von seinen Reisen und Ausflügen ebenso einschließt wie seine späteren Arbeiten, die mehr und mehr vom Parkinson beeinflusst sind. Mit dem Fortschreiten seiner Erkrankung seit den 80er-Jahren "malte er anders, aber nicht weniger", sagt Mathilde Fürstenberger. Seine Darstellungen wurden abstrakter, weniger wirklichkeitsnah, dafür expressionistischer, träumerischer, die Farben und Pinselführungen fließender und ineinander greifender. Aber nie gab der Maler seine große Leidenschaft auf. Drei Wochen vor seinem Tod malte er noch.

Die Ausstellung im Museum Wasserburg dauert von 20. September bis 5. November, Vernissage ist am Dienstag, 19. September. Öffnungszeiten der Verkaufsausstellung im Bilderladen in der Chiemgaustraße 40 in Evenhausen: 30. September, 1., 21. und 22. Oktober, 4. und 5. November, jeweils von 14 bis 17 Uhr und nach Vereinbarung.

Alle bisher erschienenen Folgen der Serie über die Künstlernachlässe im Landkreis Ebersberg gibt es hier.

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