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SZ-Serie: Mit dem Adventsreporter unterwegs (1):Das große Glühen

Im Garten der Familie Voß in Hohenlinden läuft eine gewaltige Christmas Light Show nach amerikanischem Vorbild. Sinn des Spektakels ist, Spenden für das Herzzentrum München und die kranke Tochter zu sammeln

Hohenlinden- Im Neubaugebiet ist ein UFO gelandet. Zwischen all den noch unbewohnten, dunklen Häusern blinken Sterne, Herzen, Lichterbögen und ein gut drei Meter hoher Kegel durch den Bodennebel hindurch Richtung Hauptstraße. Schon beim Vorbeifahren mit dem Auto zwingt das Haus der Familie Voß dazu, sich kurz in den Oberarm zu kneifen.

Doch: "Wer alles gesehen hat, hat noch nicht alles gehört", stellt Mariola Voß klar. "Die Show" nennt sie ihre Weihnachtsbeleuchtung und es ist tatsächlich ein Spektakel. Ihr Ehemann Sebastian Voß steht trotz der Kühle der Novembernacht in kurzen Ärmeln in seinem Garten zwischen vier bunt leuchtenden Minitannen, einem rot-gelb-bunten Glitzer-Hügel, auf dem noch ein weiß blinkender Hirsch zu installieren ist, direkt neben dem blau leuchtenden Fluss aus LEDs, aus dem später die, natürlich ebenfalls leuchtenden Rentiere trinken werden. "Wollen Sie noch einen Song hören? Den hier kennen Sie vielleicht." - Der 36-Jährige wartet die Antwort kaum ab, rennt über ein paar Gehwegplatten, in die grüne LEDs eingelassen sind, zurück ins Haus und wenige Sekunden später kommen aus dem hüfthohen Lautsprecher auf der Terrasse die ersten gezupften Töne. Pling, sagt die Gitarre, Blink, macht der Stern, groß wie ein Schwimmreifen, an der Hausfassade. Pling, Blink: Stern Nummer zwei blitzt auf. Pling, Pling, Pling: ein Stern nach dem anderen erhellt kurz die Nacht und schließlich - Pliiiiiiing - leuchtet ein großes, rotes Herz genau in der Mitte der Fassade auf. Ein Beat setzt ein und die Glühlämpchen-Umrahmung der Hausfenster pulsiert zu Amazing Grace in einer Art Techno-Version. "Wenn die Rentiere erstmal stehen, dann leuchten die immer dann, wenn die Frauenstimme kommt," sagt Voß und springt über ein paar herumliegende Kabel hinweg wieder Richtung Haus und Computer-Steuerung, um schnell den nächsten Song auszuwählen. Seit vier Jahren dekoriert die Familie Voß im Advent nicht mehr wie andere Familien mit simplen Lichterketten. In ihrem Garten läuft eine "Christmas Light Show" nach amerikanischem Vorbild. Drei Jahre hat Voß als Ausbilder für die Bundeswehr in Texas gearbeitet. Mit den Menschen dort seien sie nicht richtig warm geworden, aber das Weihnachtsspektakel, das hat sie beeindruckt. Jedes Jahr haben sie im Christmas-Sale LED-Schnäppchen gemacht. Palettenweise Licht, das sie in Umzugskartons nach Europa verschifften.

Wer auf dem Kiesweg zwischen Feld und Neubausiedlung entlang läuft, gerät also auf einmal ins vorweihnachtliche Texas. Und zu einem Knopf, unter dem steht: "Drück mich". Wer das tut, der versteht, was Mariola Voß meint: Man hat weder alles gesehen, noch alles gehört. Zu vier Liedern hat Sebastian Voß jeweils seine 16 000 Lämpchen perfekt durchchoreografiert. Auf Knopfdruck tanzt das Haus. Und die Familie Voß hört drinnen im Wohnzimmer die Musik, weiß, dass jemand vor dem Garten steht und greift schnell zur Thermoskanne mit dem Glühwein und zu den Tütchen mit den selbst gebrannten Mandeln und läuft an den Kiesweg. Die Leute sollen die Show umfassend genießen können. Jeden Tag, auch Heiligabend, vom ersten Dezember bis zum sechsten Januar. Immer von 17.15 bis 21 Uhr. Die Show macht keine Pause, auch nicht an Heiligabend, das ist den Voß wichtig, da sind sie Profis.

Ein alter Mann habe das Haus im letzten Jahr fotografiert und zu Sebastian Voß gesagt: "Das ist so dekadent, das muss ich meinen Freunden zeigen." "Ist das jetzt gut oder schlecht, haben wir uns dann abends gefragt", erzählt Mariola Voß. Sie habe dekadent im Lexikon nachgeschlagen und die Begriffe "degeneriert und entartet" gefunden. Allein die Erinnerung bringt sie noch zum Lachen. "Wir finden es einfach schön", sagt die 33-Jährige. Kritiker gebe es ohnehin nur wenige. Schon im ersten Jahr ihrer Weihnachtshow, damals noch im Ortskern von Hohenlinden, blieben täglich mehr Leute stehen, drückten auf den Knopf und staunten. Und freuten sich über Glühwein und gebrannte Mandeln. Das Haus wurde zu einer kleinen Sensation im Ort, und es waren die Nachbarn die als erstes die Idee hatten: sammelt doch Spenden. Würde das Leben der Familie Voß wirklich nur aus fröhlichen Blinklichtern bestehen, hätten sie vielleicht nein gesagt. Doch das Paar hat vier kleine Kinder und den möglicherweise besten Grund, Spenden zu sammeln: Die älteste Tochter, die neunjährige Lillian, leidet von Geburt an unter einem schweren Herzfehler. Fünfmal musste sie bereits am offenen Herzen operiert werden. Lillian lächelt und nickt, wenn ihre Mutter das erzählt. Die Spenden, die sie sammeln, gehen an das Deutsche Herzzentrum in München. "Die Forschung, die dort gemacht wird, ist so wahnsinnig wichtig und hat uns schon so viel geholfen, wir wollten gerne etwas zurück geben," erklärt Mariola Voß. 555 Euro konnten sie im letzten Jahr geben. Natürlich haben sie aufgerundet, um so eine hübsche Zahl zu erreichen. Das überrascht nicht, bei einem Ehepaar, das am 9.9.1999 geheiratet hat.

In diesem Jahr lassen sich die Voß' sogar von ein paar örtlichen Geschäften sponsern. Wer mag, kann sich beim Glühweintrinken von Mariola Voß unter dem rot leuchtenden Herzen fotografieren lassen. Für jedes Bild spenden die unterstützenden Firmen einen Euro für das Herzzentrum. Die ersten Sponsoren haben zugesagt. Mariola Voß sucht nach weiteren. Doch wichtiger als das Geld, ist vielleicht, dass sie zu Lillian sagen kann: "Das ist deine Show." Und es klingt nicht wie eine Bürde, sondern wie ein Geschenk. Im letzten Jahr hat Lillian mit ihrer ganzen Klasse gemeinsam eine Nachtwanderung zu ihrem Elternhaus gemacht und auch in diesem Jahr kommen alle ihre Freundinnen zu Besuch. "Dann tanzen wir auf dem Kiesweg", sagt Lillian.

Was das alles kostet? Sebastian Voß weiß es nicht genau. Weder wie viel Geld er über die Jahre in all die Lichter und Technik investiert hat, noch wie viel ihn der Stromverbrauch kostet. Manche Dinge liebt man so sehr, dass man ihren Preis lieber nicht kennen will.