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SZ-Serie: Im Schilde geführt, Folge 11:Bärenstark

Historiker Bernhard Schäfer in Grafing.

(Foto: Christian Endt)

Grafing verwendet sein Wappentier bereits seit dem 15. Jahrhundert, dementsprechend oft ist es in der Stadt zu finden. Zahlreiche Skulpturen, Logos und Abbildungen bezeugen die Heimatverbundenheit der Vereine, Bürger und Institutionen

Da auf dem Fass sitzt er, groß und irgendwie gemütlich. Eine Tatze hat er ausgestreckt. Der Grafinger Bär. Seit 1966 lässt er sich hier am Marktplatz seinen Bauch von einem Spritzbrunnen berieseln. Und er hat in der ganzen Stadt noch viele Kollegen: "An einem Hauseck in der Glonner Straße, am Feuerwehrhaus, eine Bärin mit ihrem Jungen vor der Grundschule, am Dach des Rathauses...", zählt Bernhard Schäfer auf. Der Historiker leitet das Museum und das Archiv der Stadt - kaum einer kennt Grafing und seine Geschichte so gut wie er.

Der Bär ist das Markenzeichen der Brauerei Wildbräu.

(Foto: Christian Endt)

Der Bär gehört zu Grafing wie der Grantler zum Biergarten, mindestens. Wie genau der Bär aufs Grafinger Wappen kam, weiß man laut Schäfer zwar nicht, doch er kann dazu eine Sage erzählen: Kaiser Ludwig der Bayer soll 1325 Grafing sein Wappen verliehen haben. Als Dank, weil die Grafinger bei der großen Schlacht bei Ampfing/Mühldorf am 28. September 1322 angeblich kämpften "wie die Bären". Kaiser Ludwig bezwang dabei einen Herzog, Friedrich den Schönen von Österreich, die Schlacht entschied über einen seit 1314 andauernden Streit um die deutsche Reichskrone. Ob die Grafinger an den Kämpfen wirklich teilnahmen, oder den Kaiser nur mit Geldleistungen unterstützten, ist indes ungeklärt. "Vielleicht war es dem Ludwig wichtiger, seinen Krieg finanzieren zu können, als ein Häuflein Grafinger mit schwingenden Mistgabeln für sich kämpfen zu lassen", scherzt Schäfer. Urkundlich belegt sei jedoch, dass die Grafinger damals drei Jahre keine Steuern zahlen mussten - "vielleicht war auch das der Dank von Kaiser Ludwig".

Frühere Versionen des Wappens führte Grafing in Form von Siegeln seit dem späten 14. Jahrhundert. Das erste Siegel mit einem linksgewendeten Bären im Halbrundschild ist von 1430 bekannt und war in dieser Form wohl vom Markt selbst so konzipiert worden. Eine Verleihungsurkunde dazu ist nicht bekannt. Um 1500 wurde der Bär dann rechtsgewendet dargestellt. Auch bei der Feldfarbe gab es im Laufe der Zeit verschiedene Varianten: erst Silber, im 19. Jahrhundert Rot und später Gold.

Bernhard Schäfer hat ein freundliches und offenes Lachen. Wenn man dem 52-Jährigen so durch Grafing folgt und zuhört, merkt man schnell, wie viel er über die Stadt weiß. Vor dem Rathaus zeigt er schräg nach oben: "Hier hängt eigentlich das falsche Grafinger Wappen!" Das offizielle zeigt einen schwarzen Bären auf goldenem Hintergrund, "hier sieht man aber einen schwarzen Bären auf einem grünem Grund in rotem Feld". Der Museumsleiter weiß, was es damit auf sich hat: Ende der 1820er Jahre wurde dem althergebrachten Wappen eine neue Farbe gegeben, wenig später ließen die Verantwortlichen über dem Eingang des Rathauses ein Wappen nach einer entsprechenden Aquarellvorlage anbringen. Seitdem hängt dort die "falsche" Version. Anlässlich der Stadterhebung im Jahr 1953 jedoch wurde das Wappen erneut verändert - es bekam wieder die ursprüngliche Gestaltung. "Ich denke, als die Grafinger die Möglichkeit hatten, sich zur Stadt zu erheben, wollten sie mit dem Wappen wieder an die Anfänge ihrer Geschichte erinnern."

Hier das Wappentier an der Kirche in Grafing.

(Foto: Christian Endt)

Heute wimmelt es in Grafing nur so von Bären, mal in Wappenform, mal freier gestaltet. Sehr groß ist zum Beispiel das Stadtemblem, das am alten Schulgebäude, der heutigen Volkshochschule in der Rotter Straße, angebracht ist. Ein ganz ähnliches findet sich neben dem Museum am Trockenturm der Freiwilligen Feuerwehr in der Bahnhofstraße, dort wird das Wappen in der Nacht sogar beleuchtet.

Schäfer läuft durch das Museum, durch Räume, in denen ein komplettes historisches Schlafzimmer und eine ebensolche Küchenausstattung stehen. Möbel aus dem 18. und 19. Jahrhundert kann man hier sehen, sie haben die verschiedenen Wappen miterlebt. Seit 1965 gibt es das Stadtmuseum, viele Exponate stammen von Grafinger Bürgern. Wen wundert's, dass man auch hier Spuren des Grafinger Bären findet? Schäfer steigt zielstrebig eine alte Holztreppe hinauf in den Dachboden. Dort stehen alte Körbe, Webstühle, Hobelbänke, Schlitten, ein altes Fahrrad, sogar ein Sarg. Doch Schäfer sucht etwas bestimmtes, er kramt eine Axt hervor: Auf der Schneide ist ein ganz kleiner Bär eingraviert. Und der ist weit gereist: "Bis Papua-Neuguinea wurden diese Äxte gebracht", sagt Schäfer und zeigt ein Schwarz-Weiß-Foto, auf dem ein schüchtern drein blickender Südseejunge die Axt mit dem Bären in beiden Händen hält.

Auf der Schneide ist ein ganz kleiner Bär eingraviert.

(Foto: Christian Endt)

Dann dreht Schäfer sich um und deutet auf eine Wand: "Hier hat sich noch ein Bär versteckt!" Er meint das alte Emailleschild der Brauerei Wildbräu. Der Bär ist ihr Markenzeichen. Ihre Brau- und Taferngerechtigkeit reicht weit zurück, allerdings wurden diese erst 1619 offiziell in die Braumatrikel eingetragen. Zum 350-jährigen Jubiläum der Wiedererrichtung des Bräuhauses im Jahr 1616 wurde 1966 die Bronzefigur am Marktplatz vor dem Wildbräugebäude errichtet. Heute ist der Brunnen mit dem Bären auf dem Fass aus Grafing nicht mehr wegzudenken.

Hier sieht man das Wappen am Trockenturm der Freiwilligen Feuerwehr in der Bahnhofstraße.

(Foto: Christian Endt)

Grafing hat schon sehr früh sein Wappen erhalten - dementsprechend ist das Wappentier in der ganzen Stadt zu finden. Ein sehr schönes Exemplar steht vor der Grundschule: Ein Bärenkind, das mit seiner Mutter spielt und sich dabei nicht einmal von tobenden Kindern stören lässt. "Das ist mein Lieblingsbär, der ist einfach nett", sagt Schäfer. Irgendwann kam zu den beiden Tieren ein Lattenzaun aus vielen lustigen Kinderfiguren hinzu.

Eine weitere Bärenskulptur prangt am Hauseck des früheren Spiel- und Haushaltswarengeschäfts Hafenmair in der Glonner Straße. Ein schlanker, hoch aufgerichteter Bär auf einem wappenähnlichen Steinsockel beobachtet von hier aus das Treiben in Grafing. Er wurde 1933 von Johann Hafenmair in dessen Steinmetz- und Bildhauerbetrieb aus Kunststein gegossen und nachbehauen. Meißel und Hammer im Sockel deuten auf den vormaligen Handwerksbetrieb in diesem Haus hin und zeugen vom Bürgerstolz des Meisters.

Mit der Bärenstadt sehr verbunden zeigen sich neben der Feuerwehr auch die anderen Vereine: Der TSV Grafing hat den Bär ebenso als Vereinszeichen wie der Schützenverein. Die Bärenapotheke und der Bären-Wasch für Autos tragen das Wappentier nicht nur im Logo, sondern sogar im Namen. Die Verwendung des Bären müsse aber zuvor offiziell genehmigt werden, so Schäfer.

Jetzt stellt sich nur noch die Frage, wie viele echte Bären es in und um Grafing gibt: "Die gibt es hier im Wald schon länger nicht mehr", sagt Schäfer. "Aber das ist auf jeden Fall gut für die Pilzsammler!"