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SZ-Serie: Der Adventsreportrer:Wart Ihr denn alle brav

Klaus Scheuer ist der dienstälteste Nikolaus im Landkreis, seit 52 Jahren ist er im roten Mantel unterwegs. Wenn er zu Besuch kommt, freuen sich nicht nur die Kleinsten, auch die Erwachsenen sind begeistert

Der Nikolaus ermahnt die Kinder, lobt sie aber auch.

(Foto: Photographie Peter Hinz-Rosin)

- Eigentlich hat der Nikolaus ja einen Chauffeur. Aber die paar Meter, nur über die Straße hinüber - die eilen sie zu Fuß. Der Mann im langen roten Gewand und mit weißem Kunsthaar unter der großen Mitra voran, mitten auf der Fahrbahn. Die zwei kleinen Engel in weiß und gold hinterher. Kurz vor 17 Uhr, die Engel tuscheln, welches Lied sie zuerst singen wollen. "Wir machen's immer schon zuhause aus und dann nochmal im Auto", sagt Miriam, zehn Jahre alt. Ob sie den Nikolaus im nächsten Jahr noch einmal begleiten wird? Das Mädchen zuckt die Achseln, es ist schon ihr zweites Jahr im Engelamt. Alle zwei bis drei Jahre wechselt der heilige Mann seine Begleiterinnen. Kurz bevor die Tür aufgeht, haben die Engel entschieden: "Oh du fröhliche", wird gesungen.

Der Nikolaus bringt die Geschenke, die Engel Anna und Miriam sind auf der VdK Weihnachtsfeier auf der Kugler Alm für die Musik zuständig.

(Foto: Photographie Peter Hinz-Rosin)

Im Hausflur ist der Nikolaus jetzt Klaus Scheuer, der Nachbar von gegenüber und der Mann, der schon dem Sohn früher jedes Jahr im Advent besuchte. Seit drei Jahren bestellt ihn Tante Fanni nun schon für die Großnichten. Sie drückt den Engeln Geschenktüten in die Hände, sagt, welche für die fast sechs Jahre alte Leonie ist und welche für die kleine Schwester Lara , eineinhalb. Sie hat es auch auf die Tüten drauf geschrieben, sagt es aber trotzdem noch einmal. "Der Nikolaus" schreit eine Stimme aus dem Wohnzimmer - und dann tritt nicht Klaus Scheuer, sondern eben jener fast schon zeremoniell in die Stube ein. Acht Erwachsene sitzen dort in hellbraunen Ledersesseln oder Küchenstühlen in einem Halbkreis. Der Nikolaus schüttelt jede Hand, auch Tante Fanni begrüßt er herzlich. Doch er ist nicht ihretwegen gekommen. Er will den Mädchen sagen, dass sie ihre Zähne besser putzen müssen, die Mama mal mit einem aufgeräumten Zimmer überraschen könnten, nicht so mit den Beinen strampeln müssen. Er wird sie aber auch loben, dass sie dem Papa beim Holz holen helfen und der Oma beim Fische suren. "Ich treff' heute Abend noch das Christkind", sagt er. Was sich Leonie denn wünsche. "Am meisten den Stall mit den Pferden", sagt sie mit schwärmerischer Stimme und sehnsuchtsvollem Blick. Da blickt der Nikolaus mit gütiger Miene zu seinen Engeln und sagt: "Ich glaube, einen Stall haben wir noch, den müssen wir gleich reservieren." Und dann singen die Engel "Es wird scho glei dumper." Manchmal entscheiden sie den Titel nämlich auch ganz spontan, wenn sie nach vorne treten und sich bei den Händen nehmen.

Oft entscheiden die Engel ganz spontan, was gesungen wird.

(Foto: Photographie Peter Hinz-Rosin)

72 Jahre ist Klaus Scheuer alt und wohl der dienstälteste Nikolaus im Landkreis. 52 Jahre schon besucht er von Ende November bis Weihnachten jedes Jahr Familien, inzwischen "nur noch etwa 50". Warum? "Ja mei." Früher, sagt er, da war es natürlich noch anders. Heute sei er so schnell gerührt, "dass ich mich manchmal selber ablenken muss, dass ich nicht zum Heulen anfange." Weihnachtsfeiern von Vereinen, das war noch nie sein Ding. Er zieht die Leute nicht gerne durch den Kakao. Nur eine Feier gibt es, da geht er "immer schon" hin: Zum VDK nach Ebersberg. VDK-Vorsitzende Inge Pletzer sagt: "Er ist immer nett, freundlich und angenehm". Eine Weihnachtsfeier ohne ihn kann sich auch Ilse Betz nicht mehr vorstellen. "Immer gleich", schwärmt sie von Scheuer und sieht hinüber zu Adolf Winnerl - "ge, immer gleich". Ja, meint der nur, "am Klaus ko koana o."

Und dann kommt er, der Mann, der erst Konditor in Ebersberg war und dann 25 Jahre lang als Verwaltungsangestellter im Landratsamt gearbeitet hat. Ilse Betz kennt er aus gemeinsamen Zeiten in der Bäckerei. Winnerl von der Poststelle des Kreiskrankenhauses wurde ihm über unzählige Botengänge ein Freund. Doch jetzt ist er der Nikolaus - "und wir fühlen uns wieder wie Kinder", sagt Ilse Betz. Es ist dann auch ganz still, als er den rund 50 Besuchern in der Kugler Alm "innere Harmonie und Freude" wünscht . Dann singen alle "Lasst uns froh und munter sein", die Engel haben ihre drei Stücke bereits vorgetragen. "Die Eheleute Betz da drüben", sagt er jetzt , "ihr habt auch schon einmal besser mitgesungen." Es ist das einzige Mal, wo nicht eindeutig klar ist, wer das sagt: Scheuer oder der Nikolaus.