SZ-Kolumne: Auf Station, Folge 34:Die Snobs von der Intensiv

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SZ-Kolumne: Auf Station, Folge 34: Seit zwei Monaten unterstützten Pflegekräfte die Ebersberger Intensivstation, die eigentlich an anderen Stellen in der Klinik arbeiten.

Seit zwei Monaten unterstützten Pflegekräfte die Ebersberger Intensivstation, die eigentlich an anderen Stellen in der Klinik arbeiten.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

In der Corona-Hochphase wechseln Pflegekräfte von der Normalstation auf Intensiv. Positiver Effekt für das Betriebsklima: es verschwinden Klischees.

Protokoll: Johanna Feckl, Ebersberg

Kaum jemand ist befreit von Vorurteilen oder Klischees gegenüber anderen - so auch wir Pflegekräfte nicht. In den Augen vieler von der Normalstation sind wir Intensivler überheblich, versnobt und haben ohnehin eine privilegierte Stellung inne: Nur zwei bis drei Patienten versorgen - wie stressig kann das bitteschön denn sein?

Andersherum kommen von uns Intensivlern dann auch einmal eine Aussagen wie: "Mei, die haben doch eh nicht viel mit der Patientenversorgung zu tun und können deshalb gemütlich beim Kaffeetrinken zusammensitzen - so krank sind deren Patienten schließlich nicht". Oder: "Das bisschen Visite, bei der sie mitgehen, da müssen sie doch eh nur quer bei Fuß stehen und mehr nicht."

Es kam wie es kommen musste: Seit November unterstützen uns auf der Intensivstation Pflegekräfte anderer Stationen und Fachabteilungen: In jeder Schicht ist eine aus der Anästhesie bei uns. Denn da der OP mittlerweile wieder mit reduzierter Kapazität fährt, weil nur lebensnotwendige und nicht verschiebbare Eingriffe durchgeführt werden, ist dort dementsprechend Personal frei. Außerdem ist pro Schicht eine Pflegekraft auf der Intensiv eingesetzt, die eigentlich auf einer der unterschiedlichen Normalstationen in der Klinik arbeitet - so war im November die Allgemeinchirurgie dran, im Dezember die Unfallchirurgie. Und dann haben wir auch regelmäßig Unterstützung von den Kollegen aus dem Herzkatheterlabor sowie immer mal wieder Praktikanten und externe Helferinnen und Helfer auf Station. Vor allem der Austausch mit den Kolleginnen von der Normalstation ist etwas, das ich toll finde - wenn man so will ist das eine der wenigen guten Aspekte, die man aus Corona ziehen kann.

SZ-Kolumne: Auf Station, Folge 34: Julia Rettenberger arbeitet als Intensivfachpflegekraft in der Ebersberger Kreisklinik.

Julia Rettenberger arbeitet als Intensivfachpflegekraft in der Ebersberger Kreisklinik.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Wenn die Kollegen von der Normalstation nun ihre Einsätze bei uns haben, dann sind viele von ihnen immer wieder erstaunt, wie viel Arbeit die Versorgung von nur zwei bis drei Patienten tatsächlich macht und wie viel mehr Technik bei uns im Einsatz ist. Überall piepen Gerätschaften und viele unserer Patienten sind geradezu übersät mit Zugängen und all möglichen anderen Schläuchen.

Auf der anderen Seite merken wir Intensivler, dass eine ganze Menge pflegerisches Fachwissen bei den Kollegen der Normalstation vorhanden ist. Es sind erfahrene Pflegekräfte, die ganz genau wissen, worauf es ankommt. Ein simples Beispiel: Das Know-how, wie man einen übergewichtigen Patienten nach kinästhetischen Gesichtspunkten anpacken muss, um ihn reibungslos frisch zu betten. Da müssen wir nicht erst etwas erklären oder unnötig viel Kraft aufwenden, sondern es geht zack-zack! Auch das Vorbereiten von Antibiotikatherapien und anderer Medikamente klappt auf Anhieb. Diese Unterstützung ist für uns Gold wert.

Überraschung: so gut wie nichts von den Klischees ist wahr. Somit schafft die eigentlich mehr als ungute Covid-Situation doch auch etwas Gutes unter uns Pflegepersonal: Mehr gegenseitige Toleranz und Respekt der Arbeit gegenüber, die jede einzelne Pflegekraft im Haus leistet.

Julia Rettenberger ist Intensivfachpflegerin. In dieser Kolumne erzählt die 28-Jährige jede Woche von ihrer Arbeit an der Kreisklinik in Ebersberg. Die gesammelten Texte finden Sie unter sueddeutsche.de/thema/Auf_Station.

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