SZ-Kolumne: Auf Station, Folge 24:Die Arbeitstasche bleibt zu!

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Symbolfoto.

(Foto: Patrick Seeger/dpa)

"Wenn ich ununterbrochen in die Krankheitsverläufe und das Drumherum auf der Intensiv eingebunden bin, dann ist das nicht gesund." Julia Rettenberger über Abkapseln im Urlaub.

Protokoll: Johanna Feckl

Vor gut drei Wochen, als mein Dienst vorüber war, habe ich grinsend und winkend die Intensivstation verlassen - spätestens da hat auch der letzte aus dem Team gemerkt, dass ich in den Urlaub gehe. Zuhause räumte ich erst einmal meine Arbeitstasche aus und sortierte sie, bevor ich sie in der Abstellkammer verstaut habe. Dort blieb sie so lange liegen, bis der erste Arbeitstag gekommen war. Dieses Prozedere ist ein kleines Ritual für mich - und genau wie mit meiner Tasche mache ich das auch mit Gedanken an die Arbeit: Ich räume sie ordentlich beiseite und hole sie erst nach dem Urlaub wieder hervor.

Abschalten im Urlaub ist gar nicht so leicht. Da gibt es zum Beispiel unsere Whatsapp-Arbeitsgruppe, die immer wieder auf dem Handy aufploppt. Das Arbeitsleben der Kolleginnen ist live mitzulesen. Oder wenn ich mich mit Freundinnen treffe, die zugleich Kolleginnen sind. Klar sprechen wir auch über die Klinik. Selbst wenn ich mich mit anderen Freunden treffe, ist der Sprung zur Arbeit nie weit: "Und, was ist bei euch auf der Intensiv gerade so los?" - eine Frage, die ich oft gestellt bekomme. Seit Corona noch häufiger.

Klar ist es für uns Pflegekräfte enorm wichtig, dass wir unseren Job tatsächlich leben, mit Patienten mitfühlen und ein großes Empathievermögen besitzen. Denn neben dem fachlichen Wissen ist auch das unentbehrlich für eine gute Pflege. Deshalb frage ich an meinem ersten Arbeitstag zurück auf der Intensiv meine Kolleginnen auch, was aus den Patienten, die ich vor meinem Urlaub versorgt habe, geworden ist. Aber wenn ich ununterbrochen in die Krankheitsverläufe und das gesamte Drumherum auf der Intensiv eingebunden bin, dann ist das nicht gesund.

Von Zeit zu Zeit braucht es den gedanklichen Cut, Abstand - räumlich und gedanklich -, weil mich die oft tragischen und schmerzhaften Schicksale unserer Patienten ansonsten irgendwann so sehr belasten würden, dass ich meinen Job nicht mehr gut ausführen könnte - und das gefährdet im schlimmsten Falle sowohl meine Gesundheit als auch die meiner Patienten. Also: Whatsapp-Gruppe stumm schalten, mit Freunden aus der Klinik ein Zeitlimit für Arbeitsthemen vereinbaren, anderen Freunden antworten "Ich weiß nicht so genau, was gerade auf der Intensiv los ist, weil ich Urlaub habe - lass uns doch bitte über etwas anderes reden".

Die Fähigkeit, mich auch von allen weiteren Gedanken möglichst abzukapseln war nicht einfach da, zu meiner Anfangszeit auf der Intensiv habe ich im Urlaub beinahe ständig über die Arbeit nachgedacht. Aber ich habe es gelernt und mittlerweile bin ich da recht rigoros. Im Urlaub bleibt die Arbeitstasche definitiv zu - auch die in meinem Kopf.

Julia Rettenberger ist Intensivfachpflegerin. In dieser Kolumne erzählt die 27-Jährige jede Woche von ihrer Arbeit an der Kreisklinik in Ebersberg. Die gesammelten Texte finden Sie unter sueddeutsche.de/thema/Auf_Station.

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