SZ Gute WerkeVom Bandscheibenvorfall in die Arbeitsunfähigkeit

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Irgendwann machte der Rücken von Michael K. nicht mehr mit: Er erlitt einen schweren Bandscheibenvorfall. Auch nach zwei OPs war er nicht mehr richtig arbeitsfähig.
Irgendwann machte der Rücken von Michael K. nicht mehr mit: Er erlitt einen schweren Bandscheibenvorfall. Auch nach zwei OPs war er nicht mehr richtig arbeitsfähig. Christin Klose/dpa-tmn

Michael K. hat jahrzehntelang hart gearbeitet, doch Krankheiten hinderten ihn irgendwann daran, weiterzumachen. Jetzt muss er mit einer kleinen Rente auskommen.

Von Merlin Wassermann, Ebersberg

Mitten im Gespräch über die Kosten für Essen, Medikamente und Möbel ertönt das Klappern des Briefschlitzes. „Das wird die Rechnung für Transport und Einbau des Ofens sein“, sagt Michael K. und kichert – das Timing ist zu perfekt.

K., der eigentlich anders heißt, empfängt in seiner spärlich eingerichteten Wohnung: Ein Bügeleisen steht im Wohnzimmer, ein kleiner Tisch mit zwei Stühlen, zwei alte Kommoden mit einem Fernseher darauf. Die Möbel sind alt, so Michael K., und wenn etwas kaputtgeht, kann er es nicht so leicht ersetzen. Auf dem Fensterbrett liegt ein Kristallwachstumsset, in der Ecke stapeln sich noch eingepackte Schüsseln und Tassen, die K. mit Penny-Aktionspunkten bekommen hat.

Trotzdem ist K. gut gelaunt, macht Späße und lacht viel. Der Rentner mit den kurzgeschorenen, blonden Haaren geht auf die 70 zu, er trägt einen schwarzen Pulli der Marke „Worker“. „Es gibt immer Höhen und Tiefen im Leben“, sagt er. „Man darf in den Tiefen nur den Kopf nicht verlieren.“

In seiner Jugend reiste Michael K. gerne und viel – bis heute zehrt er von den Erinnerungen daran

Seit einiger Zeit gibt es mehr Tiefen als Höhen in K.s bewegtem Leben. Aufgewachsen auf einem kleinen Bauernhof mit zehn Geschwistern und jede Menge Tieren, machte er als Jugendlicher eine Kochlehre. Die war hart, im Grunde ging sie sieben Tage die Woche, und er konnte auch nicht sonderlich viel damit anfangen. Doch er biss sich durch, wurde Koch in verschiedenen Restaurants und Gaststätten in München. „Ich war sehr gut in meinem Job“, sagt er stolz.

Er heiratete früh, mit 21, und bekam einen Sohn, mit dem er leider keinen Kontakt mehr habe. Seine zweite Frau lernte K. in der Karibik kennen, als junger Mann war er viel in Südamerika unterwegs, „davon zehre ich bis heute“. Aus dieser Ehe ging ein weiterer Sohn hervor, der K. jetzt unterstützt. „Er kauft mir immer Sachen auf Ebay, von denen er meint, dass ich sie brauchen könnte.“

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Bis in die frühen 2000er-Jahre ging es ihm gut mit seinen Jobs, doch als er auf die fünfzig zuging, wurde es immer schwieriger, Arbeit zu finden. Er machte sich selbständig mit einer Gaststätte, die an einen Sportverein angegliedert war. Das Projekt lief leider nicht wie geplant: „Es war wahnsinnig viel los, ich habe wahnsinnig viel gearbeitet, aber trotzdem ist kein Geld übriggeblieben. Ich konnte mich mit meiner Arbeit kaum ernähren.“

Nach etwa fünf Jahren gingen die Fritteuse und der Ofen kaputt, K. sagt, die Gaststätte wäre eigentlich verpflichtet gewesen, neues Equipment zu kaufen, habe sich aber geweigert. Den Ofen kaufte er noch selbst für 5000 Euro, aber es half nichts, „ich musste von heut auf morgen zusperren“. In einem Rechtsstreit mit dem Verein bekam er 500 Euro zugesprochen, er habe nicht um mehr kämpfen wollen.

Bevor er etwas Neues starten konnte, forderte sein Körper jedoch den Tribut für die jahrelange schwere Arbeit: K. erlitt einen schweren Bandscheibenvorfall. Er wurde operiert, konnte sich aber auch nach langer Reha nicht gut bewegen. Es folgte eine zweite Operation, bei der eine künstliche Bandscheibe eingesetzt wurde. Doch auch dann brauchte er lange, um sich zu regenerieren – wirklich arbeitsfähig wurde er nicht mehr.

Eine Zeit lang war er noch Frühstücksmanager in einem Hotel, doch dann riss seine Bauchdecke, er musste aussetzen – und Corona schob dem Gastronomiegewerbe ohnehin den Riegel vor. K. hat noch versucht, sich im Wachdienst zu verdingen, doch die Zwölf-Stunden-Schichten machten sein Körper nicht mehr mit.

Jetzt lebt er von einer kleinen Rente, die vom Landratsamt aufgestockt wird, 17 Jahre lang hat er nichts einzahlen können. Das Geld fehlt überall, es „verschwindet in den kleinen Dingen“: Medikamente gegen den weißen Hautkrebs, mit dem er zu kämpfen hat, Kompressionsstrümpfe, Einlagen für den Fersensporn, der ihn gerade so quält. Da bleibt kein Geld für den neuen Kühlschrank, den er dringend bräuchte – der alte läuft regelmäßig aus. Selbst eine Butterbreze oder Kaffee beim Bäcker sind verbotene Versuchungen. Besonders schmerzt ihn, dass er seinen zweiten Sohn nicht finanziell unterstützen kann. „Ich möchte eigentlich nicht, dass er auf den Beerdigungskosten sitzenbleibt, wenn ich mal sterbe“, so K.

Trotzdem möchte er das Beste aus seiner Situation machen. Irgendwann im Leben würde er vielleicht sogar gerne noch einmal nach Australien und das Land bereisen. In der Zwischenzeit macht er so gut es geht Yoga und versucht, möglichst achtsam zu leben. Während er spricht, öffnet er die Post, neben der Rechnung ist auch ein Brief von einer Seniorenhilfe dabei, mit 100 Euro Weihnachtsgeld, über den sich Michael K. freut: „Heute ist mein Glückstag“, sagt er noch und ein breites Lachen macht sich auf seinem Gesicht breit.

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