SZ-Adventskalender Von allem zu wenig

Gerade Alleinerziehende kommen im teuren Münchner Umland mit ihrem Gehalt oft nur schwer finanziell über die Runden. Symbolfoto: Catherina Hess

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Ein volles Einkommen, eine 40-Stunden-Woche - und doch reicht der Verdienst eines alleinerziehenden Vaters nicht aus, um seinen fünf Söhnen wirklich befriedigende Bildungschancen zu bieten.

Von Alexandra Leuthner

Es ist die Zeit, die einfach immer zu knapp ist. Und das Geld. Das ist noch knapper. Mit seinem Gehalt von knapp 2860 Euro brutto ist es für Mario R. (alle Namen von der Redaktion geändert) so gut wie unmöglich, über die Runden zu kommen. Er hat fünf Kinder, die er allein erzieht. Von ihrer Mutter lebt er getrennt, hat seit sieben Jahren das Sorgerecht für alle fünf - und ein Leben neben Job und Söhnen gibt es für ihn eigentlich nicht. Aber, erklärt er, die Kinder seien alles für ihn, dass es ihnen gut geht, sei seine oberste Priorität. Da komme es schon vor, dass er das ganze Wochenende auf dem Fußballplatz verbringe, um seine Jungs anzufeuern, oder sie zu Auswärtsspielen zu fahren - vier seiner Söhne spielen im Verein. "Aber für mich ist das kein Stress", erklärt er.

Nicht zuletzt deshalb hat das Jugendamt dafür plädiert, alle Buben in seine Obhut zu geben, anfangs waren drei von ihnen noch bei der Mutter. Die Trennung hatte die Kinder traumatisiert, Therapien waren nötig. "Aber seit sie ein sicheres Umfeld haben, hat sich alles beruhigt", erzählt der Vater. Wenn da nicht die ständige Geldnot wäre. Von der Mutter sei keine finanzielle Unterstützung zu erwarten, erzählt Mario R. Er zahle immer noch an den Schulden für die ehemalige Wohnung.

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Mario R. und seine Kinder gehören zu jenen Familien, die trotz geregelten Einkommens im teuren Umfeld Münchens kaum über die Runden kommen. 110 Familien im Landkreis werden derzeit aus verschiedenen Spendentöpfen unterstützt, weil sie als förderungswürdig eingestuft werden - wofür der vierfache Sozialhilferegelsatz von 416 Euro als Berechnungsgrundlage herangezogen wird. Wer nicht oder kaum darüber verdient - berechnet wird individuell und hängt vom Familienstand ab - darf auf punktuelle Unterstützung etwa durch den vom SZ-Adventskalender finanzierten Schülerlunch oder aus dem Topf "Fördern und Helfen für Familien" hoffen, gesponsert von Privatleuten, Vereinen und Unternehmen aus der Region. Den Gitarrenunterricht für Mario R.s Sohn Jan etwa zahlt die Caritas, die die Familie betreut.

Mario R. bleiben von seinem Bruttogehalt netto 1900 Euro übrig, 1300 zahlt er allein für die Miete. Einmal die Woche fährt er zur Tafel, "das Geld, das ich mir da spare, investiere ich lieber in Fußballklamotten", sagt er. Wenn er mit seinen Kindern Urlaub machen möchte, muss er jahrelang jeden Cent zurück legen. Zum letzten Geburtstag habe sich einer der Jungs gewünscht, in die Therme Erding zu fahren - und wenigstens einen seiner Brüder mitnehmen zu dürfen.

Dabei arbeitet Mario R. als IT-Systemelektroniker 40 Stunden die Woche für ein Münchner Unternehmen, das Supportdienste für Großunternehmen anbietet. Seit Jahren sei er fast nur für ein Versicherungsunternehmen zuständig, bei dem er, würde er dort angestellt werden, ein paar 100 Euro mehr verdienen könnte, erklärt er. Aber, falls der Versicherer sich überhaupt auf eine Anstellung einlassen würde, müsste er um die Freiheit fürchten, etwas flexibler und gelegentlich von zu Hause aus arbeiten zu können, wo er als Ansprechpartner für die Kinder gebraucht wird. "Das ist es mir nicht wert." Ohnehin komme er meistens erst abends nach Hause, da bleibe gerade noch Zeit, den Kindern das Essen herzurichten.

Die beiden Ältesten, 16 Jahre und 14 Jahre alt, besuchen das Gymnasium, der Zwölfjährige die Mittelschule, der Zehnjährige die Grund- und der Neunjährige eine Förderschule. Der Jüngste, Jakob, kam als Frühchen auf die Welt und ist in seiner Entwicklung verzögert. Er braucht einen Logopäden. Wieder ein Termin, der in den Tagesablauf eingebettet werden muss. "Über die Staatsstraße zum Fußball will ich ihn auch nicht allein gehen lassen", erklärt R. "Ohne Struktur", sagt er, "geht es nicht."

Im nächsten Jahr soll Jakob auf die Regelschule wechseln, in die dritte Klasse, "dann müsste er einigermaßen stabil sein". Der ein Jahr ältere Bruder Jan absolviert gerade die Vierte, der Übertritt steht an. Ebenso wie seinen Brüdern Julian, zwölf, und Jannick, 14, wurde ihm Legasthenie bescheinigt. Jannick bekommt deshalb etwas mehr Zeit für seine Prüfungen. "Aber wenn du nicht jedes Jahr wieder hingehst und das den Lehrern sagst, dann denken die nicht dran." Zu den Elternabenden aber schaffe er es nie, sagt Mario R. "ich muss immer mit den Lehrern telefonieren." Noch während er spricht, klingelt sein Handy: Im Hort hat es ein Missverständnis gegeben, einer der beiden Kleinen ist allein nach Hause gegangen. Zum Glück ist sein ältester Bruder schon zu Hause. Mit seinen 16 Jahren hat wenigstens er keinen Aufpasser mehr nötig.

Mario R. braucht vor allem Geld für Nachhilfe. Besonders Jannick tue sich gerade schwer in der sechsten Klasse. "Aber ich kann mich nicht immer mit ihm hinsetzen und lernen. Ich habe ja noch vier andere", sagt er. "Im Endeffekt fehlt mir die Zeit."

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