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SZ-Adventskalender:Schreckliche Erinnerungen

Fünf Jahre lang ist Madalena P. als Kind von ihrem Stiefvater sexuell missbraucht worden. Das Trauma verfolgt sie bis heute

Von Johanna Feckl, Ebersberg

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Als Madalena P. zum ersten Mal in ihrem Leben Drogen nahm, da war sie zehn Jahr alt. Zwar ist die Zuschreibung "Drogen nehmen", die die 54-Jährige wählt, nicht verkehrt, aber um die Situation korrekt einordnen zu können, sollte man besser formulieren: Madalena P. war ein zehnjähriges Mädchen, als ihr Stiefvater ihr zum ersten Mal Drogen verabreichte. "Zum Spielen, damit das Spielen besser wird", so habe es der Stiefvater der Zehnjährigen erklärt - tatsächlich handelte es sich bei dem "Spiel" um sexuellen Missbrauch. Fünf Jahre lang musste Madalena P. die Taten ihres Stiefvaters über sich ergehen lassen, bis sie als 15-Jährige zu ihrer Großmutter zog - ihre Mutter soll vom Missbrauch ihres Kindes nichts mitbekommen haben. Mit dem Missbrauch endete auch der Drogenkonsum von Madalena P.. Zunächst. Denn das Erlebte ließ sie nicht los, mit 23 traten die Drogen zurück in ihr Leben. Mehrmals hat die heute 54-Jährige versucht, sich das Leben zu nehmen, "vier Mal oder öfter" - sie weiß es nicht mehr genau. "Hat nicht geklappt", sagt sie. Und sie fügt an: "Leider."

Obwohl das Jahr 2020 vermutlich bei niemandem in recht guter Erinnerung bleiben wird, so hat es im Leben von Madalena P., deren echter Namen anders lautet, eine gute Wendung genommen: Seit Februar ist sie "sauber", wie sie es nennt. "Das habe ich alleine geschafft, ohne Hilfe", ergänzt sie. Es ist nicht zu übersehen, wie stolz die 54-Jährige auf diese Leistung ist. Ihre Augen wirken wacher, ihre Haltung wird aufrechter und sie lächelt, als die davon erzählt. Sie sitzt vor dem Laptop-Bildschirm in einer Klinik für Psychosomatik, in der sie seit gut einem Monat behandelt wird - das Gespräch findet unter den schwierigen Umständen dieser Zeit per Video-Telefonie statt. In der Klinik arbeitet die 54-Jährige ihre traumatische Kindheit auf

Dass Madalena P. nach fast zehn Jahren ohne Drogen als junge Erwachsene wieder rückfällig wurde, hat mit ihrem Ex-Mann zu tun, er konsumierte. Die 54-Jährige machte irgendwann mit. Ihr damaliger Mann fand bald darauf eine Arbeit in Deutschland, so kam Madalena P. in den Landkreis Ebersberg, wo sie mittlerweile seit 23 Jahren lebt. In Deutschland bekam das Ehepaar zwei Kinder, immer wieder hatte Madalena P. auch Zeiten, in denen sie keine Drogen nahm. "Mein Ex-Mann wollte nicht, dass ich abhängig werde", sagt sie. Er wollte auch nicht, dass sie arbeiten geht, eine Ausbildung macht oder wenigstens ungelernt einem Job nachgeht. Sie sollte zu Hause bleiben und sich um die beiden Kinder kümmern.

Wenn Madalena P. von ihrer Ehe erzählt, bleibt trotzdem etwas Positives hängen, auch wenn es nur ein kleiner Funken zu sein scheint: Sie war nicht allein. In der Zeit, in der die 54-Jährige mit mit ihrem Ex-Mann zusammen war, hat sie nicht so viel über den sexuellen Missbrauch in ihrer Kindheit nachgedacht, wie sie sagt. Alles war auf eine merkwürdige Art weit entfernt - freilich nicht richtig weg, aber zumindest waberten die schrecklichen Erinnerungen hinter einem Schleier, wodurch sie etwas leichter in Schach zu halten waren als ohne einen solchen Schleier.

Vor elf Jahren verließ Madalena P's Ex-Mann sie. Online hatte er eine andere Frau kennengelernt. Tschüss, habe er gesagt, und dass er frei wie ein Vogel sein möchte. So erzählt es die 54-Jährige. Die gemeinsamen Kinder waren da sechs und zwölf Jahre alt. Madalena P. begann, als Reinigungskraft zu arbeiten - auf einmal war sie dafür verantwortlich die Familie zu ernähren. Es war zu dieser Zeit, als ihre Vergangenheit sie mehr und mehr einholte. "Ich erinnere mich immer, ich denke zurück, was passiert ist", sagt sie.

Madalena P's Mutter arbeitete nachts als Prostituierte, das wollte der Stiefvater so. Von 18 bis fünf Uhr war das kleine Mädchen alleine mit dem Mann. Zeit, in der er die Tochter seiner Lebenspartnerin sexuell missbrauchte. Madalena P. nennt die Taten ihres Stiefvaters auch heute noch "Spiel", eine Formulierung, die ihr der Täter eintrichterte - das fällt auf, als sie ihre Geschichte erzählt. Wenn ihre Mutter nach Hause kam und in den Augen des Stiefvaters nicht genügend Geld mit brachte, dann schlug er sie. Hinterher musste Madalena P. das Blut ihrer Mutter aufwischen. "Wenn du deiner Mutter von unseren Spielen erzählst, dann schlage ich dich und deine Mutter." Mit diesem Satz hat der Stiefvater das kleine Mädchen zum Schweigen gebracht. "Ich war wie ein Zombie durch die Drogen", sagt Madalena P. heute. "Ich habe alles gemacht, was er wollte."

Die Kinder von Madalena P. sind mittlerweile beide fast erwachsen, eines von ihnen hat den Kontakt zur 54-Jährigen abgebrochen, das andere wird bald volljährig und soll dann vom Heim zurück zu ihr ziehen. Für Madalena P. kommt das einem Lichtblick gleich. Denn davon abgesehen hat sie niemanden. Selbst mit ihrer Betreuerin von den Sozialpsychiatrischen Diensten in Ebersberg kann sie nur schwer Kontakt halten; ihr Handy ist kaputt und schaltet sich nach kurzer Zeit einfach aus. Von den 200 Euro, die ihr nach Abzug aller Fixkosten von der Grundsicherung zum Leben bleiben, kann sie sich weder ein neues Handy noch eine Reparatur des alten leisten - genauso wenig, wie ihre Wohnung etwas gemütlicher einzurichten, damit sich ihr Kind wohl fühlt, wenn es bei ihr in naher Zukunft einziehen wird. Auch eine Waschmaschine besitzt Madalena P. nicht. Nicht einmal das Deckenlicht funktioniert in der Wohnung der 54-Jährigen. Dazu müssten ein paar Kabel angeschlossen werden, aber die Frau weiß nicht, wie das funktioniert. "Solche Arbeiten hat früher immer mein Ex-Mann erledigt." Ein Handwerker ist zu teuer, einen Bekannten, der ihr dabei helfen könnte, hat sie nicht. "Ich bin alleine."

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© SZ vom 04.01.2021
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