SZ-Adventskalender:"Ich bin halt irgendwie da"

SZ-Adventskalender: Weil in ihrer Kindheit Traumatisierendes passiert ist, kennt Pia S. kein Urvertrauen. Dieser Mangel zieht sich durch ihr ganzes Leben.

Weil in ihrer Kindheit Traumatisierendes passiert ist, kennt Pia S. kein Urvertrauen. Dieser Mangel zieht sich durch ihr ganzes Leben.

(Foto: IMAGO/Anastasiya Amraeva/IMAGO/Westend61)

Schreckliche Erlebnisse in der Kindheit haben dazu geführt, dass Pia S. schwere Depressionen hat und dissoziatives Verhalten an den Tag legt: Manchmal bricht die Neunjährige in ihr durch.

Von Franziska Langhammer, Ebersberg

Ihre ersten konkreten Erinnerungen setzen mit 16 Jahren ein. Die Zeit davor, ihre Kindheit, war so verstörend, dass sie viele Erlebnisse ausblenden musste, um weitermachen zu können. Vieles andere ist schwammig und hat doch tiefe Spuren hinterlassen. Ein Arm ist übersät mit Narben, Zeugnisse von Selbstverletzungen. Pia S. sitzt in Schneidersitz auf ihrem Sofa in einer betreuten WG im Landkreis, als sie von ihrer Geschichte erzählt. Die 29-Jährige wählt ihre Worte sehr bedacht, sie ist eloquent und eine hellwache Beobachterin. Auch wenn ihre Erzählungen Abgründe streifen, bleibt sie sachlich, erlaubt sich wenig Emotionalität.

Pia S. wächst als zweites von vier Geschwistern bei ihren Eltern auf. Die Mutter ist psychisch schwer erkrankt. "Ich kenne sie nur als psychisch instabil", sagt Pia, will aber nicht über die Art der Erkrankung sprechen. Die Eltern lassen sich scheiden, als S. neun Jahre alt ist. Der Vater zieht aus, die Kinder bleiben bei der Mutter. "Danach ging es mit uns allen bergab", sagt Pia S.

Niemand bemerkt etwas

Über die folgenden Jahre sagt sie: "Da war viel Gewalt und Missbrauch." Als die Mutter sich neu verliebt, verschlimmert sich die Situation für die Kinder. Der neue Partner ist cholerisch, ausfallend, ein schwerer Alkoholiker. Pia S. beschreibt es als "Katz und Maus-Spiel": Ist die Mutter zugegen, präsentiert er sich von seiner besten Seite. Ist sie außer Haus, wird er zu Dr. Jekyll, so beschreibt es S.: "Irgendwann war mir klar, dass er nur eine Seite hat und die andere nur spielt." Als sie zehn ist, vergewaltigt er sie zum ersten Mal, der letzte sexuelle Übergriff findet statt, da ist sie 16.

Niemand bekommt mit, was bei Pia S. zu Hause los ist. Neben der Schule kümmert sie sich um die beiden kleineren Geschwister. Gleichzeitig sind ihre Geschwister der einzige Halt, ihr Anker, der sie durch diese Zeit bringt. Die Mutter, selbst aus Kindertagen mehrfach traumatisiert, holt sich erst sehr spät von außen Hilfe - in vielerlei Hinsicht zu spät.

Mit 14 Jahren versucht Pia S. zum ersten Mal, sich umzubringen. Drei weitere Suizid-Versuche folgen, drei Aufenthalte in der Psychiatrie in anderthalb Jahren. Wenn sie zu Hause ist, geht das Martyrium weiter, der Partner der Mutter lässt nicht von ihr ab. Bei Pia S. wird schließlich eine komplexe posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) mit immer wiederkehrenden dissoziativen Zuständen sowie schweren depressiven Episoden diagnostiziert.

Die dissoziativen Zustände sind eine Strategie, derer sich die Psyche als Ausflucht bedient: Es kann passieren, dass die neunjährige Pia Oberhand gewinnt, oder ihr größter Kritiker, der alles Positive niedermacht. Pia S. beschreibt dies als Persönlichkeitsanteile, die zu ihr gehören und dann plötzlich das Sagen übernehmen.

SZ-Adventskalender: Manchmal ist die 29-jährige Pia plötzlich wieder neun. Sie erlebt diese Episoden selten bewusst.

Manchmal ist die 29-jährige Pia plötzlich wieder neun. Sie erlebt diese Episoden selten bewusst.

(Foto: Ute Grabowsky/photothek.net via www.imago-images.de/imago images/photothek)

"Das passiert meistens sehr abrupt", erzählt die 29-Jährige, "manchmal kann ich gar nicht benennen, was der Auslöser ist." Das könne manchmal auch nur ein Wort, ein Geruch sein. "Meine Art, wie ich rede, gestikuliere, meine Stimmlage, mein Tonfall ändern sich dann", erklärt sie. Auf Menschen, die sie nicht kennen, könne das auch befremdlich wirken. Solche Zustände können Minuten dauern, manchmal aber auch mehrere Stunden anhalten. Pia S. kann sich im Nachhinein selbst nicht mehr an diese Episoden erinnern: "Ich muss dann andere Anwesende fragen: Kannst du mir erzählen, was ich gemacht habe?"

Diese Persönlichkeitszustände geben Pia S. zum einen die Möglichkeit, ein Kind zu sein - etwas, das sie nie in der Form ausleben durfte. Zum anderen haben sie ihr geholfen, Zeiten zu überleben, die zu schlimm waren, um sie auszuhalten.

Der Traum vom Gärtnern

Mit 16, erzählt sie, beginnt das, was sie die "Institutionenzeit" nennt: Pia S. lebt von da an - bis heute - in betreuten Wohnformen und Einrichtungen. Insgesamt 18 Mal ist sie in ihrem Leben bisher in der Psychiatrie gewesen; Aufenthalte, die der Krisenintervention dienten und teils mit einem richterlichen Beschluss stattfanden. Nach einem Aufenthalt in der Kinder- und Jugendpsychiatrie erkennt ein Sozialpädagoge endlich ihre Lage und sagt: "Wir brauchen etwas Langfristiges, weit weg vom familiären Umfeld." Letztlich kommt sie in eine Rehabilitationseinrichtung für Jugendliche mit psychischen Erkrankungen - eine Zeit, in der sie sich endlich psychisch stabil fühlt. Zum ersten Mal kommt sie mit dem Gärtnern in Berührung, entdeckt Zierpflanzen und Floristik für sich. "Zu sehen, dass ich etwas Schönes schaffen kann und damit anderen eine Freude machen", das reizt sie besonders daran.

Seit Pia S. in betreuten Wohnformen lebt, versucht sie, etwas Routine in ihr Leben zu bekommen. Am liebsten würde sie eine Ausbildung beginnen, ihr psychischer Zustand lässt es jedoch nicht zu. Trotzdem weiß sie, dass sie eines Tages als Zierpflanzengärtnerin arbeiten will: "Ich gelte zwar als erwerbsgemindert, aber das kann sich ja ändern."

SZ-Adventskalender: Der Wald, sagt Pia S., vermittelt ihr mit seinen schützenden Baumkronen ein Gefühl von Geborgenheit.

Der Wald, sagt Pia S., vermittelt ihr mit seinen schützenden Baumkronen ein Gefühl von Geborgenheit.

(Foto: A. Held via www.imago-images.de/imago images/blickwinkel)

Suizidgedanken begleiten Pia S. immer noch täglich. "Ich beschreibe sie gern als Tür, die angelehnt ist", sagt sie. "Ich weiß, dass ich sie nicht mehr durchschreiten werde - ein Bild, mit dem ich leben kann." Ihr bisheriges Leben kann sie nicht als ein eigenständiges anerkennen, sie nennt es "eine Art Co-Existenz": "Ich bin halt irgendwie da."

Der einzige Ort, an dem sie sich sicher fühle, sei die Natur, sagt Pia S.: "Ich bin unfassbar gern im Wald unterwegs." Die schützenden Baumkronen vermitteln ihr ein Gefühl von Geborgenheit. Vor Kurzem ist ihr Fahrrad kaputtgegangen, nun wünscht sie sich ein E-Bike, mit dem sie weitere Fahrten durch den Ebersberger Forst vornehmen kann: "Damit ich, gerade, wenn es steil und holprig wird, es trotzdem schaffen kann."

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