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SZ-Adventskalender:Im Stand-by-Modus

Die alleinerziehende Mutter Lena P. will ihren Kindern trotz ihrer prekären Finanzsituation gutes Essen und den ein oder anderen Ausflug bieten. Ihre eigenen Bedürfnisse stellt die 44-Jährige zurück.

Zwei Kinder, das jüngste davon im Kindergartenalter, muss Lena P. (Symbolfoto) groß ziehen. Ihr bleiben 500 Euro monatlich für den täglichen Bedarf.

(Foto: Christian Endt)

An ein Weihnachtsfest vor einigen Jahren erinnert sich Lena P. (Name geändert) noch sehr genau. "Da war geldmäßig wirklich gar nichts mehr da", erzählt sie. "Und wir hatten nichts, um den Baum zu schmücken." Aber Weihnachten ohne richtigen Weihnachtsbaum, dafür aber mit drei Kindern? Undenkbar für die Alleinerziehende. "Wir sind dann in einen Stall gegangen und haben aus Stroh kleine Sterne gebastelt", erinnert sie sich. Ihre Kinder bastelten aus Papier bunten Schmuck, hängten besonders schöne Stifte und kleine Spielsachen an den Baum. "Das war mit das schönste Weihnachtsfest überhaupt", sagt die dreifache Mutter und lächelt wehmütig.

Der älteste Sohn ist inzwischen bereits aus dem Haus, doch ihr Jüngster - "mein Kleiner", wie sie sagt - ist noch im Kindergartenalter. Er ist der Hauptgrund, warum Lena P. nur in Teilzeit arbeiten kann, obwohl das Geld knapp ist. "Aber ich will ja auch Zeit mit meinem Sohn verbringen - und er muss ja auch versorgt werden", sagt sie. Nach Abzug der Miete bleibt nicht mehr viel vom Gehalt der Alleinerziehenden übrig. Warum sie kein Wohngeld beantragt? "Das habe ich vor einigen Jahren aufgegeben", berichtet sie. Sie habe sich schikaniert gefühlt, davon, im Rhythmus von fünf Monaten die immer gleichen Anträge auszufüllen, davon, ständig überprüfbar zu sein. "Das ist es nicht wert", so die 44-Jährige.

Für sich selbst bleibt der Mutter keine Zeit

Zeit für sich hat sie kaum: Neben Arbeit und Haushalt nutzt sie die Zeit mit ihrem Sohn, "aber manchmal muss man auch mal durchatmen", sagt Lena P.. Sie mag Tiere und schwört auf die therapeutische Wirkung von Vierbeinern: "Ohne dieses Schlupfloch weiß ich nicht, ob ich die Kraft hätte, immer weiter zu machen." Sie beschreibt ihren Alltag folgendermaßen: immer weiter machen. Der Tag von Lena P. beginnt um halb sechs Uhr morgens. Abends geht sie bereits kurz nach ihrem fünfjährigen Sohn ins Bett: Eine Gute-Nacht-Geschichte, ein bisschen Singen - und auch die 44-Jährige kann die Augen nicht länger offen halten.

"Und dann geht es wieder los", kommentiert sie trocken. "Das machst du einfach wie ein Roboter, automatisch, da muss die Wäsche gemacht werden, es muss geputzt werden, dann gibt es da wieder irgendetwas außerhalb . . ." Abends auszugehen, das habe sie sich gänzlich abgewöhnt, letztlich sei sie doch immer im Standby-Modus.

Dass das Geld immer knapp ist, nicht mal für ein zweites Paar Stiefel reicht, ist eine ständige Belastung für sie. "Zum Glück" habe sie einen großen Bekanntenkreis, manchmal bekommt sie gebrauchte Kleidung oder Einrichtungsgegenstände geschenkt. "Ich repariere auch viel", erzählt sie. Wenn in der Wohnung etwas zu Bruch geht, dann kümmert sie sich darum, dass es wieder gerichtet wird.

Ihr ist es wichtig, Teil der Gesellschaft zu sein

"Weggeschmissen wir bei uns ganz wenig", sagt sie, "das weiß auch schon mein Kleiner". Die gelernte medizinische Fachkraft kann sich nicht vorstellen, nicht mehr zu arbeiten. Einmal, vor mehr als einem Jahrzehnt, habe sie nach einem Unfall ihren Beruf verloren und sechs Monate nach einem neuen Job gesucht. "In der Zeit habe ich eine Computerfortbildung gemacht und ehrenamtlich in der Bibliothek gearbeitet", so Lena P. Sie habe immer Interesse daran gehabt, Teil der Gesellschaft zu sein, "ein arbeitender, wertvoller Teil".

Mit den zwei Kindern, die noch zu Hause wohnen, lebt sie in einer Dreizimmerwohnung. Beide Kinder haben ihr Zimmer, sie selbst hat sich eine Schlafecke im Wohn- und Esszimmer eingerichtet. "Da fühle ich mich auch wohl, ich glaube, die gebe ich auch nicht auf, wenn meine Tochter mal auszieht", erzählt sie und lacht.

Ihre Bedürfnisse hat Lena P. sichtlich heruntergeschraubt, das einzige Laster, das sie sich erlaubt, ist - wie sie selbst sagt - das Rauchen, "aber wenig und nur draußen". Ansonsten legt sie großen Wert auf eine gesunde Lebensführung: "Ich will für meine Kinder etwas Ordentliches auf den Tisch bringen", erzählt sie. Dass das nicht immer ganz billig ist, weiß die 44-Jährige, "aber es gibt Dinge, die einfach wichtig sind".

So können Sie helfen

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Für kleine Ausflüge mit den Kindern spart sie

Den Spagat zu schaffen zwischen dem beschränkten Budget und den Ansprüchen, die sie an sich selbst als Mutter hat, darin liege eine der Schwierigkeiten, sagt sie. Für ihren jüngsten Sohn bekommt sie Unterhalt, von ihrem eigenen Gehalt bleiben ungefähr 200 Euro. Ein Auto hat sie schon lange nicht mehr, zum einen aus Überzeugung, wie sie sagt. Zum anderen sind die Fixkosten zu hoch.

Es bleibt ein Betrag von weniger als 500 Euro, mit dem alles bezahlt werden muss. "Aber davon bleibt eben letztlich nichts", sagt sie. Essen, Kleidung, Waschmittel - alles Dinge, die ständig nebenher bezahlt werden müssen. Auch Veranstaltungen des Kindergartens oder selbst Fahrten mit den öffentlichen Verkehrsmitteln seien Faktoren, die sie mit einrechnen müsse. "Und manchmal möchte ich auch einfach mal etwas mit dem Kleinen unternehmen", sagt sie. Auch bei den kleinsten Ausflügen gebe man immer Geld aus - Geld, das bei ihr sorgfältig abgezählt ist. "Ich stopfe also ein Loch immer mit dem anderen - wenn es mal nicht ganz so eng ist, dann knapse ich ein bisschen was ab und lege es zur Seite", schildert sie.

Ihr Motto: "Zähne zusammenbeißen"

Auch was die Gesundheitspflege angeht, ist es finanziell knapp. Sie führt als Beispiel das Thema Zahnpflege an. "Eine anständige Zahnreinigung - das kostet alles extra, dabei ist das doch total wichtig!" Besonders für die Kinder gelte das, fügt sie hinzu. Dabei zieht sie ihre eigene Unterlippe ein wenig runter und zeigt eine Zahnreihe, bei der alle Zähne des Unterkiefers dieselbe Höhe haben: Lena P. knirscht so fest mit den Zähnen - "sprichwörtlich: Zähne zusammenbeißen", wie sie sagt - , dass diese inzwischen komplett abgerieben sind. "Eine Knirsch-Schiene würde die Krankenkasse zwar zahlen - aber eine Eigenbeteiligung hat man immer", erklärt sie.

Und so lebt sie in einem ständigen "Sehnsuchtsdenken": Gehalt am Monatsanfang, Kindergeld Mitte des Monats. "Wehe, wenn da zwischendurch mal eine Hose kaputt geht oder ein Schuh nicht mehr passt." Doch auch dann gebe es immer eine Lösung, versichert sie. "Ich bin ein sehr fantasievoller Mensch mit immensem Lebenshunger", sagt sie. "Ich schöpfe eben Kraft aus Kleinigkeiten." Ein lustiger Kommentar ihres kleinen Sohnes, ein Abend mit Freundinnen, die liebe Nachbarin: "Ich weiß nicht, wie andere das machen - ich mache es eben so."

Die Spenden des SZ- Adventskalenders sollen der Familie ein wenig unter die Arme greifen - und das nötige Geld für einen Ausflug oder ein zweites Paar Winterstiefel geben.