SZ-Adventskalender:Flucht aus der Einsamkeit

Gerhard Berger hat sein Leben lang unter starken Depressionen gelitten und konnte nie lange arbeiten. Jetzt lebt er von einer kleinen Rente und Grundsicherung im betreuten Wohnen zwischen abgenutzten Möbeln

Von Alexandra Leuthner, Ebersberg

Über Gerhard Bergers Bett in seiner kleinen Wohnung hängt das Poster einer Eisenbahnlok, die durch die Glasfassade einer Bahnhofshalle gestürzt ist und jetzt kopfüber nach unten hängt. Die großformatige Aufnahme in Schwarz-Weiß ist ein Überbleibsel aus irgendeinem Speicher, das er sich mitnehmen konnte. So wie alles, was in seinem Appartement steht, von irgendwoher stammt: Vom Flohmarkt, von einer Freundin seiner Betreuerin, vom Wertstoffhof. Auch den PC, den er am Fenster stehen hat, hat er geschenkt bekommen - zum Glück. Denn so konnte seine Schwester ihn wiederfinden. Nach 30 Jahren, in denen sie kein Wort miteinander gewechselt hatten. Per Facebook habe sie ihn angeschrieben, immer wieder, erzählt er. "Bis ich ihr geantwortet habe." Jetzt telefonieren die beiden regelmäßig.

Zum ersten Mal seit Jahrzehnten brauche er die Antidepressiva, die ihn am Leben erhielten, nicht mehr so dringend, sagt er. Weil er seine Familie wieder habe. Über Weihnachten wird er seine Schwester und den 15 Jahre jüngeren Bruder besuchen und mit ihnen die Feiertage verbringen. Gerhard Berger macht eine Pause, als er das erzählt hat. Vielleicht würde er aufspringen vor Freude, wenn ihm der Rücken nicht so weh täte. Drei Klinikaufenthalte zur Schmerztherapie hat er schon hinter sich, eine Bandscheibe sitzt so gar nicht mehr da, wo sie hingehört. "Wenn ich nicht so Angst hätte, mich an der Wirbelsäule operieren zu lassen", sagt er. Seit zehn Jahren lebt der 67-Jährige mit den Problemen im Rücken. Doch der Schmerz ist es nicht, der ihn hierher gebracht hat, in ein Leben, das er von einer geringen Altersrente und Grundsicherung bestreiten muss. Seine Psyche war es, die es ihm nicht erlaubt hat, die schlechten Erfahrungen seines Lebens einfach so wegzustecken.

Geboren 1951 und aufgewachsen im Harz, damals noch Ostzone, reiste er mit seiner Mutter und seiner jüngeren Schwester 1958 aus, sie fuhren nach Frankfurt zu einer Verwandten, ohne den Vater. "Das war damals so, ein Familienmitglied musste da bleiben." Doch ein paar Tage später, "am Sonntagabend, stand Vater vor der Tür". Abgeschnitten von der alten Heimat im Harz, baute sich die Familie ein neues Leben auf, zunächst in Frankfurt, dann in Riedling an der Donau, wo der jüngste Bruder als Nachzügler zur Welt kam. Das Gymnasium verließ Gerhard Berger, machte aber die Mittlere Reife und anschließend eine Ausbildung zum Speditionskaufmann. So weit war alles gut, bis zu seiner Heirat.

SZ-Adventskalender: Viel Geld hat Gerhard Berger nicht zur Verfügung, dabei bräuchte der Rentner dringend ein paar neue Möbel.

Viel Geld hat Gerhard Berger nicht zur Verfügung, dabei bräuchte der Rentner dringend ein paar neue Möbel.

(Foto: Christian Endt)

"Ich vergesse den Tag nie, den 15. Mai 1981, als mein Vater mich auf die Seite nahm. Ob ich denn keine andere Frau finden könne, hat er gefragt." Die Braut litt an Epilepsie, aber das war es nicht, was Gerhard Berger 13 Jahre nach der Hochzeit in den versuchten Selbstmord trieb. Sondern die Affären seiner Ehefrau. "Viermal hat sie mich betrogen, dreimal hab ich sie zurückgenommen, beim vierten Mal nicht mehr." Mit seiner Familie konnte er darüber nicht reden. Über die Heirat waren alle Beziehungen zu Vater und Geschwistern zerbrochen, die Mutter ohnehin schon Jahre zuvor an Brustkrebs gestorben. Vom Tod seines Vaters erfuhr er später über eine Nachricht vom Amtsgericht. "Es tut mir leid, dass ich mich nie mit ihm aussprechen konnte."

Berger stürzte sich in seiner Einsamkeit in seine Arbeit als Lkw-Fahrer, bis er seinen Laster eines Tages von der Autobahn hinunter lenkte und in den Wald krachte. "Mir ist nichts passiert, nur der Lkw war kaputt." Und der Job war auch weg, doch die Einsamkeit blieb. Er war im Bezirkskrankenhaus Günzburg, in Haar, kam eine Weile im Hans-Sachs-Haus in München unter, einem Haus für betreutes Wohnen für Männer in sozialen Schwierigkeiten. Er ließ sich zum Altenpfleger ausbilden, arbeitete drei Jahre lang auf der gerontopsychiatrischen Station eines Altenheims. "Dann hab ich das Handtuch geworfen, ich konnte nicht mehr mit ansehen, was sie mit den alten Leuten machten."

In Kirchseeon versuchte er schließlich eine Umschulung zum Industriekaufmann, musste sie wegen starker Depressionen abbrechen. Über eine Ärztin kam er in Kontakt mit den Sozialpsychiatrischen Diensten Ebersberg (SPDI), die ihm eine Wohnung in Grafing vermittelten. Noch ein weiteres Mal stürzte er in eine tiefe Krise, als die Antidepressiva aufgrund einer Magen-Darm-Grippe wirkungslos blieben. "Ich habe die Tür nicht mehr aufgemacht und die Rollläden herunter gezogen. Ich habe mich gerade noch aufgerafft, die Miete zu überweisen." Eine Betreuerin konnte ihn überreden, nach Ebersberg zu ziehen, nah dran an die Menschen beim SPDI, die ihm jederzeit helfen konnten. Als allererster bezog er 2011 eine der neu geschaffenen Wohnungen im Rosenhof, einem Haus für betreutes Wohnen. Und dort fand ihn seine Schwester.

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Einmal waren Bergers Geschwister schon in Ebersberg, er hat Kuchen für sie gebacken, im Gruppenraum des Hauses. Zum ersten Mal im Leben fühle er sich wohl, sagt er und blickt zur Wand neben dem Fenster hinüber. Dort hängen Kinderfotos von ihm und seiner Schwester. Jenseits der Tür ein Mannschaftsfoto der Frankfurter Eintracht, dem Club seiner Jugend. "Meine Frankfurter" sagt er. "Heute Abend spielen sie in der Euroleague. Gegen Arsenal", das werde er sich ansehen, "auch wenn sie sicher nicht gewinnen."

Gerhard Berger trägt einen braunen, Pulli, einen, der nicht viel Geld gekostet haben kann. Wenn er auf seinem alten Sofa sitzt, das unten ganz fleckig ist, wirkt er sehr klein, die Jahre der Depression haben ihn gebeugt. Eine Beziehung zu einer Frau ist er nie wieder eingegangen. "Ich habe mir geschworen, dass ich mir nie wieder so weh tun lasse." Und doch hat er jetzt wieder ein bisschen Hoffnung. Er hofft auf einen neuen Schrank, oder ein neues Sofa vom SZ-Adventskalender, das er sich diesmal vielleicht ja direkt aus einem Katalog aussuchen kann. Am Abend des Tages werden seine Frankfurter übrigens 2:1 gegen Arsenal gewonnen haben.

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