SZ-Adventskalender:Die Sehnsucht nach einem Dach über dem Kopf

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Akute Wohnungsnot macht es für Obdachlose im Landkreis Ebersberg schwer, eine Bleibe zu finden. Die Diakonie unterstützt Betroffene bei der Suche

Von Daniela Gorgs, Ebersberg

Eisige Kälte und ein grassierendes Virus: Wie dramatisch und lebensbedrohlich dies für Menschen ist, die auf der Straße leben, weiß Gerhard Größ. Der Soziologe und Heilerziehungspfleger kümmert sich in Ebersberg um Obdachlose. Er sagt, die Aufforderung, zu Hause zu bleiben, klinge für Menschen ohne Wohnung wie Hohn. Es sei ein Privileg, sich jetzt zu Pandemie-Zeiten in den eigenen vier Wänden schützen zu können.

Größ arbeitet für die Diakonie Rosenheim, die in Ebersberg die Fachstelle zur Verhinderung von Obdachlosigkeit und eine Notunterkunft betreibt sowie weitere Fachstellen, Notunterkünfte und Herbergen im Landkreis Rosenheim. Die Diakonie unterstützt Menschen, denen die Kraft und die Mittel fehlen, selbst einen Ausweg aus ihrer desolaten Situation zu finden.

Es sind praktische Hilfen wie etwa die Begleitung durch den Behördendschungel. Das erfordert auch von den Diakoniemitarbeitern eine hohe Frustrationstoleranz, gute Kontakte und mitunter auch Hartnäckigkeit. Wer mittellos ist und sich an das Jobcenter wendet, bekommt dort keine Hilfe, wenn seine Aufenthaltspapiere abgelaufen sind. Diese werden aber nur verlängert, wenn der Hilfesuchende eine Meldeadresse hat. Manchmal, sagt Größ, würden die Menschen von einer Behörde zur nächsten verwiesen. "Die Koordination ist schon schwierig", sagt er. Doch Größ weiß seinen Protagonisten zu helfen. "Es geht um ihre Existenzsicherung." In Ebersberg habe er einen guten Draht zu seinen Ansprechpartnern. Auch im Kontakt mit den Kommunen erlebt er, wie redlich sich die Zuständigen bemühen, Obdachlose in ihren Gemeinden unterzubringen.

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Schon vor der Corona-Krise gab es viele Menschen, die sich die immer höher werdenden Mieten im Münchner Speckgürtel kaum noch leisten können. Kurzarbeit und Jobverlust aufgrund der Pandemie haben das Problem noch verschlimmert. "Es ist ganz ganz schräg geworden", sagt Größ. Am schlimmsten sei dies für Familien. Eltern, die in einfachen Beschäftigungsverhältnissen stehen, haben nach Erfahrung der Diakonie im gesamten Großraum München keine Chance, für ihre Familie eine Wohnung zu finden. Die Leiterin der Fachstellen, Lilo Lüling, sagt: "Es gibt keinen Wohnungsmarkt mehr." Wer aus seinen vier Wänden fliege, finde kaum noch ein mietvertraglich abgesichertes Dach über dem Kopf. Oberstes Ziel der Diakonie ist demnach, die drohende Wohnungslosigkeit zu verhindern.

Die Mitarbeiter in Rosenheim und Ebersberg versuchen alles, damit ihre Klienten in ihren Wohnungen bleiben können. Lüling hat mehr Räumungsklagen von Menschen in Not auf dem Tisch als vor der Pandemie. Ihre Fachstellen werden von den Amtsgerichten darüber informiert. So ist es per Gesetz vorgeschrieben. Dann beginnen die Mitarbeiter zu vermitteln, stellen den Kontakt zu Sozialleistungsträgern her, erklären den Anwälten der Vermieter die Situation und suchen eine Lösung für die Mietschulden. Die Wohnungsnot, schätzt Lüling, wird sich durch die Corona-Krise noch weiter verschärfen.

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Der Druck auf die Notunterkünfte und ihre Schlafplätze ist jetzt schon groß. Drei Tage beträgt normalerweise die Verweildauer - aber normal ist derzeit wenig. Darum traf Lüling mit den Ämtern eine Absprache, dieses Zeitlimit aufzuheben. Seit Beginn der Corona-Krise gibt es die entsprechende Finanzierung für die Schlafplätze auch, wenn sie länger als drei Tage am Stück in Anspruch genommen werden.

Um eine Überbelegung der Einrichtung zu verhindern, hat die Diakonie ein anderes Limit eingeführt: Bleiben darf nur, wer aus dem Landkreis Ebersberg stammt. Natürlich weise man niemanden ab, sagt Größ. Auch wer nicht aus dem Landkreis kommt und an die Tür klopft, dem werde geholfen. Aber wer von außerhalb anruft und nachfragt, wird gebeten, sich an eine andere Stelle zu wenden. In der Ebersberger Herberge gibt es fünf Schlafplätze, von denen drei belegt sind. Das erlaubt, Abstand zu halten. Küche, Dusche und Toilette benutzen alle Bewohner. Menschen, die um einen Schlafplatz bitten, müssen, so schreibt es die Diakonie vor, nach dem "Einchecken" zur Beratung kommen. Mitarbeiter wie Größ eruieren die Gründe für die Obdachlosigkeit. Liegt eine psychische Erkrankung vor? Eine Sucht? Dann wird nach einer Lösung und einer passenden Unterbringung gesucht.

Nach Ebersberg kommen auch viele sogenannte Herumreiser, wie Größ sie nennt. Menschen, die keinen festen Wohnsitz haben und von Ort zur Ort ziehen. Bislang durften sie das Tagesangebot der Notunterkunft nutzen. Eine Küche, in der sie sich eine Mahlzeit zubereiten konnten, ein Bad für die Körperpflege. Diese Infrastruktur ist wegen der Pandemie nun weggebrochen. Wenn einer der "alten Bekannten" vorbeikommt, drängt Größ sie, doch wenigstens ein halbes Jahr "festzumachen", das heißt, sich in eine größere Einrichtung wie zum Beispiel die Herzog-Sägmühle in Schongau aufnehmen zu lassen. "Das Leben für sie ist gerade richtig schwer."

Der Adventskalender für gute Werke der Süddeutschen Zeitung möchte die Arbeit der Diakonie Rosenheim unterstützen und Wohnungsnot lindern. Die Notunterkünfte freuen sich über kleine Beträge, um Fahrkarten für Obdachlose bezahlen zu können oder Nahrungsmittel, damit sich ihre Bewohner in der Küche eine Mahlzeit zubereiten können. Während der Pandemie müssen ausreichend Bettdecken- und Bezüge vorhanden sein, die leicht zu pflegen sind und immer wieder gereinigt werden können.

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