Süddeutsche Zeitung

SZ-Adventskalender:Der Getriebene

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Alfred B. leidet an Schizophrenie. Weil seine Krankheit lange Zeit nicht richtig behandelt wird, verliert er seine Arbeit und sein Zuhause. Jetzt ist der 64-Jährige auf Grundsicherung angewiesen.

Von Johanna Feckl, Ebersberg

Seinen ersten Job hatte Alfred B. ( Namen von der Redaktion geändert) als 15-jähriger Teenager. Für ein ehemaliges großes Kaufhaus malte er die Plakate der Sonderangebote, ganz alleine, zu Hause in seinem Kinderzimmer. Er war talentiert, das Zeichnen ging ihm leicht von der Hand. Man legte ihm nahe, in diesem Bereich eine Ausbildung zu machen. Das tat der heute 64-Jährige später auch und studierte Design. Eine Karriere in diesem Bereich hat er sich trotzdem nie aufbauen können, alles kam ganz anders. In B.s Worten klingt es so: "Erst habe ich beim Hertie gearbeitet, dann schlafe ich auf einmal davor."

Alfred B. wurde obdachlos, tingelte insgesamt über 15 Jahre hinweg durch ganz Deutschland, immer in der Hoffnung, irgendwo Fuß fassen zu können. Gelungen ist es ihm nie. Ein Grund: Egal wohin der 64-Jährige ging, seine psychische Krankheit folgte ihm. Er leidet an paranoider halluzinogener Schizophrenie. Das bedeutet, dass sich B. immer verfolgt fühlte, Stimmen hörte und Objekte sah, die in Wirklichkeit nicht da waren.

Eigentlich begleitet die Krankheit B. fast sein Leben lang. Mit 18 Jahren kam er das erste Mal in eine stationäre Einrichtung. "Meine Mutter bekam Panik, als ich immer öfter von Marsmenschen sprach", erinnert er sich. Der 64-Jährige sitzt an dem großen Küchentisch seiner Wohngemeinschaft. Dort lebt er seit November dieses Jahres. Vor ihm liegt ein Blatt Papier, das er an den Seiten mit den Händen festhält. Sein Blick hebt sich von dem Blatt und der schwungvollen Schrift darauf - es ist seine eigene. Als Vorbereitung auf das Gespräch, in dem es um ihn gehen soll, schrieb er sich die wichtigen Stationen aus seinem Leben auf. Er wollte seine Gedanken sortieren und nichts vergessen. "Auch körperlich war ich damals schlecht beieinander", erzählt er weiter.

Es dauerte nicht lange, und er wurde aus der Klinik entlassen - und wenig später wieder eingewiesen. Dieses Mal, weil er halluzinierte. Geholfen haben die Klinikaufenthalte B. und seiner Krankheit nicht, psychiatrische Einrichtungen waren damals anders als heute - eine Behandlung mit Medikamenten, um die Symptome zu mildern, gab es nicht.

Seine Mutter war selbst psychisch schwer krank. Nur vier Mal hat er seinen Vater, der getrennt von der Mutter lebte, gesehen. Es soll noch einen älteren Bruder geben. Auch der wollte bislang nichts mit Alfred B. zu tun haben. Nicht einmal ein Foto kennt er von ihm. Aufgewachsen ist er bei seiner Mutter und einer Tante, die sich ständig bekriegt haben. Als B. ein junger Mann war, vermietete seine Mutter immer wieder sein Zimmer im Elternhaus, für ihn war kein Platz mehr. Nach seinem Grafik-Studium versuchte sich B. als freiberuflicher Grafiker, doch sein Geschäftspartner ließ ihn im Stich, wie er erzählt, aus dem Unternehmen wurde nichts. Da entschloss sich B. zu fliehen, nach Berlin, ohne Plan, ohne Wohnung, fast ohne Geld. Er wurde obdachlos.

Für B. begann eine Zeit der Getriebenheit. Nirgends hat er es lange ausgehalten. Er lebte in Berlin, in München, in Halle, in Magdeburg - er irrte durch die Republik. Seine Krankheit hat ihn weit herumgeführt. Zwischendurch war der 64-Jährige in Krankenhäusern, lebte in Seniorenheimen, obwohl er dafür noch viel zu jung war. Immer wieder fand er auch Arbeit, aber jedes Mal beschlich ihn das Gefühl, seine Kollegen würden über ihn und seine Krankheit reden. Gezielt behandelt wurde seine Schizophrenie nie.

B. war zu krank, um dauerhaft zu arbeiten. Deshalb lebt er nun von Grundsicherung. Knapp 300 Euro bleiben ihm im Monat. Das ist nicht viel für jemanden, der nur mit ein wenig Kleidung in ein leeres Zimmer in einer Wohngemeinschaft gezogen ist. Im Moment sieht es dort noch karg aus, nicht so, als ob das hier tatsächlich jemand sein zu Hause nennt - aber für mehr reicht sein Geld nicht aus. Wünscht er sich nicht ein bisschen mehr? Nein, eigentlich nicht. Der 64-Jährige ist ein bescheidener Mann. Für ihn ist wichtiger, dass er mittlerweile medikamentös behandelt wird und gelernt hat, mit seiner Krankheit umzugehen.

Manchmal hört er noch immer eine Stimme, die behauptet, Gott zu sein. B. zuckt mit den Schultern. "Aber die ignoriere ich einfach." Er freut sich, dass es nach zwei Jahren auf der Warteliste im November mit einem Platz in der Wohngemeinschaft geklappt hat. Hier fühlt er sich wohl. Besonders freut er sich, wenn einmal in der Woche der Träger seiner Wohngemeinschaft einen Malkurs veranstaltet. Die Liebe zur Kunst hat der 64-Jährige trotz der jahrelangen Flucht von Stadt zu Stadt niemals verloren. Er zeichnet Landschaften und Porträts, am liebsten mit Aquarell, manchmal ist es auch Acryl. Aber auch eigene Malutensilien kann sich B. nicht leisten.

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Quelle:
SZ vom 12.12.2018
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