Taner I., der in Wirklichkeit anders heißt, hat die meiste Zeit während des Gesprächs ein verschmitztes Lächeln auf dem Gesicht, und wenn er über seine Kinder erzählt, weitet es sich noch mehr. Er ist sichtlich stolz auf sie und wünscht ihnen nur das Beste. Leider kann er ihnen das zur Zeit nicht immer bieten. "Ich weiß nicht, was ich machen soll", sagt er immer wieder, als er die Geschichte seiner Familie erzählt, das Lächeln ist nun aus seinem Gesicht verschwunden.
Taner I. kam 2001 nach Deutschland, für die Arbeit. Zuvor hatte er in der Türkei verschiedene Universitätsstudiengänge wieder abgebrochen, "eigentlich wollte ich immer Medizin studieren", erzählt er. Doch daraus wurde nichts, also zog er mit seiner Frau hierher, kam dann in den Landkreis. Bald wurde die erste Tochter geboren, es folgten vier weitere Kinder, die jetzt zwischen acht und 17 Jahren alt sind. Taner betont immer wieder, dass er sich von Anfang an darum bemüht hat, Deutsch zu lernen, doch es fällt ihm noch immer schwer. "Ich bin dann abends in die Moschee gegangen, dort wurde uns ein bisschen Deutsch beigebracht, aber ich war immer so müde, manchmal bin ich eingeschlafen", berichtet er lachend.
Taner I. hat 15 Jahre lang schwere körperliche Arbeit geleistet - bis es nicht mehr ging
Die Müdigkeit kam nicht von ungefähr. Seit seiner Ankunft arbeitete Taner I., in schweren körperlichen Berufen, für die auch geringe Deutschkenntnisse langten. Zuletzt war er Produktionshelfer und musste schwere Bleche oft bis über seinen Kopf heben - acht Stunden am Tag mindestens, tagein, tagaus. Jetzt kann er das nicht mehr, "meine Bandscheiben sind kaputt. Mein Arzt sagt, ich kann nicht mehr körperlich so hart arbeiten." Das frustriert ihn, denn eigentlich will er unbedingt etwas tun. Deswegen intensiviert er jetzt auch seine Bemühungen, Deutsch zu lernen.
Neben den gesundheitlichen Problemen hat Taner I. noch aus zwei weiteren Gründen seine letzte Stellung aufgegeben. Er sei gemobbt worden, erzählt er wütend: "Ich wurde die ganze Zeit überwacht. Wenn ich nur einen Fehler gemacht habe, musste ich sofort Sachen machen, für die ich überhaupt nicht zuständig war, für die ich nicht unterschrieben hatte, sonst hat man mir mit der Kündigung gedroht." Sachen wie den Kühlraum bei fast minus 20 Grad putzen. "Das war menschenunwürdig", ruft er.
Die Frau hat Krebs, die Tochter Diabetes
Der zweite große Grund war wieder die Gesundheit, dieses Mal allerdings nicht seine, sondern die seiner Frau. 2014 bekam diese Krebs, musste ein Jahr lang in die Klinik. "Da musste ich oft zu Hause bei den Kindern bleiben", so I.. Danach war nichts mehr wie vorher. Taner I.s älteste Tochter wird schlechter in der Schule, sie wechselt vom Gymnasium auf die Realschule. Sie entwickelt auch eine Angststörung, "einfach wenn man etwas fallen lässt, hat sie das fast zu Tode erschreckt", wie I. berichtet. Sie macht eine Psychotherapie, es geht ihr jetzt besser. Seine Frau muss ebenfalls eine Therapie machen, irgendwann hält sie es aber nicht mehr aus, sie geht zurück in die Türkei, wo sie heute bei ihrer Familie lebt.
Seitdem lebt Taner I. mit seinen Kindern alleine, an Arbeit war erst einmal nicht mehr zu denken, jetzt bezieht er Arbeitslosengeld II. Nicht zuletzt, weil auch die Kinder mit vielfältigen gesundheitlichen Problemen zu kämpfen haben, manche kleinerer, manche größerer Natur. Eine der beiden Töchter braucht eine Zahnspange, nichts Ungewöhnliches. Die andere entwickelt 2016 jedoch Diabetes. Das bedeutet nicht nur ständige Arztbesuche für sie, sondern auch eine automatische Gewichtszunahme. "Vor fünf Jahren hatte ich eine Matratze gekauft, die passt jetzt nicht mehr für sie", erzählt Taner I.. Das Resultat: Nahezu ständige Rückenschmerzen, die durch das Herumsitzen im Lockdown nicht gerade besser wurden.
Keine Arbeit mit vier Kindern bedeutet auch, das es wenig finanziellen Spielraum gibt. Obwohl die Wohnung nett eingerichtet und sauber ist, gäbe es einiges zu ersetzen. Neben der Matratze sind auch die Spül- und die Waschmaschine alt. Und dann wollen die Kinder auch in den Sportverein, Fußball und Kickboxen, da wird es schnell eng.
Zum Abschluss redet Taner I. nochmal über seine Kinder. Ein Bild der ältesten Tochter steht neben dem Fernseher im Wohnzimmer. "Sie strengt sich gerade sehr an in der Schule, sie will auf die FOS und dann vielleicht auf die Uni", sagt Taner I., jetzt wieder mit einem Lächeln im Gesicht.