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Südafrika:Wenn ein Rundgang durchs Township brenzlig wird

Township Elend Soweto mit Peter Schäfer aus Grafing

Der 60-jährige Mishack Mollapisi (vorne) am Dienstag beim Wasserholen, seit 20 Jahren lebt er allein im Township. Seit zwei Jahren leistet Peter Schäfer (neben Patrick Temba, dem Chef vom Street comittee) hier Entwicklungsarbeit.

(Foto: Korbinian Eisenberger)

In einem Elendsviertel nördlich von Johannesburg hilft Peter Schäfer aus Grafing den Ärmsten der Armen. Plastikhütten und Asbestdächer gehören hier zum Alltag. Ein Besuch zwischen Hunger und Gewalt.

Zwischen den Blechhütten kippt die Stimmung. Weiße? Mitten im Township? Die Männer vom Nebenblock sind irritiert. Und aggressiv, ihre Unterkiefer zittern. Sie sind Gegner des Vorsitzenden des "Street committee", deswegen tragen sie rotes Gewand, und er nicht. Der Knackpunkt: Er, der Vorsteher, hat die weißen Männer mit ins Township genommen. Hier, wo das Abwasser zwischen den Häusern durchrinnt. Zwischen Häusern, die aus Plastik-, Holz- und Metallresten zusammengehämmert sind. Hier, wo sich Polizei und Staat fern halten. Wo das Recht des Stärkeren gilt. Deswegen könnte es jetzt unangenehm werden.

Dienstagvormittag, Besuch in Tembisa, nördlich von Johannesburg, wo sich einige der ärmsten Townships Südafrikas befinden. So einen Ort hat Peter Schäfer sich damals ausgesucht. Wo es in den Häusern weder Strom noch fließendes Wasser gibt. Hier leistet er seit zwei Jahren Entwicklungsarbeit. Deswegen ist er mit seiner Frau nicht im gemeinsamen Haus in Grafing. Sondern steht jetzt mit Kappe und Sonnenbrille vor einer Wasserstelle.

Mit Pauken und Paketen

130 Kinder in einem Klassenzimmer

Schäfer ist so etwas wie die Schnittstelle zwischen Grafing und Südafrika. Der 58-Jährige hat großen Anteil daran, dass es zu dieser Reise kam: dass das Grafinger Jugendorchester nach Johannesburg konnte und dort ein Konzert nach dem anderen gibt. An diesem Vormittag aber spielt die Musik woanders. Etwa hinter einem zerbrochen Plexiglasfenster, wo jetzt Gospeltöne aus einem Lautsprecher klingen.

Warum Peter Schäfer hier helfen will? Wer diesen Ort besucht, weiß es sofort

Schäfer stapft über schmale Pfade durch die Hüttensiedlung, vorbei an Asbestdächern und Müllbergen. Er folgt einem Mann, der gerade drei Kanister mit Wasser gefüllt hat und per Schubkarre auf schmalen Pfaden zwischen Blech- und Holzwänden zu seiner Hütte bringt. Schäfer sagt wenig, er hört zu. Mishack Mollapisi ist 60 Jahre alt, auch er trägt eine Kappe, die Schatten auf seine Augen wirft, er spricht mit leiser Stimme auf Englisch. "Da liegt meine Frau begraben", sagt er und zeigt auf eine Stelle den Weg runter. Irgendeine Krankheit, dann kam das Fieber. Doch die nächste Klinik ist fünf Kilometer weit weg, für viele hier unerreichbar. "Es hat sie getötet", sagt Mollapisi. Seit 20 Jahren lebt er nun alleine hier, sagt er. Als einer der ältesten im Township.

Es erübrigt sich die Frage, warum Peter Schäfer hier helfen will. Bei so viel Elend, Hunger und Armut möchte man am liebsten gleich selbst anpacken. Aber wo fängt man an? Diese Frage stellte sich auch Schäfer, als er vor 33 Jahren nach Johannesburg zog, als hier noch Apartheid herrschte. Sein Antrieb, schon damals, sagt er: "Der Kampf gegen den Rassismus." Helfen, damit die Hautfarbe unwichtig wird. Selbst etwas dafür machen. Auch wenn es kompliziert werden kann - und gefährlich.

Die Schubkarre ist leer, Mishack Mollapisi hat seine Kanister hinter einer Holztür verstaut. Draußen wird es jetzt laut. Peter Schäfer steht neben Patrick Temba vom Street committee, er spricht für 523 Leute, die in dieser Ecke wohnen. "Sie haben mich gewählt", sagt der 41-Jährige, trotzdem müssen er und seine Begleiter sich jetzt vor den rot gekleideten Männern erklären. Einer spricht mit zusammengekniffenen Augen, eine Hand in der Tasche. Warum zwei Weiße, wieso hat einer eine Kamera dabei? Peter Schäfer ergreift das Wort.

Schäfer geht in die Townships und hilft. Eines der Probleme dort: "Viele Kinder hören schlecht", sagt er, ein sozialer Nachteil für Menschen, die es eh schon schwer haben. Als Hörgeräteakustiker kann er da was machen. "Meistens reicht es, wenn man die Ohren ausputzt." Etwas, das viele von den Eltern nicht lernen. Schäfer führt gemeinsam mit Ärzten Hörtests und andere Untersuchungen aller Art durch und klärt auf. Dabei unterstützt ihn der Rotary-Club, Schäfer ist selbst Mitglied. Hunderte Kinder haben sie so erreicht. Allein jedes zehnte hört schlecht, so Schäfer: "In der Schule ein Riesennachteil."

72 Erstklässler in einem winzigen Raum

Die Mittagssonne brennt herunter, Schäfer geht jetzt über den Pausenhof der Kanana Grundschule. Auch hier hat er Kinder untersucht. Aber eben noch lange nicht alle, zumal die Schülerzahlen immer mehr anwachsen. Etwa in der ersten Klasse von Lehrerin Lindiwe Mdletsha, 29. Weil die Schulbänke nicht ausreichen, sitzen die Schüler auf dem Boden oder auf Hockern, die Hefte auf den Knien. Sie lachen, als die Tür aufgeht, große Augen ob des ungewöhnlichen Besuchs. 2015 hatte Mdletsha noch 54 Schüler, vergangenes Jahr 60, erzählt sie. "Nun sitzen hier 72." Buben und Mädchen, die meisten sechs Jahre alt, und mit unterschiedlichen Sprachen großgeworden. Unterricht? Praktisch unmöglich.

Die Schülerzahl steigt hier jährlich, "so kommen auch immer mehr Kinder mit Verletzungen zu Schule", sagt eine Frau, die mit Klemmbrett auf dem Pausenhof steht. Elisabeth Maupye leitet das Lehrerteam. Die 47-Jährige kennt Schäfer von den Hörtests, sie umarmt ihn zur Begrüßung. Klar, er verhindert nicht, dass Schüler daheim misshandelt werden, hier im Armenviertel, wo Gewalt und Missbrauch zum Alltag gehören. Und wo es an der Schule nur einen Sozialarbeiter für knapp 3000 Kinder gibt. Trotzdem, sagt Maupye, Aktionen wie die von Schäfer "give us some hope".

Hoffnung. Zumindest einmal fällt das Wort an diesem Tag, an diesem schier hoffnungslosen Ort. Aber vielleicht gibt es ja Hoffnung, auch für die Männer in Rot, deren Blicke sich jetzt entspannen. Sie glauben Schäfers Geschichte. Dass er in friedlicher Absicht hier ist, um zu helfen, die Wege zu Wasser und Medizin zu verkürzen.

Die Aufregung hat sich gelegt, prompt lugt ein Mann hinter seiner Holztür hervor. Mishack Mollapisi rückt sein Käppi zurecht, packt den leeren Schubkarren und rollt ihn Richtung Wasserstelle.

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