Streitfall Denkmalschutz Der Verfall geht weiter

Die Straße vor dem alten Bauernhaus ist inzwischen nicht mehr halbseitig gesperrt. Laut Gemeindeverwaltung besteht inzwischen nicht mehr die Gefahr, dass Ziegel vom Dach herunterfallen.

(Foto: Christian Endt)

Ein historisches Bauernhaus in der Zornedinger Ortsdurchfahrt stellt zwar nun keine Gefahr mehr dar - wie es mit ihm weiter geht, ist aber ungeklärt

Von Viktoria Spinrad, Zorneding

187 Tage lang mussten die Zornedinger einen Bogen fahren, wenn sie auf der Hauptverkehrsader in Richtung Ortsausgang unterwegs waren. Dort steht ein denkmalgeschütztes und einsturzgefährdetes Haus. Eine mögliche Gefahrenquelle, wie das Landratsamt entschieden hatte. Um Passanten vor herunterfallenden Dachziegeln zu schützen, ließ es das Gelände um das Haus absperren. Das führte zu Unmut unter den Zornedingern - und lieferte der BR-Sendung "quer" eine willkommene Vorzeige-Dorfposse.

Die geht nun in die nächste Runde. Seit vergangenem Montag stehen die Absperrzäune auf der Wiese vor dem Haus; die Zornedinger können den Ort wieder ungehindert verlassen. Im Ort fragt man sich nun: Ist die Stelle nun plötzlich nicht mehr gefährlich? Und: wie geht es nun weiter mit dem alten, ungeliebten Bauernhof?

Die Frage nach den Maßnahmen lässt sich vergleichsweise leicht beantworten. "Das Dach ist soweit ausgebessert worden, dass keine Ziegel mehr herunterfallen können", erklärt Stefan Ballerstaller vom Zornedinger Bauamt. Er berichtet von vereinzelten Beschwerden wegen der Verkehrseinschränkung, "es war jetzt kein Ansturm". Und zeigt sich zufrieden über den Eingriff: "Schon mal ein Fall weniger", sagt Ballerstaller.

Nicht aber für den Hausbesitzer. Der hätte das Haus schon gerne längst abgerissen - doch er darf nicht. Das "Wohnstall-Stadelhaus" mit verputztem Backsteinbau, "profilierten Balkenköpfen" und "halbrunden Speicheröffnungen" ist denkmalgeschützt. Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so wirken mag - denn das Haus wirkt eher wie eine Ruine denn wie ein Prunkstück aus alten Zeiten.

Ein Bild, das man in der Gemeinde kritisch sieht. "Der Zustand des Hauses wirkt desaströs - und die Behörden haben zugeschaut", sagt Grünen-Gemeinderat Helmut Obermaier. Der Zornedinger Gregor Schlicksbier arbeitet im Landesamt für Denkmalpflege. Er betont: "Die Eigentümer haben im Rahmen der Zumutbarkeit eine Pflicht, das Haus zu erhalten." Eine Pflicht, der Jochen Werner mit Herzblut nachgekommen ist. Er und seine Frau haben aus ihrem denkmalgeschützten Haus ein liebliches Schmuckstück gezaubert. Der Designer meint: "Das Haus ist ein Schandfleck. Man bräuchte eine Vision."

Doch von einer Heimwerker-Vision scheint der Eigentümer Johann Gassner nicht gepackt zu sein. Bereits seit Jahren streitet er sich mit der Denkmalschutzbehörde. Vor sechs Jahren hatte er erklärt, dass man das Gebäude wegreißen lassen wollte, aber nicht durfte. In dem Zusammenhang sprach er von einer "Bruchbude". Für die Nachfrage, ob er das Haus all die Jahre nun bewusst hat verfallen lassen, in der Hoffnung, dass sich ein Erhalt eines Tages nicht mehr lohnt, war er telefonisch nicht erreichbar.

Fest steht, dass Denkmalschützer das Haus nun untersuchen, um festzustellen, wie es saniert werden kann. Und das "wird eine Zeitlang dauern", sagt Anita Langer, Sachgebietsleiterin im Landratsamt. Ob sich eine Sanierung des etwa 210 Jahre alten Bauernhofs mittlerweile überhaupt noch lohnt, zweifeln manche Gemeinderäte derweil an. "Wir sollten im Sinne des Eigentümers handeln", meint CSU-Gemeinderätin Stefanie Berndlmeier. Eine Position, die offenbar viele Gemeinderäte vertreten: "Die meisten gehen davon aus, dass das Haus abgerissen wird", sagt Zweite Bürgermeisterin Bianka Poschenrieder (SPD).

Noch Hoffnungen für das Haus hegen die FDP- und Grünen-Fraktionen. "Wir haben in Zorneding sonst kaum alte Gebäude. Alles hängt jetzt von der Bausubstanz ab", sagt Peter Pernsteiner (FDP). Sein Grünen-Kollege erinnert daran, dass Zorneding als Straßendorf angelegt worden ist: "Da ist es umso schöner, wenn wir rechts und links etwas Zeitgeschichte zeigen", sagt Helmut Obermeier. Er spricht sich dafür aus, dass die Gemeinde den Eigentümern finanziell unter die Arme greift. Das könnte vonnöten sein: Das Töpfe der Denkmalpflege "sind nicht gerade üppig", sagt Schlicksbier. Heimwerker Werner illustriert den Investitionsaufwand: Eine denkmalgerechte Sanierung koste "genau so viel wie ein neues Haus", sagt er.