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Gärtnern in Markt Schwaben:Dem Storchengarten droht das Aus

Als ihr Herzensprojekt bezeichnet Doris Seibt ihren Storchengarten in Markt Schwaben.

(Foto: Christian Endt)

Doris Seibt hat in Markt Schwaben ein Vorzeigeprojekt für Biodiversität geschaffen. Um es zu erhalten, fehlen aber die finanziellen Mittel.

Doris Seibt hat beide Hände im Grün von Karottenkraut vergraben. Eine Rübe nach der anderen zieht sie aus der feuchten Erde. Manche sind rot, einige orange. "Das ist eine besondere Mischung, hier haben sich normale Karotten mit Wildkarotten gekreuzt", erklärt sie. Auf dem 240 Quadratmeter großen Acker des Storchengartens am Rand von Markt Schwaben wuchern und blühen so viele verschiedene Pflanzen, dass man leicht den Überblick verliert: Angefangen bei eher unbekannten wie Stevia, Yacoon oder Amaranth über Hirse und Hafer bis hin zu klassischen wie Linsen, Kartoffeln und Kürbissen.

Seibt, 65, trägt eine rote Regenjacke und Gummistiefel, im Regen stapft sie durch den Garten, der von Sonnenblumen und Maisfeldern umringt ist. "Allein auf diesen zwei Quadratmetern", sagt sie und zeigt auf eine Ecke im Garten, "da sind bestimmt 15 verschiedene Arten angebaut".

Angebaut werden nur historische und regionale Sorten

Die Agraringenieurin verzichtet auf Düngemittel, Pestizide und hybride Pflanzen. Letzter sind zwar ertragreicher und widerstandsfähiger, aber enthalten kaum noch Pollen und Nektar für Bienen, Schmetterlinge oder andere Insekten. Deshalb baut Doris Seibt nur historische und regionale Arten an, deren Samen sie vom Institut für Pflanzengenetik aus Gatersleben in Sachsen-Anhalt bekommen und vermehrt hat. Eine Biene hat die großen gelben Kürbisblüten entdeckt und fliegt von einer zur anderen, so als könne sie sich für keine entscheiden.

Es sei sehr wichtig, erklärt Seibt, dass sich solche Gärten vervielfachen, einige Nachahmer gebe es in der Region bereits. "Insekten und Vögel sterben aus", sagt sie.

Der Storchengarten ist von großen Sonnenblumen umschlossen, am Horizont brauen sich allerdings dunkle Wolken zusammen.

(Foto: Christian Endt)

"Wir müssen etwas tun und die Artenvielfalt erhalten." Der Storchengarten ist ihr Herzensprojekt. Wenn sie über den Acker läuft und von ihren Pflanzen spricht, leuchten ihre Augen. Jetzt aber möchte sie Schluss machen: "Ich bin körperlich nicht mehr in der Lage und der Zeitaufwand ist groß." Doch es fehle vor allem an finanzieller Unterstützung. Aktuell finanziert sich das Projekt auf Spendenbasis, das alleine reiche aber nicht aus. Es werden Geräte und ein Lagerraum benötigt. Zudem müsse eine Fachkraft eingestellt werden, die hilft, den Garten zu betreiben. Diese müsse entsprechend bezahlt werden: "Langsam habe ich keine Lust mehr, mich um Gelder zu bemühen. Das geht seit fünf, sechs Jahren so."

Das Projekt ist bereits mehrfach ausgezeichnet worden

Bis jetzt wartet Doris Seibt noch auf die Zusage für eine finanzielle Förderung. Es ärgert sie, dass für Blühstreifen Geld da sei, obwohl diese häufig neben Verkehrsstraßen gepflanzt würden, was schlecht für Insekten sei. "Ich habe schon x Mal Fördergelder angefragt, ohne Erfolg. Ich hoffe, der Landkreis kommt jetzt selbst auf mich zu." Schließlich sei der Storchengarten auch für den Landkreis Ebersberg von Bedeutung. Zweimal wurde das Projekt mit dem UN-Biodiversitätspreis ausgezeichnet.

Doris Seibt baut nur regionale und historische Gemüsesorten an.

(Foto: Christian Endt)

Spätestens in zwei Jahren wird Seibt nicht mehr für ihr Herzensprojekt in Markt Schwaben da sein können. Sie zieht zurück in ihre Heimat nach Ostdeutschland. "Es wird schön sein, wieder mehr Zeit zu haben." Dennoch will sie sich auch dort für ähnliche Vorhaben engagieren. Die Zukunft des Storchengartens ist indes ungewiss. Wenn Fördergelder bereitgestellt werden, läuft das Projekt weiter. "Dann wäre ich erleichtert", so Seibt. Eine mögliche Nachfolgerin würde es bereits geben, wie sie sagt.

Doris Seibt wünscht sich, dass in Zukunft mehr Kinder in den Storchengarten kommen: "Viele Kinder wissen nicht mehr, wie eine Pflanze eigentlich aussieht." Doch das Interesse von Kindergärten und Schulen halte sich in Grenzen, sagt sie, während sie in der Hand die grüne Schote einer Lupine hält, die der von Erbsen gleicht. Die Früchte sehen aus wie grüne Smarties. Seibt steckt eine in den Mund und verzieht das Gesicht: "Da sind noch viele Bitterstoffe drin", sagt sie. Einige Zucchinis und Gurken sind aber schon reif. Seibt würde gerne eine Bank neben den Storchengarten stellen, damit Spaziergänger dann das Gemüse mitnehmen können. "Aber das kostet ja Geld."

© SZ vom 17.08.2019/aju
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