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Stilkritik:"So überladen, dass man sie höchstens im Stau lesen kann"

Wahlplakate Landtagswahl 2018

Für die Plakatanalyse schaute sich das Kritiker-Trio die Motive der sechs Landtagsdirektkandidaten aus den Parteien mit den zuletzt höchsten Umfragewerten an.

(Foto: Photographie Peter Hinz-Rosin)

Drei Profis haben sich die Wahlplakate im Landkreis Ebersberg genau angeschaut. Was die Experten zu den Botschaften der Direktkandidaten sagen.

Von Jessica Schober

Autofahrer und Passanten erwartet"wenig Neues von der Wahlfront", wenn sie an den Plakatwänden und Schilderwäldern im Landkreis vorbeikommen. Das zumindest findet der Ebersberger Grafikdesigner Johann Brand. Er hat sich gemeinsam mit dem politischen Kommunikationsforscher der Ludwig-Maximilians-Universität Philip Baugut und der Freisinger Expertin für Körpersprache Monika Matschnig die Wahlplakate der Direktkandidaten der sechs umfragestärksten Parteien angeschaut.

Brand findet: "Die meisten Plakate am Straßenrand sind wohl für Fußgänger gemacht. Sie sind so überladen mit Botschaften, dass man sie höchstens im Stau lesen kann." Das Experten-Trio fällt ein eher kritisches Urteil über die Gestaltung der Wahlplakate - die alle auf einer Grafinger Stellwand zu sehen sind.

CSU

Baugut: Thomas Huber nutzt den Begriff Heimat, der klein und kursiv geschrieben über dem Namen steht und gerade in konservativen Kreisen honoriert wird. Interessant ist das Farbkonzept: Der Kandidat ist in bayerisches Weiß-Blau gekleidet. Der Hinweis auf den Wahltag ist zu begrüßen.

Brand: Er will wohl "näher am Menschen", wirken, indem er sich zwischen einer jungen Frau und einer Seniorin fotografieren lässt, deren halbe Gesichter unscharf sind. Das Wahldatum hätte man getrost einsparen können. Das Plakat wirkt eher konservativ, vorhersehbar.

Matschnig: Der Blick wirkt fokussiert, auf ein Ziel gerichtet und er strahlt ein ehrliches Lächeln aus. Das perfekt gebügelte weiße Hemd soll wohl Lockerheit und gleichzeitig Seriosität darstellen. Die braune Holztafel wirkt bodenständig und macht das Bild wärmer.

Grüne

Baugut: Thomas von Sarnowski stellt mit dem Klimaschutz ein Thema in den Mittelpunkt, das zum Markenkern seiner Partei gehört. Dass er "echten" Klimaschutz will, suggeriert, dass es seine Mitbewerber beim Klimaschutz nicht ernst genug meinen oder zu wenig dafür tun. Es zeigt aber auch ein Problem der Grünen: Sie sind nicht die einzigen, für die der Klimaschutz ein Wahlkampfthema ist.

Brand: Einfacher geht's nicht. Man wird als Wähler direkt angesprochen. Mit dem Kreuzl gibt man quasi das Jawort zu einer konkreten Problemlösung. Gutes freundliches Kandidatenfoto eines aufstrebenden Nachwuchsgrünen, optimal und groß eingesetzt. Typografie könnte übersichtlicher und kontrastreicher platziert sein. "Echter" Klimaschutz? Gibt es auch einen "unechten" oder "falschen"? Das Wort "mehr" wäre vielleicht passender gewesen. Wirkt frisch - aber optimierbar.

Matschnig: Grün steht für die Hoffnung, das Naturverbundene. Die Kontrastfarbe Pink wirkt ausdrucksstark und anregend. Leider trägt der Kandidat eine rahmenlose Brille. Eine akzentuierte Brille würde ihn älter und kompetenter wirken lassen.

SPD

Baugut: Doris Rauscher will betonen, dass sie schon im Landtag sitzt und über entsprechende Erfahrung verfügt. Auffällig ist, dass die Parteifarbe der SPD sehr sparsam verwendet wird. Auch ihr Slogan hat nichts mit dem SPD-Markenkern zu tun, er könnte auch von der CSU stammen. Möglicherweise will sie deren enttäuschte Anhänger besonders ansprechen.

Brand: Übersichtliches, seriöses und gut gemachtes Plakat, farblich aber dem dunkelblauen CDU-Stil von 2015 angelehnt, mit vorsichtigem Rot garniert. Wie ähnlich sich die Volksparteien doch geworden sind. Rauscher präsentiert sich mit der Haltung einer stets gesprächsbereiten Moderatorin - als neue Landkreismutti.

Matschnig: Ein energiegeladener Gesichtsausdruck, der motiviert wirkt. Durch den nach vorne gelehnten Oberkörper und die aufgestützten Arme wirkt sie handlungsbereit. Die weiße Bluse rückt sie in den Fokus, das kräftige Rot und das dunkle Blau verstärken ihre Wirkung.

Freie Wähler

Baugut: Markus Erhorn will möglichst bayerisch wirken, wie Kleidung und Dialekt zeigen. Er betont das Bemühen um Miteinander, wie es zu einer Partei mit dem Anspruch, "die Mitte" zu repräsentieren, passt. Eine klare politische Botschaft fehlt allerdings.

Brand: Die Gestaltung finde ich zu sehr CSU-mäßig und etwas in die Jahre gekommen. Außerdem ist das Kandidatenfoto schlecht platziert. Markus Erhorn schaut links aus dem Bild heraus, quasi rückwärts zur Leserichtung. Außerdem finde ich "Miteinand für unser Land" einen abgedroschenen Slogan. Mittelmäßig.

Matschnig: Auf den ersten Blick wirkt er wie aus einer Blaskapelle. Die Brille gibt seinem jugendlichen Aussehen einen intellektuellen Touch. Leider wirkt das Lachen aufgesetzt, die Augen lachen nicht mit.

AfD

Baugut: Hilmar Sturm spielt mit seinem Namen. Bei "Stürmer" denken manche aber nicht nur an eine Person mit viel Energie oder die Fußballposition, sondern auch an eine antisemitische Wochenzeitung aus der NS-Zeit.

Brand: Schlechtes Kandidatenporträt mit zusammengekniffenen Augen. Das Foto ist überhöht und schlecht platziert sowie an der falschen Stelle angeschnitten, als fehlte dem Kandidaten ein Stück des Gehirns. Die Zeile "Unser bayerischer Stürmer" ist dem Foto nach zu urteilen eher nicht sportlich gemeint. Durchgefallen.

Matschnig: Der Ausdruck wirkt fokussierend, fälschlicherweise könnte er sogar zornig wirken. Ein leichtes, aufrichtiges Lächeln würde die Sympathiewerte steigern, doch leider fehlt es.

FDP

Baugut: Alexander Müllers Plakat ist nicht nur wegen des Farbkonzepts auffällig, er nennt auch zwei drängende politische Themen. Die FDP, bisher nicht im Landtag, kann frischen Wind versprechen.

Brand: Die FDP verwendet drei stark kontrastierende Farben, früher war die Parteifarbe mal gelb. Mit Blau schielt man in die Unions- und AfD-Ecke, mit Magenta in die soziale Ecke. Der Gesamtauftritt ist dadurch eher schrill statt frisch.

Matschnig: Das offene Sakko und Hemd wirken locker und kompetent. Die Optik innovativ, kraftvoll und frisch. Bloß das schiefe Lächeln könnte möglicherweise als negativ ausgelegt werden - manche könnten Zynismus hineininterpretieren.

© SZ vom 06.10.2018/koei

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