Er hat ein langes Leben hinter sich, 90 Jahre ist er jetzt. Wann er wirklich Geburtstag hat, weiß er aber nicht – ebenso wenig, wer seine leiblichen Eltern waren und was mit ihnen passiert ist. Denn Hermann Lüdeking ist ein so genanntes „geraubtes Kind“. So nennt man jene, die im Zweiten Weltkrieg meist in Osteuropa ihren Eltern weggenommen und zwangsgermanisiert wurden. Über die Lebensborn-Heime wurden sie an deutsche Adoptiveltern vermittelt, diese verschleierten später oft die wahre Herkunft der Kinder.
Auch bei Hermann Lüdeking war das so; seine Adoptivmutter hatte ihren eigenen Sohn auf dem Schlachtfeld in Griechenland verloren, ihre Trauer versuchte sie durch die Adoption des kleinen Buben aus einem Lebensborn-Heim zu kompensieren. Ein Dokument aus dieser Zeit führt nach Steinhöring: die gefälschte Geburtsurkunde, in der der damalige Leiter des Gesundheitswesens im Steinhöringer Lebensborn-Heim das Geburtsdatum für Hermann Lüdeking willkürlich festlegte.

Das ist lang her, der 90-Jährige hat an seine Adoptiveltern durchaus liebevolle Erinnerungen – doch das ändert nichts daran, dass es ihn auch so viele Jahre später noch umtreibt, was mit ihm geschehen ist. Als er seine Geschichte in einer Ebersberger Gaststätte erzählt, laufen ihm die Tränen übers Gesicht. Anderen geraubten Kindern und ihren Angehörigen geht es ähnlich, einige von ihnen erzählen am Samstag ihre Geschichten, die nur so wenige Menschen kennen. Etwa die von Haymo Heyder, er wurde 1942 aus Slowenien geraubt, seine Mutter mit 21 Jahren in Auschwitz ermordet. Rosemarie Heyder, seine frühere Frau, erzählt, ihr Mann sei oft tagelang in Schweigen verfallen und habe zeit seines Lebens schwer an seiner Geschichte getragen.
Wenig später rollen an diesem schwül-heißen Tag, begleitet von Polizeiautos mit Blaulicht, schwere Motorräder von Ebersberg Richtung Steinhöring; zwischen die Biker in ihren dicken Kutten mischen sich auch einige Radler. Gemeinsam haben sie, dass sie auf das Schicksal der geraubten Kinder aufmerksam machen wollen: Der Freiburger Verein „Geraubte Kinder –vergessene Opfer“ und der Motorradklub „Kuhle Wampe“ haben eine Gedenkfahrt nach Steinhöring organisiert. Auch Hermann Lüdeking nimmt die Strapazen auf sich und fährt mit nach Steinhöring. Der 90-Jährige nimmt auf einem Klappstuhl vor dem Gelände Platz, auf dem vor 90 Jahren das erste Lebensborn-Heim in Deutschland eröffnet wurde.



Bauzäune umrahmen das historische Gebäude, das Gelände ist momentan schwer zugänglich. Das ist einer der Gründe dafür, dass man im Einrichtungsverbund Steinhöring über den Termin der Gedenkaktion verärgert war, ein anderer Grund war, dass er ausgerechnet während des Betriebsurlaubs der Einrichtung angesetzt wurde. Einrichtungsleiterin Gertrud Hanslmeier-Prockl hat daher den Zugang zum Gelände für das Gedenken verwehrt. Die knapp 30 Biker, das Wohnmobil von Organisator Christoph Schwarz sowie das Auto, mit dem Hermann Lüdeking gekommen ist, müssen deshalb am Straßenrand rund um den alten Funkerturm parken. Dort werden dann die Namen von geraubten Kindern verlesen und rote Rosen an den Bauzaun gebunden.
Der Organisator äußert massive Kritik an der Katholischen Jugendfürsorge
Aber ohnehin passt ihnen dieser Standort nicht schlecht, denn hier ist eine Informationstafel über die Geschichte dieses Ortes angebracht, auf der ein Hinweis auf die geraubten Kinder freilich fehlt. Der Verein und die Betroffenen wollen das ändern, sie fordern, dass auch eine Tafel an die geraubten Kinder erinnert. Yvonne Ajubi, die stellvertretend für ihre 86-jährige Mutter Gisela Weise gekommen ist, die als Kind aus Polen geraubt wurde, erzählt, dass ihre Mutter es als „letzten Wunsch“ genannt habe, dass es eine Erinnerung für sie und andere geraubte Kinder geben soll.
Dass die Katholische Jugendfürsorge der Erzdiözese München und Freising (Kjf) diesem Wunsch nicht entsprechen wolle, sei für ihn „unvorstellbar“, sagt Christoph Schwarz vom Verein „Geraubte Kinder“. „Da fehlen mir auch schlichtweg die Worte.“ An drei anderen katholischen Einrichtungen, die mit NS-Unrecht verbunden seien, habe man ähnliche Tafeln nämlich durchaus anbringen dürfen.
Er kritisiert die Kjf und den Einrichtungsverbund noch aus anderen Gründen, spricht etwa von „Blutgeld“, das die Kjf nicht herausgebe. Es handelt sich dabei um Sparbücher, die die SS für Lebensborn-Kinder angelegt habe, die aber nie zur Auszahlung gekommen sind. Etwa 57 000 Euro sind noch übrig. Die Kjf wolle das Geld keineswegs für sich verwenden, sondern noch eine Weile verwahren, falls sich diejenigen, denen das Geld zusteht, noch melden, unterstreicht Gertrud Hanslmeier-Prockl vom Einrichtungsverbund.
Einen weiteren Kritikpunkt des Vereinsvorsitzenden räumt sie ein: Auf dem Gelände steht eine Statue aus der NS-Zeit, die bislang ohne historische Einordnung ist. Dies werde sich aber ändern, es werde eine Dokumentation erstellt und ein Gedenkweg errichtet, dies sei der „Plan seit vielen Jahren“. Weil der Erinnerungsweg ohnehin in Vorbereitung sei, wolle man auch nicht einfach das Schild des Vereins aufhängen.
Christoph Schwarz hingegen verweist darauf, dass schon viele Jahre vergangen sind und insbesondere die Erinnerung an die geraubten Kinder erfolgen sollte, solange noch einige von ihnen das erleben können. Immerhin hat er an anderer Stelle für sie nun einen Erfolg errungen: Der Petitionsausschuss des Bundestags hat erst vor wenigen Tagen die Forderung des Vereins unterstützt, den geraubten Kindern eine Entschädigung zukommen zu lassen. Das bedeutet allerdings noch lange nicht, dass das Geld tatsächlich fließt. Nach Berechnungen des Ausschusses müsste ein Entschädigungsfonds bei geschätzten 50 000 bis 200 000 Betroffenen mit etwa 125 Millionen Euro ausgestattet werden, erläutert Schwarz. Die Entscheidung des Petitionsausschusses bedeutet aber, dass sich das Bundesfinanzministerium zeitnah mit dem Thema befassen muss.

