Eine Sekunde lang dachte Christian Schächer, dass das doch nur ein Scherz sein könne: „Christian, du hast gewonnen – mit einer Stimme Vorsprung“, ließ ihn die bisherige Steinhöringer Bürgermeisterin Martina Lietsch kurz nach 20 Uhr am Wahlabend wissen. 1164 Stimmen waren zu dem Zeitpunkt für den CSU-Bewerber gezählt, 1163 für die Amtsinhaberin von der Freien Liste Steinhöring. Kann man da feiern gehen? Schächer und seine Freunde und Unterstützer zogen zwar vom Rathaus weiter zum Italiener, „aber wir waren wirklich sehr angespannt“, erinnert er sich am Tag darauf.
Dass es tatsächlich geklappt hatte mit dem neuen Job als Bürgermeister, konnte der 52-Jährige erst so richtig glauben, als er gegen halb zwölf abends den Anruf von Wahlleiterin Kerstin Schönfelder mit der Bestätigung bekam. Im Endergebnis hatte Schächer seinen Vorsprung ausgebaut: um eine Stimme. „Das war spannender als jeder Tatort oder Krimi“, sagt Schächer, der danach noch bis halb drei weiterfeierte.
Bei Stimmengleichheit hätte das Los entscheiden müssen
Einen Wahlabend wie diesen hat auch die Wahlleiterin noch nie erlebt. Sicherheitshalber habe sie in allen Stimmbezirken drei- bis viermal nachzählen lassen, erzählt sie, tatsächlich zeigte sich, dass einige wenige Stimmzettel auf dem falschen Stapel gelandet waren. Am Endergebnis änderte sich freilich letztlich nichts. Grundsätzlich reicht eine Stimme zum Wahlsieg, es gilt allein die Regel, dass ein Kandidat oder eine Kandidatin mehr als die Hälfte der abgegebenen Stimmen erhalten muss.
Eine Situation wie in Steinhöring kommt zwar nicht allzu häufig vor, doch ganz einzigartig ist sie auch wieder nicht, erläutert eine Sprecherin des Landesamts für Statistik: Mehr als 20 Fälle ließen sich bei einer Auswertung der Daten zu den Ergebnissen der Bürgermeister- und Landratswahlen in Bayern seit 1946 finden. In einigen Fällen lagen die Bewerber sogar gleichauf – in solchen Fällen gibt es einen Losentscheid, wie das etwa 2008 in der unterfränkischen Gemeinde Bergtheim bei Würzburg praktiziert wurde.

„Für mich ist das natürlich bitter“, kommentiert Bürgermeisterin Martina Lietsch das Ergebnis. Für sie sei es ein Indiz, „dass eher die lauten Töne zählen als die leisen“. In den sechs Jahren als Bürgermeisterin habe sie ihr ganzes Wissen, ihre ganze Erfahrung und ihre ganze Kraft für die Gemeinde eingesetzt, sagt die 62-Jährige, das Privatleben sei dabei oft zu kurz gekommen. Ein bisschen Urlaub will sie also auf jeden Fall noch machen, doch auch ihrem Nachfolger ein geordnetes Haus übergeben. Und dann? „Ich arbeite gern“, sagt sie, nach wie vor sei sie „voller Tatendrang“, vielleicht also kehre sie zum Landratsamt, ihrem früheren Arbeitgeber zurück, die Möglichkeit bestehe jedenfalls.
Der neue Rathauschef hingegen wird künftig weniger Zeit für seine Kfz-Lackiererei haben, der Betrieb sei aber bei seiner Familie und den erfahrenen Mitarbeitern in guten Händen, sagt Schächer überzeugt. Wenn er im Mai ins Rathaus einzieht, bringt er bereits einen 100-Tage-Plan mit, erzählt er. Er wolle beispielsweise noch einmal überprüfen, ob man bei der Sanierung der Kläranlage wirklich auf dem richtigen Weg sei, und nach Strategien suchen, die Algenbelastung im Badesee zu bekämpfen.

