Steinheber in Grafing Bierkistenschlepper aus irischen Pubs

Auf dem Grafinger Volksfest kamen heute zum siebten Mal Steinheber aus Deutschland und Österreich zusammen. Es ging um Muckis und Kilos - um halbe Hendl und volle Masskrüge.

Report von Korbinian Eisenberger, Grafing

In einem bayerischen Bierzelt passiert es oft, dass die Gesichtsfarbe zu rot wechselt, meistens ist daran das Bier schuld. Auf dem Grafinger Volksfest muss man aber keinen heben, um rot zu werden, zumindest keinen Bierhumpen. Der beste Beweis ist Peter Pakas aus dem Zillertal, ungefähr zwei Meter groß, stünde er nicht mit Bauchgürtel auf der Bierzelt-Bühne, man würde ihn für einen Bierkistenschlepper aus einem Dubliner Pub halten. Für den Getränketransport sind hier im Zelt aber andere zuständig, Pakas ist Steinheber, er muss jetzt einen 250 Kilo schweren Klumpen mit den Händen nach oben zerren. Pakas zieht am Steingriff, das Hemd spannt über seine riesigen Muskeln, und das Gesicht wird immer röter.

Donnerstagmittag, Feiertag, das Zelt auf dem Grandauer Volksfest ist dreiviertel voll. Vorne spielt die Glonner Musi einen Marsch, hinten auf den Bänken johlen die Zuschauer, und auf der Bühne spielt sich ein archaisches Szenario ab: Starke Männer heben schwere Steine, 30 Steinheber aus ganz Deutschland und Österreich messen ihre Kräfte beim Hochhieven eines verdammt schwergewichtigen Trumms. Zum siebten Mal sind sie zur "Internationalen Alpenländischen Meisterschaft der Steinheber" nach Grafing gekommen, in fünf Gewichtsklassen werden Sieger gekürt.

Ein Steinheber ist viel aufregender als ein Hendlplattenschlepper.

(Foto: Photographie Peter Hinz-Rosin)

Gerade läuft das Finale im Superschwergewicht, der Königsklasse der Möbelpacker und Mammutbaum-Holzfäller. Der Höhepunkt des Wettkampfs ist gerade in seiner entscheidenden Phase. Pakas, der Tiroler mit den gladiatorenhaften Pranken, er würde wohl nicht mal in Grafing eine Bierzeltschlägerei verlieren. Sein weißes Hemd und die feine samtartige Weste verleihen ihm aber auch einen Hauch buddhistischer Bedächtigkeit. Pakas Gesichtsrötung ist nun kaum mehr von der Westenfarbe unterscheidbar, "In zwei Wochen ist sein 60. Geburtstag", ruft sein früherer Steinheber-Kollege und Spezl Sebastian Huber ins Mikrofon. Huber moderiert die Veranstaltung zum siebten Mal, er hebt mit 62 nicht mehr, zumindest keine Steine.

Steinheben ist eine äußerst entspannende Sportart, aber nur wenn man im Publikum sitzt und nicht selbst mitmacht. Für die Männer auf der Bühne ist so ein Bierzelt-Tag relativ anstrengend, was man wiederum daran erkennt, dass sie selten Bier trinken und trotzdem eine rote Rübe aufhaben. In Grafing gilt: Je stärker die Farbveränderung im Gesicht, desto lauter brüllt das Publikum. Die ganz kleinen Buben und Mädchen stehen am Nachmittag in Dirndl und Lederhosen direkt vor der Bühne. Vor lauter Schauen übersieht ein kleiner Trachtler eine Bedienung. Ein Steinheber ist halt viel aufregender als ein Hendlplattenschlepper.

Ganz wichtig: Die richtige Grifftechnik.

(Foto: Photographie Peter Hinz-Rosin)

Die sind aber auch wichtig, denn Zuschauen macht hungrig und durstig, vor allem weil man sich so viele schöne Sachen ausmalen kann. Wer einen Umzug in den fünften Stock unternehmen will, braucht etwa unbedingt eine Armada an Andreas Altmanns. Dieser Kerl schnippt Wandschränke, Klaviere und Waschmaschinen bestimmt mit einer lässigen Jonglier-Einlage die Treppe hinauf. Altmann, Niederbayer und mehrfacher Weltrekordler, lupft im Grafinger Superschwergewichts-Wettkampf als einziger den 325-Kilo Stein in die Luft, und zwar 80 Zentimeter weit (wer den schwersten Stein am höchsten anhebt, gewinnt der Regel nach). Zweiter wird Michael Zitzelsberger aus dem Bayerwald vor Reinhard Maier und Julian Hackl. Bei allen dreien überkommt einen die Idee, jeden von ihnen umgehend ein ganzes Wildschwein zu servieren.

Höchstens ein halbes Hendl würde man hingegen einer Frau zutrauen, die in den vergangenen Jahren auch immer auf der Bühne stand und angefeuert wurde, jetzt aber an der Seite steht und zuschaut. "Es müssen sich wieder mehr Frauen trauen", sagt Caroline Garhammer, Liechtensteinerin, Steinheberin und mittlerweile Mama in Niederbayern. Anders als sonst ist dieses Jahr kein Frauen-Wettkampf zustande gekommen, Schwangerschaften und Altersgründe, Garhammer hätte wieder mitgemacht, doch ohne Konkurrenz ist das dann eher fad. Ihre Hand hält deshalb keinen Steingriff, sondern Tochter Sophie, wahrscheinlich die große Nachwuchs-Hoffnung der weiblichen Liechtensteinheber-Szene.

Und dann ist da dieser Moment mit Peter Pakas, dem Tiroler mit den treuen Augen, seit 40 Jahren Steinheber, der älteste Teilnehmer im Feld: Donnerndes Anfeuern aus dem Publikum, zwei Meter Muskelmann, 250 Kilo Stein, ein Meter ist die Maximalhöhe, er wäre der erste, der dies in so einem Alter schafft. Sein Hemd muss Qualitätsware sein, sonst würde es jetzt sicherlich zerplatzen, man kann jetzt jede Ader im Gesicht erkennen, wie ein Wrestler beim Bejubeln eines gelungenen Double-Handed Chokeslam.

Und dann beben die Bierbänke, der Steinheber ballt die Faust, Peter Pakas hat es gepackt, eine brutale Leistung, "ich hätte nicht gedacht, dass ich es nochmal schaffe", sagt Pakas danach, eine Umarmung von der Freundin, sie sitzt im Publikum. Am Ende wird der Tiroler Fünfter in der Königsdisziplin, und als der silberne Pokal an Altmann vergeben ist, heben sie an diesem Nachmittag in Grafing nur noch ihre Krüge.