Staunen in Moosach Kreative Meilensteine

Die Achtklässler der Montessori-Schule Niederseeon präsentieren am Samstag ihre großen Jahresprojekte, 21 Arbeiten zu verschiedensten Themen

Von Franziska Bohn

Tarik steht auf der Bühne und wirft seinen Kopf zurück. Seine braunen Locken fliegen ihm dabei ins Gesicht. Er grinst. Vor ihm sitzen einige seiner Mitschüler, alle rufen durcheinander: "Zeig uns deinen Trailer, zeig uns deinen Trailer!" Sie schauen Tarik erwartungsvoll an. Doch die Leinwand hinter ihm bleibt schwarz. Tarik lässt seinen Kopf hängen und klammert sich an seine Moderationskarten. Zum Glück ist das nur eine Probe für seine Präsentation.

Der 14-jährige Tarik geht in die achte Klasse der Montessori-Schule in Niederseeon. Jedes Jahr präsentieren die Achtklässler ihre großen Montessori-Arbeiten: ein Meilenstein ihrer Schullaufbahn, an dem die Schülerinnen und Schüler ein ganzes Jahr arbeiten. Das Thema dürfen sie frei wählen - mit tollen Ergebnissen. Schulleiterin Angelika Oedingen jedenfalls ist begeistert von den kreativen Themen ihrer Schützlinge: "Das zeigt, dass wir hier in Niederseeon nicht nur sitzen, Flöten schnitzen und Kuchen backen". Und tatsächlich, die Themen der Projekte sind sehr vielfältig, sie reichen von technischen über handwerkliche bis hin zu kreativen Herausforderungen. Die Praxisprojekte werden ergänzt um eine theoretische Abhandlung, in der die Schülerinnen und Schüler nicht nur ihre Arbeit von der Idee bis zur Fertigstellung vorstellen, sondern sich tiefergreifend mit ihrer Materie beschäftigen. Hilfe bekommen die Achtklässler dabei jeweils von einem externen Mentor, der ihnen mit Rat und Tat zur Seite steht. Die Präsentationen allerdings machen klar, dass die Arbeiten auch mit anstrengenden und teils frustrierenden Phasen verbunden sind.

Ein Science-Fiction-Film war das Jahresprojekt des 14-jährigen Tarik Uslu.

(Foto: Veranstalter)

Tarik zum Beispiel produzierte einen Film: Er schrieb das Drehbuch, filmte, führte Regie und hat das Material selbst geschnitten. "Ruhe am Set!", hat er sein Projekt genannt. In seinem Film macht sich ein "Mobile-Nator", der sciencefictionmäßig in einer Cloud voller geklauter Daten entstanden ist, selbständig. Stolz hält Tarik das Cover in den Händen, es zeigt seinen Techniklehrer, der mit Lederjacke, Sonnenbrille und Knarre ganz cool in die Kamera schaut. Die Idee zu dem Film kam Tarik nach einem Vortrag über Datensicherheit. Dann las er Bücher über Regie, Kameraeinstellungen und Schnitt, von seinem Lehrer bekam er das Equipment zur Verfügung gestellt.

Trotzdem eine aufreibende Zeit: An manchen Tagen saß Tarik bis 23 Uhr am Drehbuch, mit dem Schnitt wurde er erst kurz vor Abgabe fertig. Hier gab es Probleme, weil er nicht genügend unterschiedliche Einstellungen gefilmt hatte: "Dann kann man nämlich alles nicht so gut zusammenfügen", erklärt Tarik. Das nächste Mal möchte er außerdem ein besseres Mikrofon verwenden und nicht so oft mit Stativ filmen: "Das war schon sehr amateurmäßig", so seine Selbstkritik. Dennoch war der Schüler sehr stolz, als er seinen Film zum ersten Mal mit Ton sah: "Da habe ich eine Gänsehaut bekommen". Jetzt überlegt Tarik, "in die Regie- oder Schauspiel-Richtung zu gehen".

Mia (14) baute dieses Badewannen-Sofa. Die professionellen Umsetzungen der Schüler sind beeindruckend.

(Foto: Veranstalter)

Unbedingt "irgendwas mit Computern" wollte der 13-jährige Tyler machen. Als sein Onkel ihm ein 3D-Zeichenprogramm zeigte, war sein Projekt geboren: einen 3D-Drucker bauen. Also bekam Tyler zu Weihnachten ein entsprechendes Bau-Set geschenkt. "Das war ein Riesenpaket mit 2 500 Teilen", erinnert er sich. Mit einer Bauanleitung von 108 Seiten. "Da war ich froh, dass mein Mentor sich damit auskennt". Zusammen mit seinem Vater und einem Bekannten baute Tyler den 3D-Drucker im Keller auf. "Wir waren oft am Fluchen", sagt er und lacht. An manchen Tagen wollte der Schüler schon fast aufgeben, aber seine Mentoren konnten ihm immer weiterhelfen. Mehr als 50 Mal mussten sie den Drucker testen und korrigieren, bis er auf den Millimeter genau druckte. Anfangs habe er "nur Mist" hergestellt, dann endlich ein Rechteck, das oben offen ist, "damit man das coole Gewebe innen sehen kann". Eine Stunde und 20 Minuten dauerte der Druck. Bei seiner Präsentation auf der Bühne ist der Schüler recht nervös, denn der Drucker ist schon in Betrieb: "Die Konfiguration dafür dauert eine Stunde." In ein Paar Jahren will Tyler vielleicht sogar einen noch größeren Drucker bauen, um auch ein Modellboot, Tassen oder Handyhüllen herstellen zu können.

Die 14-jährige Mia war genervt von der alten Badewanne im Garten ihrer Eltern, vis sie im Internet eine ähnliche Wanne entdeckte, die zur Couch umfunktioniert worden war. Also befreite sie die Wanne von Erde und allen Pflanzen und schrubbte sie ordentlich. "Im Sommer haben wir sogar mal darin gebadet", erzählt sie. Dann flexte ihr Mentor ein großes Stück aus der Wannenwand heraus. "Das war sehr schwer, er musste eine Schutzbrille tragen, weil viele Funken geflogen sind", erinnert sich Mia. Die spitzen Kanten rundete sie mit einem Schleifpapier ab, dann malte sie das neue Möbel mehrmals an: "Die Farbe sollte ohne Lösungsmittel sein, weil die Bank jetzt in unserem Wohnzimmer steht". Auch die Polster fertigte Mia selbst an, für das große Sitzteil erstellte sie extra eine Schablone. "Wie man das macht, habe ich schon in meinem Praktikum bei einem Polsterer gelernt". Im Juni saß Mia zum ersten Mal auf der fertigen Bank, die dann sogar auf einer Messe in Grafing ausgestellt wurde. Jetzt stehe sie im heimischen Wohnzimmer - und ihre Eltern fänden sie "sehr cool", sagt Mia und lächelt.

Auch dieses Wiesndirndl war eines der insgesamt 21 Jahresprojekte.

(Foto: Veranstalter)

Mit ihrer Oma zusammen hat Valerie selbst ein Dirndl genäht - ganz ohne Skizze. Die Vierzehnjährige kaufte einfach mit ihrer Großmutter, die früher selbst Trachten nähte, schöne Stoffe, Bänder und Häkchen. Valerie hat auch eine eigene Nähmaschine. "Davor hatte ich aber nur einfache Sachen genäht wie Kissen", erzählt sie. Mithilfe einer Schneiderpuppe arbeitete sie dann monatelang an ihrem Dirndl: "Das war schon kompliziert, ich musst oft frustriert meine Oma anrufen". Jetzt passt es wie angegossen - und Valerie will es auf der Wiesn tragen.

Einen Tisch mit Unendlichkeitseffekt bauen: Auf diese Idee kam Anna, weil ihre Tante für den Bühnenbau Folien herstellt, unter anderem transparente Spiegelfolie. Mit dieser und LED-Lampen kann ein solcher Effekt kreiert werden: "Es ist, als würde man in einen Tunnel schauen, der ins Unendliche geht", beschreibt Anna ihre Arbeit. Zum Glück wusste die Tante, wie das funktioniert. Mit dem Freund ihrer Mutter, der Schreiner ist, hat Valerie einen Tisch aus Massivholz gebaut. Den Effekt kann man an- und ausschalten. Das kommt offenbar an: Valerie soll nun für Freunde weitere solcher Tische bauen.

Ein Tisch mit Unendlichkeitseffekt: Die Achtklässler der Montessori-Schule in Niederseeon beeindrucken mit tollen Ideen.

(Foto: Veranstalter)

Lauter spannende Projekte, die aber nur einen beispielhaften Einblick geben können in die Kreativität der Schüler. Außerdem in ihrem Portfolio: eine Fotomosaiksammlung, eine restaurierte Vespa, ein Skateboard mit Motorsteuerung, ein Gartenhäuschen, ein Fußballtor, eine Modekollektion aus nachhaltigen Stoffen, digitale Collagen aus Fotos und Zeichnungen, ein Fotobuch über Showpferde, ein Hundeschlitten, ein Blechtonnen-Grill, ein Basketballkorb, ein Maskottchen, ein Rucksack aus LKW-Planen, ein Gokart, ein Klettergerüst und ein Arbeitsplatz. Die Achtklässler sind sich einig: Die Projekte haben Spaß gemacht, aber sie sind auch froh, dass es jetzt vorbei ist. "Wie ein gutes Buch, das man zu Ende gelesen hat", sagt Tarik. Jetzt wird er sich ein neues Projekt suchen, vielleicht ja ein Imagefilm für die Schule?

Die Achtklässler der Montessori-Schule Niederseeon präsentieren am Samstag, 13. Juli, 10 bis 15.30 Uhr ihre Arbeiten.