Kirchseeon:Wie eine autismusgerechte Schule funktioniert

Lesezeit: 4 min

Kirchseeon: Achim Schellhaus (Raumausstattermeister), Anabell Kreuz (BVB, Berufsvorbereitende Bildungsmaßname) beim knoten eines Stuhlunterbaus.

Achim Schellhaus (Raumausstattermeister), Anabell Kreuz (BVB, Berufsvorbereitende Bildungsmaßname) beim knoten eines Stuhlunterbaus.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Seit 2021 ist das Berufsbildungswerk St. Zeno in Kirchseeon eine von bundesweit 15 speziell für Menschen aus dem Autismus-Spektrum ausgestatteten Einrichtungen. Was macht sie so besonders? Ein Besuch.

Von Mohamad Alkhalaf

Anabell Kreuz hat hier die Ruhe, um sich voll zu konzentrieren. In St. Zeno wird sie auf den Berufseinstieg vorbereitet. Sie ist Autistin, und bisweilen hat sie damit zu kämpfen. Nun aber läuft es, wenn man so will, wie am Schnürchen. Gerade übt sie das Knoten eines Stuhlunterbaus, was nicht gerade wenig Fingerfertigkeit verlangt. Der Profi, Raumausstattermeister Achim Schellhaus macht es vor. Anabell Kreuz, vielleicht demnächst ebenfalls Profi, macht es nach.

Die Bundesstraße 304, wer kennt sie als Ortansässiger nicht?! Sie ist die Verbindung von Ebersberg nach München. Autos, Busse, Lastwagen und Motorräder brausen hier über die Asphaltpiste. "Es herrscht dort viel Verkehr", sagt Achim Schellhaas, Ausbilder in der Raumausstatter-Werkstatt. Doch es wird schnell ruhiger, sobald man die B304 verlässt und in die Straße zum Berufsbildungswerk in Kirchseeon abbiegt. Die motorisierte Hektik verschwindet hinter Häusern und Bäumen.

Lärm und Trubel können Autisten stark belasten

Felder und Wiesen breiten sich hier aus. Statt brummender Autos erklingt Vogelgezwitscher, die Straßen werden schmaler, und eine davon mündet in ein freundlich gestaltetes Gelände; dort verbindet sie verschiedene Gebäude miteinander: Bäckerei, Mensa, Berufsschule und ein Café. Weiter oben befinden sich ein Internat und Werkhallen. Das alles gehört zum Berufsbildungswerk der Stiftung St. Zeno in Kirchseeon, im Süden des Ebersberger Forstes gelegen und mit Blick auf den gesamten oberbayrischen Alpenkamm. Genau hier sind besondere Werkstätten entstanden, in denen junge Menschen im Autismus-Spektrum in handwerklichen Berufen und im Verkauf ausgebildet werden.

Weil Autistinnen und Autisten die Welt in einer sehr spezifischen Art und Weise wahrnehmen und sie Lärm und Trubel stark belasten können, bietet die ländliche und gut überschaubare Atmosphäre ihnen gute Voraussetzungen, sich wohlzufühlen. Ursula Spichtinger, Fachreferentin für Autismus, betont: "Ruhe und klare Strukturen sind für autistische Teilnehmer von großer Wichtigkeit." Damit sich Autisten auf ihre berufliche Maßnahme ungestört konzentrieren können, wurde in den Werkstätten, der Berufsschule und im Internat auf eine passende Umgebung geachtet.

Von den bundesweit gut 50 Berufsbildungswerken haben lediglich 15 das Gütesiegel "autismusgerecht" verliehen bekommen. Eine dieser Einrichtungen ist seit 2021 nun auch das Berufsbildungswerk der Stiftung St. Zeno in Kirchseeon. Von den 120 Teilnehmern in den Berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahmen und gut 20 Ausbildungsberufen dort sind zehn junge Menschen dem Autismus-Spektrum zuzurechnen.

Kirchseeon: Im April 2021 bekam St. Zeno ein Zertifikat als "Autismusgerechte Ausbildungsstätte" verliehen.

Im April 2021 bekam St. Zeno ein Zertifikat als "Autismusgerechte Ausbildungsstätte" verliehen.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Mario Beke ist 23 Jahre alt und macht eine Ausbildung zum Raumausstatter im zweiten Lehrjahr. Ihm gefalle es beim BBW Kirchseeon, erklärt er, besonders die Werkstatt. Vor allem die dortigen Chill-out-Areas und die Möglichkeit, Einzelgespräche zu führen seien hilfreich. Beke wirkt zufrieden mit seiner Ausbildung. "Ich brauche Struktur und Anweisungen, weil ich oft, bedingt durch meinen Autismus, abwesend bin in meiner eignen Welt."

Raumausstatter und Meister Achim Schellhaas berichtet aus der Werkstatt. "Wir sind gerade dabei, selbst gestaltete Sitzmöbel zu polstern." Dabei ist ihm wichtig: "Bei uns geht es nicht nur darum, dass die Auszubildenden ihre Prüfungen bestehen", sagt er. Der Mensch, seine Förderung und Persönlichkeitsentwicklung stünden im Mittelpunkt. "Und die Zeit, die dafür notwendig ist." Es geht darum, sich kennenzulernen, sich aufeinander einzulassen und gemeinsam einen Weg zu gehen.

Große Fenster, klare Beschriftungen, deutliche Farben

Große Fenster erhellen die Werkhalle der Raumausstatter, die in zwei Bereiche unterteilt ist. Eine Wand mit Fenstern und einer großen Tür trennen sie voneinander. Im hinteren Teil der Werkhalle stehen Materialschränke mit Beschriftungen wie "Schweißschnüre", "Borten", "Besätze" oder "Lacke". Daneben bietet eine Sofaecke bei Bedarf die Möglichkeit, sich zurückzuziehen und zur Ruhe zu kommen. Sollte der Wunsch bestehen, kann auch an kleinen Werktischen alleine gearbeitet werden.

Kirchseeon: Farbige Arbeits- und Auftragspläne erleichtern die Orientierung in den Werkstätten von St. Zeno.

Farbige Arbeits- und Auftragspläne erleichtern die Orientierung in den Werkstätten von St. Zeno.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Farbstrukturen, Beschriftungen, fotographischen Abbildungen und übersichtliche Organigramme schaffen eine möglichst klare Umgebung, erklärt der Schreinermeister Bernd Hackel-Berthel. Der Ausbilder schildert weiter: "Räumliche Rückzugsmöglichkeiten helfen bei der Reizminimierung."

Von Beginn an wird den Teilnehmern eine feste, in Autismus geschulte Bezugsperson zur Seite gestellt. Diese Personen sind bei den berufsvorbereitenden Maßnahmen die Bildungsbegleiter sowie der Schulsozialarbeiter und in der Ausbildung die Maßnahme-Koordinatoren. Sie sind für die jungen Menschen Ansprechpartner in allen Belangen.

Kirchseeon: Das Gelände im Freien ist mit farbigen Wegweisern ausgestattet.

Das Gelände im Freien ist mit farbigen Wegweisern ausgestattet.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Speziell auch für Autisten aufgerüstet wurde St. Zeno im Frühjahr 2021. "Zuerst waren viele hier skeptisch, es kamen etliche Fragen auf", sagt Melanie Dietrich, sie ist Sozialpädagogin im Internat. Kriegen die Neuen etwa eine Extrawurst? Doch solche Bedenken konnten schnell ausgeräumt werden: Die Mitarbeiter zeigten den anderen Jugendlichen, dass "die Autisten" schon lange Mitbewohner und Freunde unter ihnen sind. Und erklärten, dass kein extra "Bus voller Autisten" anreisen werde.

Zeit ist ein zentraler Faktor

Von den folgenden Umbaumaßnahmen waren die Bewohner schnell überzeugt, schließlich profitierten alle. Alles wurde übersichtlicher, transparenter und klarer. Nicht zu unterschätzen: die neuen Beschilderungen. Gerade Neuankömmlinge können sich auf dem großen Gelände schnell verlaufen. Ohne Hilfe die eigene Wohngruppe wiederzufinden, war zuvor für nicht wenige eine Herausforderung. Nun sind diese, neben der neuen Beschilderung, auch mit den Gruppen farblich zugeordneten Türrahmen markiert.

Kirchseeon: Von links: Bernd Zimmer von der Stiftung St. Zeno, Ursula Spichtinger, Leiterin der Berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahmen, Anabell Kreuz, Teilnehmerin mit Autismus, und Achim Schellhaus, Raumausstattermeister.

Von links: Bernd Zimmer von der Stiftung St. Zeno, Ursula Spichtinger, Leiterin der Berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahmen, Anabell Kreuz, Teilnehmerin mit Autismus, und Achim Schellhaus, Raumausstattermeister.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

"Wir sind keine Regelschule mit 2500 Schülern", sagt Thomas Oliv, der Leiter der sonderpädagogischen Berufsschule. "In Regelberufsschulen ist es sicher schwerer, auf jede einzelne Schülerin und jeden einzelnen Schüler individuell einzugehen", sagt er. "Wir hingegen nehmen uns Zeit." Zeit sei ein zentraler Faktor in St. Zeno, damit die Schülerinnen und Schüler dazulernen und sich entwickeln können.

Das Berufsbildungswerk richtet sich generell an junge Menschen, die auf dem regulären Arbeitsmarkt Schwierigkeiten haben, eine Ausbildung oder Anschluss zu finden. Finanziert werden die beruflichen Maßnahmen von der Agentur für Arbeit. Schulleiter Oliv zufolge gelingt es 60 bis 70 Prozent der Teilnehmenden nach erfolgreich abgeschlossener Ausbildung in St. Zeno, auf dem regulären Arbeitsmarkt einen Job zu bekommen. Diese Vermittlungsquote trifft auch auf die Teilnehmer im Autismus-Spektrum zu - offenbar läuft es also nicht nur bei Anabell Kreuz wie am Schnürchen. Kein Wunder also, dass die Nachfrage von Betroffenen seit der Autismus-Zertifizierung des Kirchseeoner Berufsbildungswerks nochmal gestiegen ist.

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