Viktoria tanzt. Noch sind die Bewegungen der schlanken Ukrainerin ein wenig verhalten, doch ihr schwingender Rock lässt erahnen, dass sie kurz davor steht, die Arme auszubreiten und einfach loszulassen. Das Triptychon mit der Nummer 11 aus der "Spielräume 2022" der Fotofreunde Glonn könnte aktueller nicht sein. Meint man. Und doch ist das Ausgangsmaterial knapp 30 Jahre alt. So lange ist es her, dass die Kiewerin mit ihrem zehnjährigen Sohn drei Sommer in Folge jeweils mindestens sechs Wochen zu Gast bei Sebastian Kugler und seiner Familie war. Zur Erholung und Kontrolle der Schilddrüsenwerte, kamen die beiden doch ursprünglich aus Tschernobyl.
Der 67-Jährige erinnert sich lebhaft an die nächtelangen Gespräche, die sie nach einem Russisch-Schnellkurs mit Wörterbuch, Händen und Füßen führten. Und an ihre Fotosession in der Klosterschule. Damals hatte die Ingenieurin Glück gehabt - als sich die Explosion im Atomkraftwerk ereignete, war sie nicht an ihrem Arbeitsplatz gewesen. Wie es den Menschen, mit denen sich eine Freundschaft entwickelte, heute geht? "Wir haben versucht, anzurufen. Es klingelt, aber niemand geht dran," sagt der letzte Vertreter der ursprünglichen Gründungsmannschaft und langjähriger erster Vorsitzender der Fotofreunde Glonn.

Mit seinem Nachfolger Gilbert Pinggera war er sich sofort einig, dass bei der aktuellen Fotoausstellung des Clubs nicht nur das Schöne gezeigt werden solle, sondern auch "das, was einen bewegt". Pinggera findet dafür den Ausdruck "laute Bilder". Keine Provokation aber ein Gesprächsanlass. Deswegen hat er das eindringliche Szenario "Filmpatronen" geschaffen, das die Besucherinnen und Besucher gleich nach dem Betreten der Galerie linkerhand empfängt. Neben ausgiebig gewässerten Filmstreifen mit Stacheldraht und Raben vor einem Hintergrund in Lilatönen, stehen die Namen von Menschen aus der Ukraine, mit "gleichen Hobby oder Beruf", deren ausdrucksstarke Bildsprache man von Einreichungen auf internationalen Wettbewerben kenne.
Im selben Raum läuft in Dauerschleife die rund dreiminütige Diashow "Neues Leben geben" von Volker Jäger. Ein alter Diakasten plus Passepartout bilden den Rahmen, eingespielt werden die Aufnahmen des Recyclinghofs Wurzer beim Münchner Flughafen von einem iPad. Nach einem ersten unspektakulären Blick auf höchst Gegenständliches wie Ambiente und Abläufe entsteht plötzlich auf den Sortieranlagen eine ganz eigene Dynamik, die bunte Vielfalt der Ballen erinnert an ein Mosaik.

Sechs Künstler, 24 Exponate mit rund 150 Einzelbildern, eingebettet unter anderem in Installationen und eine Diashow, heißt auch ebenso viele Gelegenheiten, tief berührt, erheitert, beeindruckt oder einfach nur geflasht zu sein. Wie durch die Serie "Mixed up" von Alexander Gohlke. Grundlage der Endprodukte mit dreidimensionaler Anmutung sind Porträtbilder aus seinem Fundus, die der Künstler erst ausgedruckt, dann per Nudelmaschine in Streifen geschnitten und "verkehrt herum" wieder zusammengesetzt hat, bevor der Prozess wiederholt wurde.
Wie unterschiedlich dasselbe Motiv auf verschiedenen Trägern wirkt, zeigt Norbert Alexy mit "Sylter Strand bei Windstärke 8". Den Regenbogen hinter tosenden Wellen hat er auf Fotopapier, Leinwand, Acryl und Alu Dibond aufgebracht.
Auch Bernhard Jungwirth hat das Stillleben, das er als kaputtes Bild an einer Hausmauer fand, mehrfach verwandelt - mit Hilfe von unterschiedlichen Techniken, so dass die Rose mal in Schwarz-Weiß, mal höchst farbenfroh oder als Puzzle daherkommt. Ein ganzer Raum ist diesen Arbeiten mit dem Titel "Wie gemalt" gewidmet, zu denen auch eine Installation gehört.

Um eine solche handelt es sich ebenfalls bei "Überlebenskünstler" von Johannes Schmidt, der eindrucksvoll demonstriert, wie sich der Löwenzahn zwischen dem Splitt Bahn bricht.
Auch die Bäume aus Gilbert Pinggeras "Arboretum", fast alle abgelichtet beim Hundespaziergang in Amerang, recken ihre Äste stolz gen Himmel. Dreht man die zwanzig Tafeln um - Anfassen ist ausdrücklich erlaubt - finden sich genügend Infos, um bei jeder Quizshow mit Fachwissen glänzen zu können.
Intime Einblicke, Garagentore und die Realität
Ablenkung vom Alltag, ist sie erlaubt in diesen Zeiten? Ja, denn es braucht auch Pausen von Pandemie und Krieg. Genau deswegen darf und soll man sich über die nackten Tatsachen in Sebastian Kuglers Triptychon "Geheimer Blick" amüsieren, für das er sich selbst Modell stand. "Nur die Beine im letzten Bild sind nicht meine. Das gilt auch für den BH", sagt der Pullenhofener mit einem Lächeln. Wohnt man im Zornedinger Ortsteil Daxenberg, könnte man sogar nachprüfen, ob Volker Jäger bei den 36 farbenfrohen Ansichten seiner "Garagen Kollagen" den Zugang zum eigenen Autohäusl verewigt hat.
Und nein, man kann, soll und darf sie nicht vergessen, die Menschen in der Ukraine oder die anderen "unbequemen" Themen, die von den sechs Fotokünstlern ins Zentrum ihrer Arbeit gestellt wurden und über die sie sich sehr gerne mit den Betrachtern austauschen.

Es sind diese Begegnungen am Rande der Werkschau, die den persönlichen Besuch so wertvoll machen. Den Enthusiasmus der Macher zu spüren, ihre Begeisterung, wenn sie, wie Kugler, von ihren rund 80.000 Bildern auf dem Rechner sprechen, alle akribisch verschlagwortet. Oder den Geschichten hinter den Bildern zu lauschen. So etwas lässt sich nicht ins Digitale verlegen, da mögen die Reproduktionen künstlerisch noch so perfekt sein. Denn was wirklich zählt, ist vor allem das Gespräch, das echte Erleben.
Galerie Klosterschule, Klosterweg 7, Glonn: Samstag, 23. und 30. April, jeweils 14 bis 18 Uhr, Sonntag, 24. April und 1. Mai, jeweils 14 bis 18 Uhr . Das Tragen einer (medizinischen) Maske ist erforderlich. Eröffnet wird die Ausstellung mit einer Vernissage am Freitag, 22. April um 19.30 Uhr.
