Süddeutsche Zeitung

Neue Leitung der Spdi Ebersberg:Strukturen schaffen, die den Menschen dienen

Lesezeit: 3 min

Claudia Kronseder hat die Arbeit der Sozialpsychiatrischen Dienste in Ebersberg von der Pike auf gelernt. Jetzt ist die 44-Jährige die neue Chefin.

Von Alexandra Leuthner, Ebersberg

Als Claudia Kronseders Vorgänger Georg Knufmann im Auftrag der Diakonie nach Ebersberg kam, 1988 war das, fand er eigentlich nichts vor, nichts jedenfalls, das dem umfangreichen Beratungsnetz geähnelt hätte, das heute mit den Sozialpsychiatrischen Diensten (Spdi) in der Kreisstadt verknüpft ist. Er hatte sich eine kleine Wohnung gemietet, von der aus er begann, Besuchsdienste zu absolvieren, Mitarbeiter zu akquirieren, ein Betreuungs- und Beratungsnetz aufzubauen.

Claudia Kronseder hingegen, die nun die Leitung der Spdi übernommen hat, kann auf gewachsene und funktionierende Strukturen zurückgreifen, die sie selbst in langen Jahren bereits aus unterschiedlichsten Perspektiven kennengelernt hat. 2005 war sie Praktikantin in der psychiatrischen Tagesstätte Gartenhof, dann studentische Hilfskraft, später wurde sie Teamleiterin der Tagesstätte. Im Beratungsdienst der Spdi hat sie ebenso gearbeitet wie im Betreuten Wohnen, "sodass ich alle Bereiche kennenlernen konnte", erzählt sie an einem regnerischen Vormittag kurz vor Weihnachten.

Nun sitzt sie im Chefbüro - ein schlicht, aber funktional eingerichteter Raum in der Zentrale der Sozialpsychiatrischen Dienste in der Sieghartstraße 21. Die Generalverantwortung für sämtliche Betreuungs- und Hilfsangebote, die unter dem Dach der Diakonie ein Netzwerk für den Landkreis Ebersberg spannen, liegt jetzt bei ihr.

"Vor allem sind es immer mehr junge Leute, die unsere Hilfe brauchen."

Doch dass die Diplom-Sozialpädagogin in Ebersberg nicht bei Null anfangen muss wie ihr Vorgänger, heißt nicht, dass sie nicht mit neuen Herausforderungen konfrontiert ist. "Vor allem sind es immer mehr junge Leute, die unsere Hilfe brauchen", sagt die 44-Jährige, die mit ihrem locker gebundenen Zopf und ihrem einladenden Lächeln selbst noch einem Mädchen gleicht. Die Corona-Pandemie, führt sie aus, habe viele Probleme bei jungen Leuten zutage gefördert und zugleich verstärkt. Auch immer mehr Eltern wendeten sich mit ihren Hilfsanfragen an Erziehungsberatungsstellen, aber auch an die Spdi - die sich mit ihren Angeboten erst einmal auf die damit verbundenen völlig anderen Anforderungen einstellen mussten.

"Die jungen Erwachsenen leben in einer digitalen Welt, dort muss man sie finden", sagt Kronseder. Vor allem junge Mitarbeiterinnen aus ihrem Team böten daher nun auch digitale Beratung, die sich allerdings nicht auf die virtuelle Welt beschränken dürfe. "Während der Coronazeit wurde sehr deutlich, wie wichtig der persönliche Kontakt ist." Das gelte für junge Menschen genau wie für all die anderen Betreuten. Ehrenamtliche Genesungsbegleiter mit eigener Erfahrung als Patienten in der Psychiatrie und Helferinnen sind im Auftrag der Spdi im gesamten Landkreis unterwegs, sie besuchen Menschen, die noch in ihren eigenen vier Wänden, aber auch in Wohnungen leben, die ihnen von den Spdi gestellt werden. "Manchmal sind die Berater der einzige soziale Kontakt, den diese Menschen haben, auch deswegen ist der so wertvoll", sagt Kronseder.

43 Festangestellte, teils in Teilzeit, Honorarkräfte wie Ex-In-Genesungsbegleiter, Ergotherapeuten, Psychologen und Heilerziehungsberater gehören zum Team. Psychologische und gerontopsychiatrische Beratung, betreute Wohnformen, Fördergruppen sowie die psychiatrische Tagesstätte Gartenhof mit Kultur-, Bildungs- und Therapieangeboten gehören zum Portfolio. Die Spdi sind zudem eingebunden in den psychiatrischen Krisendienst, der Ansprechpartner in psychischen Notlagen ist, sowohl telefonisch als auch mit mobilen Teams.

Und diese Hilfsangebote werden offenbar immer wichtiger, der Bedarf nimmt zu. Von über 1000 Klienten im Jahr, die der SPDI im Beratungsdienst, betreuten Wohnen und in der Tagesstätte begleitet, hatte Kronseder im Rahmen einer Ausstellungseröffnung im Herbst berichtet. "Bis Oktober hatten wir schon mehr Beratungen als im gesamten Jahr davor."

Ihre Arbeit in einer Bank hat Kronseder schnell wieder beendet

Für Claudia Kronseder, die aus dem Nachbarlandkreis Erding stammt und dort auch lebt, ist die Stelle in Ebersberg offenbar wie geschaffen. Die soziale Arbeit, der Dienst am Menschen: "Für mich war es immer klar, dass es sowas ist, was ich machen will." Die Banklaufbahn, die sie nach ihrem Realschulabschluss zunächst eingeschlagen hatte, habe sie deswegen auch ziemlich schnell wieder beendet, erzählt sie. Stattdessen holte sie das Fachabitur nach, machte eine Ausbildung zur Heilerziehungspflegerin und studierte in München Diplom-Sozialpädagogik.

Mehrere Praktika und "unzählige Fortbildungen" hätten sie dann nach Ebersberg gebracht, wo sie unter anderem der "wertschätzende Umgang mit den Klienten", die Tatsache, dass nie "die Diagnose im Vordergrund stehe", überzeugt habe, an der richtigen Stelle zu sein. "Wir sind hier der Überzeugung, dass die Strukturen für die Menschen geschaffen und erhalten werden, nicht umgekehrt, das ist das Wichtigste für unsere Arbeit hier." Was im Übrigen auch für die Mitarbeiter gelte, die mit regelmäßigen Supervisionen und Fortbildungen unterstützt würden. Sie "sollen ihre Fachlichkeit und ihre Fähigkeiten einbringen können."

"Ich weiß, wie es ist, wenn die nächste Bushaltestelle weit weg ist."

Dass sie nun als Chefin in Ebersberg bleiben und nicht irgendwo in der Stadt arbeiten müsse, sei für sie ein zusätzliches Argument gewesen, erzählt Kronseder. "Ich mag das total gern, auf dem Land zu sein." Schließlich lasse sie ihre eigene Herkunft viel Verständnis für die Bedürfnisse von Menschen in ländlichen Strukturen haben. "Ich weiß, wie es ist, wenn die nächste Bushaltestelle weit weg ist, wenn ich von zu Hause nicht weg- oder am Abend nicht wieder nach Hause komme."

Künftig wird sich Kronseder vornehmlich um Organisation, Finanzen und die Akquise von Mitarbeitern kümmern - "die Suche nach Personal bleibt wohl auch weiterhin ein Dauerbrenner". Trotzdem will sich die neue Chefin nicht ganz aus dem Beratungsdienst zurückziehen. "Es ist mir wichtig, den Bezug zu den Menschen zu behalten. Die Sozialpädagogin in mir braucht das."

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