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Spaziergang mit Geschichte:Blondes Blut

Die Ebersberger Historikerin Anna Bräsel führt durchs ehemalige Heim Hochland. Dort vermittelte während der Nazizeit der Verein Lebensborn uneheliche geborene aber "arische" Kinder an Pflegeeltern

Von Thorsten Rienth, Steinhöring

Die Grundlage der Mär legten ausgerechnet diejenigen, die nach dem Zweiten Weltkrieg den deutschen Nationalsozialismus juristisch aufarbeiten wollten. Ausgerechnet ein US-Militärgericht ordnete den Verein Lebensborn als karitative Einrichtung ein. "Ein krasses Fehlurteil", kommentiert das die Ebersberger Historikerin Anna Bräsel. Das besiegte Deutschland nahm die Legende freilich gerne an, strickte sie über die Nachkriegsjahre dankbar weiter.

Die sozialkaritative Fürsorge ist das eine Vorurteil, mit dem die Historikerin am Samstagvormittag aufgeräumt hat. Das zweite ist die Geschichte von der Zuchtanstalt, in der ausgewählte Frauen und Männer Kinder für den "Führer" zeugten, quasi als "SS-Bordell" zur Zeugung arischer Kinder. Das machte die Ebersbergerin bei den "Wochen der Toleranz" nicht in einem Vorlesungssaal, sondern quasi am Objekt: bei einem Spaziergang über das Gelände des Steinhöringer Einrichtungsverbunds. Dort, wo die SS in den Jahren von 1936 bis 1945 das Heim Hochland betrieb, eine Art Vorzeige-Lebensbornheim des "Dritten Reichs".

Auf den ersten Blick könnte man die Mutter mit Kind für eine Madonna halten, was die Teilnehmer der Führung über das ehemalige "Lebensborn-Heim" in Steinhöring hier aber betrachten, ist eine Skulptur aus der Zeit des Nationalsozialismus.

(Foto: Christian Endt)

Also weder Zuchtanstalt aber auch keine Sozialfürsorge - "der Lebensborn e.V. war vielmehr ein perfides Instrument der NS-Rassenpolitik", erklärt Bräsel. "Dahinter steckte eine positive wie negative Auslese, die verhindern sollte, dass ledig schwangere Mütter 'rassisch wertvolle' Kinder abtreiben." Blut, das die Nazis für wertvoll erachteten, sollte der sogenannten "Volksgemeinschaft" durch ein Angebot der verschwiegenen Geburt erhalten bleiben. Die anderen Föten durften gerne abgetrieben werden. "Heilig soll uns sein jede Mutter guten Blutes", hieß die Losung des Lebensborn-Vereins.

Für Frauen, die sich um eine Heimaufnahme bewarben, hatte deshalb ein rassischer Vorbehalt gegolten. "Die werdenden Mütter mussten mit einem Zeugnis ihre Erbgesundheit nachweisen, eine Ahnentafel bis ins Jahr 1800 vorlegen und eine eidesstattliche Versicherung, dass auch der Vater 'arisch' war." Waren sie dazu in der Lage, standen die Lebensborn-Türen offen. Die Vormundschaft der unehelichen Kinder übernahm der Verein, verweist die Historikerin auf die Quellenlage. Die Kinder, die von ihren Müttern zurückgelassen wurden, hätte der Verein zunächst für eine befristete Zeit in seinen eigenen Kinderheime aufgenommen oder sie in Pflegefamilien weitervermittelt.

Das Lebensborn-Heim "Hochland" mit Festbeflaggung kurz nach der Gründung im Jahr 1936 auf einer zeitgenössischen Postkarte.

(Foto: Historischer Verein für den Landkreis)

Neun dieser Entbindungsstationen hatte es alleine im Gebiet des Deutschen Reich während der Zeit des Nationalsozialismus gegeben. Um im Krieg die unehelichen Kinder deutscher Besatzungstruppen oder verschleppte Kinder unter deutschen Einfluss zu bringen, eröffnete der Verein in Belgien, Frankreich, Luxemburg und Norwegen weitere zwölf Entbindungs- und Kinderheime. Dreiviertel davon lagen in Norwegen, was natürlich kein Zufall ist. "Bei allem, was die SS im Lebensborn machte, hatte sie klares Bild des nordisch-germanischen Deutschen vor den Augen", erklärte Bräsel. In vielen Fällen seien daraus lebenslange Traumata entstanden. "Es leben noch Menschen, die sind heute in ihren Achtzigern, die sind in Heimen und Pflegefamilien in deutscher Sprache zu deutscher Lebensweise erzogen worden - und die haben keine Ahnung von, wo ihre Wurzeln liegen."

Fast 1500 Kinder seien in den Steinhöringer Räumlichkeiten geboren. Erst die Einnahme des Dorfs durch amerikanische Truppen Anfang Mai 1945 besiegelte das Ende des Vereins. Warum ausgerechnet in Steinhöring alles begann? Die NS-Führung habe das wohl ganz pragmatisch gesehen, glaubt Bräsel. "Das Gelände befand sich damals am Dorfrand - das schaffte Anonymität. Mit der heutigen B 304 führte damals eine Reichsstraße direkt vorbei. Auch der Steinhöringer Bahnhof, den es damals schon gab, ist nur ein paar hundert Meter weg."

Heute jedenfalls steht das Gelände des ehemaligen Heim Hochland für das diametrale Gegenteil des NS-Rassedenkens. Für Menschen mit körperlichen oder geistigen Einschränkungen ist es Heimat, Betreuungs- und Arbeitsplatz. Und die Resonanz der Führung steht für ein gewaltiges Interesse des Umfelds: Mit 20 Teilnehmern hatte Bräsel und der Einrichtungsverbund gerechnet. Fast 100 kamen.

© SZ vom 26.11.2018

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