bedeckt München 12°
vgwortpixel

Spannender Abend in Moosach:Mitwelt statt Umwelt

die bekannte Ethnologin Dr. Amelie Schenk führt in die Welt der Tuwa ein, zeigt zeigt ihren Film und stellt ihr neues Buch vor. Das Thema des Abends: Geschichten aus der Mongolei, von Wildnissen, Lebenwasser, Nomaden und Schamanen.

Von Wildnissen, Lebenwasser, Nomaden und Schamanen: die Ethnologin und Autorin Amelie Schenk in der Mongolei.

(Foto: Veranstalter)

Autorin Amélie Schenk führt ein in die Welt der mongolischen Nomaden

Das Eindrucksvollste, was man an dem Abend in Moosach lernen konnte, ist, dass die Tuwiner, Nomaden in der nordwestlichen Mongolei nahe des Hohen Altai, das Wort "Umwelt" nicht kennen. Für sie heißt es "Mitwelt". Bedeutet: Sie begreifen sich als Teil der Natur und sehen den Menschen keineswegs in exponierter Stellung. Für die Tuwiner sei alles miteinander verwandt, berichtete die Ethnologin und Schriftstellerin Amélie Schenk im Meta Theater bei ihrer Einführung in die Welt der Mongolei. Damit, so schilderte sie weiter, "gelten dort die Naturgesetze": Die Kraft des Stärkeren sei gesetzgebend. Ein Raunen ging da durchs zahlreich erschienene Publikum, durchaus wohlwollend gemeint. "Ein Teil unserer Krise ist, dass wir uns als gottgleich verstehen und meinen, alles lösen zu können." Auch dieser Verweis auf unsere westliche Welt fand bei den Zuhörern in Moosach Zustimmung. Gegen die Natur angehen - das ginge in der Mongolei nicht, setzte Schenk nach.

Seit Jahrzehnten ist die Wissenschaftlerin in der Mongolei unterwegs, sucht nach Menschen und deren Geschichten. Inzwischen, so erzählt sie, habe sich das Land sehr verändert. "Als ich vor 30 Jahren das erste Mal dort war, war vieles noch wesentlich ursprünglicher." Ein kurzer Film, von ihr jüngst gedreht, erzählt, warum. Ein alter Jäger der Taiga, ein Rentiernomade aus der nordwestlichen Mongolei, berichtet darin von seiner Kultur und wie sich das Land seit den 90er Jahren verändert hat: Mit Einzug der Markwirtschaft jagten nicht mehr nur die Nomaden aus Überlebensgründen, sondern alle möglichen Menschen, die ebenso auf Rohstoffe und Bodenschätzen aus waren. Die Rentiere beispielsweise wurden privatisiert. Die Folge: Das Wild war schnell dezimiert - oder, wie sich jener Jäger ausdrückt: "Die Marktwirtschaft führt zum Aussterben des Wildes und unserer Kultur."

Noch ein Satz fiel an diesem Abend, der einen nachdenklich werden lässt: "Wie lange wird es wohl dauern, bis unser Leben den westlichen Standard erreicht hat?" fragte einst ein Nomade Schenk. Und im Film sagt der Jäger, dass ihm die Jugend seine Erzählungen über das einstige Leben in der Mongolei nicht glaube. Kopfschütteln im Publikum als man erfuhr, dass die Jungen die ursprüngliche Sprache schon nicht mehr sprechen. Doch es gebe auch eine andere Tendenz, berichtete Schenk: Das Gelände sei inzwischen zum Naturschutzgebiet erklärt worden, die Bewohner erhielten nun Geld vom Staat - eine Art Grundrente für die touristische Attraktion, die sie geworden sind.

Ein dritter Punkt ist denkwürdig: Der berühmte Gründer des mongolischen Reiches, Dschingis Khan, war ein Eroberer. "Krieg hieß damals Beute machen und war eine Form des Wirtschaftens", klärt Schenk auf. "Dschingis Khan konnte den Leuten damit das geben, was sie wollten, und hielt sie so um sich." Dazu allerdings fehlte die Zustimmung im Publikum. Der Mann aus dem Film sprach sympathischer: Für ihn seien Gewehr, Axt und Messer Feinde des Menschen. Beim Töten eines Tieres würde er sich sogar beim erlegten Wild entschuldigen.

Schenk schilderte freilich weit mehr, sprach über die Jurten, die früher im Winter lediglich mit Tierfellen, im Sommer mit Birkenrinde bedeckt waren, heute aus Filz sind, über das zentralkontinentale Klima mit seinen mächtigen Winden und wenig Regen, über Schamanismus und über den mongolischen Tee, der weit mehr ist als ein Getränk. Er wird mit Milch, Salz und Butter versehen und ist so etwas wie ein Grundnahrungsmittel, das die Menschen der Taiga kräftig und stark werden lässt - die heutige Ernährung mit Zucker und Weißmehl hingegen mache die Mongolen krank, so Schenk. Von dem Tee gab's in Moosach denn auch eine Kostprobe. Übrigens, auch so etwas wie Spazierengehen ist dort völlig fremd, denn die Nomaden sind ganz natürlicherweise immer in Bewegung.

Über die "Kinder der Natur", über ihre Begegnungen mit Nomaden und Schamanen hat Amélie Schenk zudem ein Buch geschrieben: "Der Steppe raue Freiheit". Auch dieses hat sie in Moosach vorgestellt. Mitgebracht hatte sie außerdem von Nomadenfrauen in Handarbeit hergestellte Filzschuhe. Sie wurden zahlreich gekauft, schließlich geht der Erlös direkt in die Mongolei.