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Sonnenhausen:In der Pause liegt die Kraft

Mit den Pianisten Masako Ohta und Jacob Karlzon erlebt Gut Sonnenhausen eine berührende Begegnung zweier verwandter Seelen

Mit Jacob Karlzon kann man sich gut am Klavier unterhalten. Auch übers Klavier. Nur: Sich von ihm am Klavier unterhalten zu lassen, das geht nicht. Ein Publikum, das nur aufnimmt, aber nichts gibt, damit tut er sich schwer. Außer vielleicht im Norden seiner Heimat Schweden. "Da reden die Leute sowieso kaum. Aber sie kommen nach dem Konzert zu dir her und teilen ihre Gedanken zu deiner Musik mit ein paar wenigen, aber aufmerksamen Worten mit", berichtet er. Kurzum, jede Improvisation dieses ungewöhnlichen Jazzpianisten ist eine Einladung zu einer Unterhaltung. Weshalb man "One", den Titel des Programms, mit dem er am Sonntagabend auf Gut Sonnenhausen auftrat, nur mit Blick auf sein Solistentum sehen sollte, nicht mit Blick auf seine Musik. Dann fühlt man sich fast wie am Lagerfeuer mit einem, der durch seine Melodien zum Publikum spricht.

Eine andere Geschichte aus Karlzons Leben begleitet einen ebenfalls durchs ganze Konzert, jene, wie er mit der Musik in Berührung gekommen ist. Als Dreijähriger, aufwachsend in einer musikalischen Familie, hatte er die väterliche Erlaubnis, sich Scheiben aus dem Plattenschrank zu holen, sie auf den Teller zu legen und anzuhören. Karlzon war damals allerdings noch zu klein, um auf den Plattenspieler zu sehen. Er musste die Platten also nach Gefühl, hoch über seinem Kopf auflegen und dann den Tonarm aufsetzen. Das benachbarte Klavier wurde schnell zu Jacobs Werkzeug, um mit den Plattenklängen in Dialog zu treten, ihnen seine eigene Stimme hinzuzufügen. Wer die Geschichte kennt, der erlebt in einem Konzert immer wieder dieses Kind, neugierig, lebhaft, experimentierfreudig im Umgang mit den musikalischen Gedanken anderer. Sei es Maurice Ravel, seien es U 2. Da lässt sich einer offenen Herzens auch von Vertrautem, Bekannten berühren, mitunter sogar überraschen - und überrascht und berührt damit alle, die gerade in seiner Nähe sind. Fast kommt es einem so vor, als tanze man auf seinen Fingern mit, als suche man mit seinen Augen die von den Flügelsaiten aufsteigenden Töne. Das wirklich Eigenartige daran: Selbst Titel, die außerhalb der eigenen Lausch-Vorlieben liegen, wirken da nicht mehr befremdlich.

Jacob Karlzon wurde das Musizieren ebenfalls in die Wiege gelegt. Das Experimentieren mit Musik liegt ihm, wovon er gemeinsam mit Masako Ohta in Sonnenhausen auf außergewöhnliche Art Zeugnis ablegt.

(Foto: Christian Endt)

Was musikalische Vorbilder Kindern mit auf den Weg geben, war auch bei Masako Ohta zu beobachten. Die Pianistin hatte das abendliche Konzert, ebenfalls solistisch, eröffnet und dabei neben Chopin und Debussy auch Cage und Takemitsu präsentiert. Gerade dieser japanische Solitär der Neuen Musik, Brückenbauer zwischen den Klangwelten seiner Heimat und Europas, bedarf nicht nur der Liebe zur Poesie, um wahrhaftig interpretiert zu werden, sondern auch eigener, schöpferischer Kraft beim Sprengen von Grenzen.

Bei ihr setzte die Großmutter erste Akzente, die auf dem Koto spielte, dem japanischen Hackbrett, während der Vater seine Tonbänder mit Schubert über alles liebte. Dazu erreichten sie Schlaflieder aus beiden Kulturkreisen, die in ihr eine tiefe Sehnsucht nach der Welt der Musik reifen ließen. "Ich wurde beeinflusst und infiziert", sagt sie, wobei ihr englisch gegebenes Zitat "influenced und infused" die organische Kraft des Geschehens, die Nahrhaftigkeit der Musik wesentlich besser beschreibt. In der gegenwärtigen Wirklichkeit eines Konzerts bekommen wir die Konsequenzen solch innerer Kraft dort zu spüren, wo die Pianistin während der Stücke die Pausen zelebriert. Cage ist dafür prädestiniert, doch auch bei den anderen Kompositionen schafft Masako Ohta in diesen Zeiträumen einen Tiefgang und eine Energie, der sich keiner entziehen kann. Der feinste Nachklang noch empfängt Respekt vor seinem Wirken. Es gilt Scheu zu überwinden, um am Ende eines Stücks zu applaudieren.

Musik wurde Masako Ohta bereits im Kindesalter mit auf den Weg gegeben. Die kindliche Neugier und Offenheit für musikalisches Neuland hat sie sich bewahrt.

(Foto: Christian Endt)

Man durfte es daher durchaus als Hommage an die Solistin empfinden, die dem Publikum seine Sensoren geöffnet hatte, dass Karlzon in seinem abschließenden Lullaby "Inner Hills" das Spiel mit den Pausen noch einmal erweiterte, bis zur schieren Unerträglichkeit ausdehnte. Ein Spiel war das mit den Hörgewohnheiten, mehr noch aber ein Dank an das Publikum im vollbesetzten Saal, das am Sonntagabend nicht nur "zum Vorbeihören" hereingeschnuppert, sondern die Einladung zur Unterhaltung gern angenommen hatte. Beifall wie am Ende dieses Konzerts hört man selten.