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Shakespeare grüßt das Schwarzwaldmädel:Wider den Wind

Kulturtage Poing

Bass Frederic Jost und Tenor Richard Wiedl ergänzen sich auf der Bühne prächtig - und haben sichtlich Spaß an ihrer Darbietung.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Bei den Kulturtagen Poing treffen Operettenmelodien mitten ins Herz des Publikums

Operettenkonzerte sind eine selten gewordene Spezies. Das hat viel mit Erwartungshaltung zu tun: Weil Operetten auf den Spielplänen deutscher Bühnen nicht mehr sehr häufig vorkommen, gehen Veranstalter davon aus, dass es auch wenig Publikum gibt, das mit dieser Stilform etwas anfangen kann. Wobei fairerweise festzuhalten ist, dass derzeit Kleinkunstbühnen das Genre wieder entdecken und beleben. Aus Sicht des zahlen- und zahlungsorientierten Marktes jedoch sind die wenigen, denen die Operette noch etwas zu geben scheint, fast ausschließlich in der unattraktiven Altersgruppe Ü60 angesiedelt. Zudem wurden sie in einer Zeit musik-sozialisiert, als Fred Rauch noch am Mittwochabend im Radio versprach "Sie wünschen, wir spielen..." Schließlich sind dann da noch die Lordsiegelbewahrer der E-Musik, für die das Gefälle zwischen Oper und Operette größer ist als das zwischen Joghurt und Yogurette.

Trotzdem gibt es Menschen wie Cornelia und Michael Gütlich. In den Kulturtagen Poing, die sie ins Leben gerufen haben und beherzt pflegen, räumen sie dem Operettenabend einen herausragenden Platz ein und zelebrieren ihn mit einer Selbstverständlichkeit, als gäbe es all den Gegenwind nicht, von dem anfangs die Rede war. Das ist gut so. Denn die Kompositionen eines Carl Millöcker, eines Jacques Offenbach, eines Leon Jessel oder Paul Lincke- sie sind ausgefeilt geistreiche, abwechslungsreiche Unterhaltung. Sie sind für die Musikbühne das, was Komödie oder Boulevard fürs Schauspiel. Sie fordern Sänger und Musiker nicht weniger als das, was wir "Klassik" nennen. Kurzum: Leichte Muse? Ja. Gute Musik? Auch ja. Selbst was den "Anspruch" angeht, braucht sich die Operette nicht zu verstecken, wie das Motto des Abends zeigte: "Shakespeare grüßt das Schwarzwaldmädel". Moderatorin Cornelia Gütlich belegte an zahlreichen Zitaten, dass jeder Stoff, all die Irrungen und Wirrungen, die Wechselspiele und Zuspitzungen, die Phantastereien und Scherze der Operettenwelt vom großen Dramatiker vorgedacht worden waren.

Bei den Solisten hat sich ein Ensemble gefunden, dem die Atmosphäre in Poing ganz offenbar liegt. Tenor Richard Wiedl ist zweifelsohne der Publikumsliebling. Er gibt den Gaudibursch in einer entspannt lockeren Form, der kein Komödienstadel anhaftet, sondern die humoristische Tradition der Volksbühne. Er erfüllt das Versprechen aus dem Programmheft "ein Buffo, wie er im Buche steht" und glänzt mit kleinen Gesten statt mit großer Theatralik, ob als "Prinz von Arkadien" oder als "Boccaccio". Frederic Jost übernimmt als melodischer, tiefer Bass das Kontrastprogramm des jugendlichen, unbekümmerten Lebenskünstlers und Liebhabers - eine Paraderolle im "Walzertraum" genauso wie im "Bettelstudent", die aber keinem in den Schoß fällt, sondern erobert werden will. Dem jungen Anzinger kommt da nicht nur seine fundierte Ausbildung im Opernfach zugute, sondern auch seine gut ausgeprägten mimischen und darstellerischen Fähigkeiten. Mit Mezzosopranistin Barbara Sauter schließlich hat das Trio eine formvollendete und treffsichere Operetten-Königin in ihrer Mitte, die den Schalk im Nacken und in der Stimme hat. Ihre Lebendigkeit und Ungezwungenheit sind genau jene Eigenschaften, die einem Schwarzwaldmädel ebenso einen unverkennbaren Charakter geben wie einer Annie oder einer Kate oder einer Frau Luna.

Bei zwei Auftritten präsentieren die Elevinnen der Ballettschule des Familienzentrums Poing ihr Können. Die Mädchen zeigen sich von Regina Rüger auf den Punkt genau darauf eingestellt, elegante Heiterkeit auszustrahlen und zugleich punktgenaue Präzision bis ins Detail aufs Parkett zu bringen. Ihre Tänze erweisen sich als aufrichtige Bereicherung des Programms.

Kleines Manko am Samstagabend: Die Aula der Anni-Pickert-Grund- und Mittelschule wird nicht jeder akustischen Feinheit gerecht. Bei der typischen Anordnung "Solisten vorne, Orchester hinten" wirkt die kubische Muschel über den Instrumentalisten als grober Verstärker, der mitunter recht kräftig über den Gesang hinwegbürstet.

Wenn dann die Musiker vom Petershausener Kammerorchester, sonst sattelfest im Salonstil, aber mal einen von jenen Abenden haben, an dem sie sich weder mit piano noch mit pianissimo wirklich anfreunden, dann bleibt dem Publikum nichts anderes übrig, als den Text selbst mitzusingen, um jedes Wort zu verstehen. Kein Problem für die emotional stark berührten, begeisterten Operettenfreunde in Poing am Samstag, vielmehr das reine Vergnügen. Die logische Konsequenz: unbekümmertes Mitklatschen im Konzert, fröhlicher Beifall zum Abschluss und genauso fröhliche Mienen für den Heimweg.

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