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Seniorenwohnpark in Vaterstetten:Unter dem Durchschnitt

Bei einer Kontrolle der Einrichtung stellt der Medizinische Dienst der Krankenkassen deutliche Mängel fest. Noch vor einem Jahr war das Ergebnis mehr als zwei Noten besser. Eine Suche nach Erklärungen

3,3, befriedigend. Bei einem solchen Ergebnis in einer Prüfung mag so manch einer mit den Schultern zucken und "passt schon noch" denken. Wenn es aber nicht um den Mathetest oder die Statistik-Klausur geht, sondern um die Versorgung von alten Menschen, ist eine solche Note Grund genug für ganz genaues Hinschauen: 3,3 lautet das Gesamtergebnis für den Seniorenwohnpark Vaterstetten nach einer Prüfung des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK). Im Bereich Pflege und medizinische Versorgung beläuft sich das Urteil sogar auf 4,4, gerade noch ausreichend also.

Im vergangenen Jahr noch endete die Prüfung anders - und zwar deutlich anders: Das Gesamtergebnis war 1,2. Damit stand der Wohnpark vergangenes Jahr 2,1 Notenstufen besser da als 2019 und um 0,1 besser als der bayernweite Durchschnitt. Die Frage, die sich nun stellt: Wie kommt innerhalb relativ kurzer Zeit ein solch gravierender Leistungsabfall zu Stande?

Es war Ende April dieses Jahres, als den MDK eine Beschwerde von Angehörigen eines Bewohners, der im Seniorenwohnpark im Rahmen einer Kurzzeitpflege lebte, erreichte. "Auf dieser Grundlage haben wir dann Mitte Mai eine Prüfung durchgeführt", teilt Johanna Sell mit. Sie ist die stellvertretende Geschäftsführerin und Leiterin für den Bereich Pflege beim MDK Bayern. Zum Zeitpunkt des Eingangs der Beschwerde beim MDK sei die Kurzzeitpflege des Beschwerdeführers bereits beendet gewesen, und er habe nicht mehr im Seniorenwohnpark gewohnt, ergänzt sie.

Carecon Seniorenwohnpark VAT

Der Neubau des Seniorenwohnparks.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Im gesamten Landkreis Ebersberg gibt es 14 stationäre Pflegeeinrichtungen und 25 ambulante Pflegedienste. Der MDK kontrolliert jedes dieser Angebote einmal im Jahr im Rahmen einer unangekündigten Regelprüfung, das ist Routine. Liegt eine Beschwerde zur Qualität vor, kommt es in vielen Fällen zu einer sogenannten Anlassprüfung, ebenso unangekündigt - so wie in Vaterstetten. Von den 14 stationären Einrichtungen im Kreis liegen fünf unter dem bayernweiten MDK-Durchschnitt von 1,3. Dabei hat keine schlechter abgeschnitten als 1,5 - mit Ausnahme des Seniorenwohnparks Vaterstetten.

Die Ergebnisse der MDK-Prüfungen werden in Noten von eins wie "sehr gut" bis sechs wie "ungenügend" festgehalten. Eigentlich also so wie Schulnoten. So ganz übertragen lässt sich das System aber nicht, wie Johanna Sell vom MDK erklärt. "Eine 1,0 heißt, dass die Mindestvoraussetzungen erfüllt sind. Bei jedem Ergebnis, das darunter liegt, wurden die Mindestvoraussetzungen also in Teilen unterschritten." Ein Gesamtergebnis von 3,3, wie das vom Seniorenwohnpark in Vaterstetten lautet, sei "deutlich unter dem Durchschnitt", der sich in Bayern auf 1,3 beläuft, und damit auch ganz klar "abweichend zu den Mindestvoraussetzungen", so Sell.

Pflegebedürftige Menschen Entscheidungsfreiheit

Seniorenheime werden regelmäßigen Prüfungen unterzogen, um Mängel aufzudecken.

(Foto: Angelika Warmuth/dpa)

Nachfrage im Seniorenwohnpark: "Wir haben die Kritikpunkte aus der Prüfung erkannt und bereits Gegenmaßnahmen ergriffen", sagt Alexandra Tiefenböck-Kölbl, die zusammen mit Oskar Conle die Geschäftsführung bildet. So etwa herrscht ein Aufnahmestopp. Weil wieder frei gewordene Plätze für Kurzzeitpflege nicht nachbesetzt wurden, hat sich die Zahl der Bewohner von 171 zum Zeitpunkt der MDK-Prüfung auf aktuell 140 reduziert. Laut Tiefenböck-Kölbl arbeiten derzeit 85 Pflegekräfte in der Einrichtung, obwohl der Bedarf eigentlich nur bei 65,04 läge. Vier Auszubildende übernahm der Seniorenwohnpark vor kurzem in Festanstellungen. Auch würden einige langjährige ehemalige Mitarbeiter nach einem Wechsel in der Führungsebene zurückkehren.

Zusätzlich leiste sich der Seniorenwohnpark seit einiger Zeit eine Lehrerin, die den Pflegekräften Schulungen erteilt, und zwar direkt am Bett. Viele im Personal hätten ihre Ausbildung im Ausland absolviert, sagt Tiefenböck-Kölbl. Die Standards in der Pflege in Deutschland müssten sie erst lernen, zum Beispiel, dass hier alles dokumentiert werden muss: Was von den Mitarbeitern nicht in den Akten vermerkt wird, ist auch nicht geschehen - um es salopp zu formulieren. Im Falle einer lückenhaften Dokumentation bewertet der MDK die Leistung auch entsprechend schlecht. Neben der Lehrerin stünden sie selbst und andere aus der Führungsebene oft im Kittel neben ihren Pflegekräften aus dem Ausland, um sie zu unterstützen, so Tiefenböck-Kölbl.

Kontrolle in der Pflege

Einmal im Jahr führt der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) bei ambulanten und stationären Pflegeeinrichtungen eine unangekündigte Regelprüfung durch - von November an werden die Kontrollen am Vortag angekündigt. Geprüft werden vier Kategorien: Pflege und medizinische Versorgung, Umgang mit demenzkranken Bewohnern, Betreuung und Alltagsgestaltung, sowie Wohnen, Verpflegung, Hauswirtschaft und Hygiene. Aus den Noten in diesen vier Sparten ergibt sich dann das Gesamtergebnis.

Daneben besteht auch die Möglichkeit einer Anlassprüfung: Gehen beim MDK oder bei den Pflegekassen Beschwerden ein, vergewissert sich der MDK zunächst, ob die Vorwürfe nachvollziehbar sind. "Wir schauen, ob da jemand sauer ist, weil es Vanille- statt Schokopudding gab, oder ob es um relevante qualitative Mängel geht", erklärt Johanna Sell vom MDK. Handelt es sich um letzteres, schlägt der MDK der Arbeitsgemeinschaft (Arge) der Pflegekassenverbände vor, eine Anlassprüfung durchzuführen. Stimmt diese zu, dann besucht ein Prüfteam des MDK unangekündigt die entsprechende Einrichtung und kontrolliert, ob sich die Anschuldigungen bestätigen lassen.

Ein Prüfteam für stationäre Pflegeheime besteht in der Regel aus drei Prüfern. Laut Johanna Sell sind das fest angestellte MDK-Mitarbeiter, alle versierte Pflegekräfte mit Leitungserfahrung und Weiterbildungen im Bereich Qualitätsmanagement.

Unabhängig vom MDK gibt es eine weitere Prüfstelle für stationäre Pflegeeinrichtungen. Die sitzt im Landratsamt und nennt sich "Fachbereich für Pflege- und Behinderteneinrichtungen - Qualitätsentwicklung und Aufsicht" (FQA). Grundlage für diese Kontrolle ist das Gesetz zur Regelung der Pflege-, Betreuungs- und Wohnqualität im Alter und bei Behinderung.

Eine trennscharfe Linie zwischen der MDK- und der FQA-Prüfung lässt sich nicht ziehen, jedoch Tendenzen: Beim MDK liegt das Augenmerk eher auf der pflegerischen und medizinischen Versorgung, bei der FQA geht es um Aspekte wie den Erhaltung sowie die Förderung der Selbstständigkeit, -bestimmung und -verantwortung der Bewohner sowie deren Lebens- und Wohnqualität. Außerdem vergibt die FQA im Gegensatz zum MDK keine Noten, sondern fasst seine Ergebnisse in einem Text zusammen.

Damit die FQA die Prüfberichte auf der Website des Landratsamtes veröffentlichen darf, müssen die Einrichtungen zustimmen. Zwei der 14 Pflegeheime im Kreis Ebersberg haben das getan: das Abaton Pflegeheim in Eglharting und das Marienheim in Glonn. In jedem Fall erhalten die Träger der Heime die Berichte, der MDK, der Verband der Pflege- und Krankenkassen und der Bezirk Oberbayern als überörtlicher Sozialhilfeträger.

Dass Einrichtungen aufgrund von einer mangelhaften MDK-Prüfung geschlossen werden, kommt so gut wie nie vor. Der AOK-Pressestelle ist in Bayern nur ein Fall aus dem Jahr 2017 bekannt. Einer endgültigen Schließung gehe aber in jedem Fall ein "langwieriger Prozess" mit Wiederholungsprüfungen von Seiten des MDK voraus. FEJO

Dass der Seniorenwohnpark neues Personal mit ausländischer Qualifikation und oft mangelnden Deutschkenntnissen angestellt hat, war notwendig geworden, weil im Zuge der Neu- und Umbauarbeiten des Seniorenwohnparks einige Mitarbeiter aus der Führungsebene das Haus verlassen haben. Vor allem Ende vergangenen Jahres kritisierten Bewohner und Angehörige die Einrichtung massiv, weil die Baumaßnahmen bei laufendem Betrieb stattgefunden haben. Der Seniorenwohnpark reagierte und änderte den Bauablauf. Mittlerweile ist der Neubau abgeschlossen. Aktuell werden die Zimmer des alten Gebäudes ausgebaut. Anders als vor der öffentlichen Kritik ist der Altbau nun laut Tiefenböck-Kölbl während dieser Arbeiten nicht bewohnt.

Das Problem am Weggang der besagten Führungskräfte: Auch viele Pflegekräfte verließen danach das Haus. Patricia Auberger nicht. Die 51-Jährige arbeitet seit 27 Jahren im Seniorenwohnpark, mittlerweile als stellvertretende Leiterin der Station für Demenzkranke. Sie vermutet, dass die früheren Führungskräfte Pflegepersonal abgeworben haben. Das sei üblich. In den meisten Fällen stünden Prämien beim neuen Arbeitgeber zur Aussicht. "Von heute auf morgen standen wir dann mit einer viel kleineren Mannschaft, aber genausovielen Bewohnern da." Die Phase überbrückte die Einrichtung mit Zeitarbeitskräften, mittlerweile sind nun einige im Seniorenwohnpark tätig, die ihre Ausbildung mit anderen Standards und in einer anderen Sprache absolviert haben. Alles nicht ideal, so Auberger, aber der Markt sei wie leergefegt: "Wie hätten wir die Situation anders lösen sollen?"

Die Schwierigkeit betont auch Johanna Sell vom MDK. "Unsere Prüfungen sind immer Momentaufnahmen." Kapazitäten, in Einrichtungen über längere Zeit hinweg konstant anwesend zu sein, gibt es nicht. "Wenn an dem einen Tag alles schlecht oder gut läuft, dann ist das Ergebnis dementsprechend schlecht oder gut." Wie ein Pflegedienst beim MDK-Test abschneidet, hänge sehr von der Führung der jeweiligen Einrichtung ab. Eines sei aber auch klar, so Sell: Wenn das Personal etwa durch eine Grippewelle über einen längeren Zeitraum hinweg mit Engpässen zu kämpfen hatte, dann mache sich das bei den Prüfungsergebnissen bemerkbar - auch bei einem eigentlich sehr guten Pflegeheim.