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Seminarwochenende geplant:Feminismus als Märchenstunde

La Loba - Fraunenotruf Jubiläum Performance

Geschichten, Schauspiel, Musik, Gesang, Malerei und Puppenspiel zum Jubiläum des Frauennotrufs: Marina Lahann (Mitte), Rusydah Ziesel und Silvia Hein zeigen ihre Erzählperformance "La Loba" in der Stadtbücherei Grafing.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Die Erzählperformance "La Loba" von und mit Silvia Hein, Marina Lahann und Rusydah Ziesel inszeniert die Psyche der Frau. Das Stück basiert auf einem Buch der amerikanischen Schriftstellerin und Psychoanalytikerin Clarissa Pinkola Estés

Sie klaubt ein langes Tuch aus rotem Samt vom Boden auf und lässt es vor ihrem Körper durch ihre linke Hand gleiten. Trommelschläge. Das Tempo ist gemächlich, ruhig. Sie zieht das Tuch weiter nach oben, wickelt es um ihren Körper. Als die Hand auf Höhe ihrer Schulter ist, hält sie inne. Wie ein Kleid legt sich das Tuch nun um ihren Körper, die Silhouette - Brust, Taille, Hüfte - umschmeichelnd. Sie lächelt. Ihr Blick ist selbstbewusst. Fast schon herausfordernd. Der Kopf leicht in die Höhe gereckt. Ihre Augen wandern über die Gesichter. Im Zuschauerraum herrscht absolute Stille.

Gut 25 Frauen und ein Mann sind für die Erzählperformance "La Loba" in die Grafinger Stadtbücherei gekommen. "La Loba", das ist spanisch und bedeutet "die Wolfsfrau" - ein Buch der amerikanischen Schriftstellerin und Psychoanalytikerin Clarissa Pinkola Estés aus dem Jahr 1992; in Deutschland erschien die Erstauflage 1997. Die heute 74-jährige Estés verpackt ihre Wolfsfrau in 20 Märchen; auf raffinierte Weise schreibt sie über die weibliche Psyche und die Herausforderungen, der sich eine Frau im Laufe ihres Lebens stellen muss. Silvia Hein, Marina Lahann und Rusydah Ziesel haben vier dieser Geschichten eine Stimme gegeben und daraus eine Erzählperformance gestrickt. Ein Jahr nach der Uraufführung präsentierten die Frauen ihr Stück nun zum 30. Geburtstag des Ebersberger Frauennotrufs in Grafing.

Gewalt gegen Frauen, konstruierte Normen und Erwartungen, die Frauen erfüllen sollen, die Verdinglichung des Weiblichen, die monetäre Schlechterstellung der Frau im Vergleich zum Mann: Themen wie diese finden zumeist in Form von Podiumsdiskussionen oder Werbekampagnen ihren Weg in die Öffentlichkeit. Das ist freilich gut und richtig, handelt es sich doch dabei um ernste globale Probleme in der Gesellschaft, an einigen Orten mehr als an anderen.

Dieses Themenkonglomerat mal in anderem Gewand, zum Beispiel dem einer Erzählperformance, auf die Bühne zu bringen, ist allerdings ebenfalls wichtig. Denn auch hierzulande zeigen Zahlen - etwa das Mann-Frau-Gefälle in politischen Ämtern einiger Parteien, der nachgewiesene Gender-Pay-Gap oder die hohe Frauen-Quote bei Altersarmut - dass Aspekte im Dunstkreis der Gleichberechtigung und des Feminismus noch lange nicht ad acta gelegt werden sollten. Je vielfältiger die Bühnen, auf denen diese Probleme zur Sprache kommen, desto besser.

Alle drei Performerinnen von "La Loba" sind erfahrene Märchenerzählerinnen, die 75-jährige Silvia Hein etwa arbeitet seit 30 Jahren in diesem Bereich. Ein Vorlesen an einem Tischchen, wie es bei Lesungen meist der Fall ist, gibt es bei "La Loba" daher nicht. Stattdessen steht jeweils eine der Frauen in der Mitte der Bühne, und, ja, performt das Märchen. Da werden schnell die Seiten gewechselt, je nachdem, welche Figur gerade zu Wort kommt. Augen, Stirn, Kopf, Arme und Hände, Beine und Füße - die gesamten Körper der theateraffinen Frauen erzählen das Märchen. Und das verfehlt bei dem fast ausschließlich weiblichen Publikum seine Wirkung nicht: Während der gut eineinhalbstündigen Vorstellung scheint es, als ob die Zuschauerinnen der Darbietung wie in einem Bann folgen.

Eine Erzählung mit dem gesamten Körper ist aber nicht das einzige Merkmal, das "La Loba" ausmacht. Es gibt viel Musik; Gitarre, Querflöte, Trommel, Ocean-Drum und Hapi-Drum - eine Art Trommel aus Metall, die mit meditativen Glockenklängen reagiert, sobald sie ein Stick trifft. Es gibt Gesang, Malerei und ein Puppenspiel. Beinahe jeder unserer fünf Sinn kommt bei "La Loba" auf seine Kosten.

Mit ihrem Stück haben die drei Frauen noch einiges vor. Im Frühjahr soll es eine Kooperation mit der Grafinger VHS geben. Nach einer Vorstellung der Performance wird es ein ganzes Wochenende darum gehen, die einzelnen thematischen Aspekte von "La Loba" in verschiedenen Workshops und Seminaren aufzuarbeiten. Bei Silvia Hein soll es um die Symbolik der Märchen gehen, bei der 50-jährigen Marina Lahann um Körperarbeit - "Zeit für Weiblichkeit", wie es die Puppenspielerin und Theaterpädagogin nach der Vorführung beschreibt. Die 51-jährige Rusydah Ziesel - seit vielen Jahren arbeitet die Theaterpädagogin und Kunsttherapeutin ehrenamtlich für den Ebersberger Frauennotruf - widmet sich beim VHS-Projekt dem Neinsagen. Oder positiv formuliert: Mit kreativen Mitteln sollen Lösungsstrategien für das eigene Leben entwickelt werden.

Bei alledem geht es darum, die eigene innere Stimme zu finden. Und ihr zuzuhören. Ihr zu vertrauen und ihr zu folgen. Etwas, das auf symbolischer Ebene auch während der Performance klar wird: Immer wieder summen die Frauen zwischen den Erzählungen, wie bei einem Mantra.

Die Schläge der Trommeln werden immer kräftiger. Der Rhythmus schneller. Marina Lahann hört auf zu lächeln. Ihre linke Hand zieht das rote Tuch weg von ihrer Schulter, an ihrem Kopf vorbei weiter nach oben. So verwandelt sich der Stoff von einem Kleid in einen Strick. Im Blick Lahanns weicht das Selbstbewusstsein bloßer Panik. In Sekundenschnelle schießen ihre Augen von links nach rechts und wieder zurück. Das Tuch wandert langsam weiter nach oben, bis Lahanns Körper gänzlich hinter ihm verschwunden ist. Die Arme und Schultern rudern darunter, wehren sich. Die Trommelschläge haben ihr Maximum an Lautstärke und Schnelligkeit erreicht - bis Lahann das Tuch von sich reißt und hinter sich wirft. Dann herrscht wieder Stille.