Seminararbeit Portrait eines Sittenwächters

Alexandra Schuster hat zu Anton Grandauer geforscht.

(Foto: Christian Endt)

Die Vaterstettener Schülerin Alexandra Schuster hat Leben und Wirken des Zornedinger Politikers Anton Grandauer erforscht

Von Viktoria Spinrad, Vaterstetten

Als die junge Frau nach vorne ans Pult tritt, richten sich die älteren Historiker plötzlich auf. Alexandra Schuster, blonder Pferdeschwanz, rot-weiß-gestreiftes Shirt, schaut in die Gesichter von 50 Geschichtsforschern, Lehrern, Schülern. Die 17-Jährige sammelt sich kurz, dann spricht sie. Über einen Zornedinger, der einst fünfeinhalb Stunden nach München pendelte, zu einem Parlament aus Männern, die im Unterhaus gegen die höheren Reichsräte aufbegehrten. Über einen, der für seine Sauklaue bekannt war, die Moral im damaligen Königreich aber stets hochhielt: Anton Grandauer, Abgeordneter im ersten bayerischen Landtag. Als Schuster fertig ist, gibt es großen Applaus.

Mehrere Wochen später, ein Wohnzimmer in Vaterstetten. "Das war schon ziemlich ungewohnt", sagt Schuster über ihren Auftritt beim Tag der bayerischen Landesgeschichte in Würzburg. An der Wand hängt eine Girlande, "Happy Birthday." Die Schülerin hat am Vortag 18. Geburtstag gefeiert. Ein Alter, in dem die wenigsten mit ihren wissenschaftlichen Abhandlungen über Abgeordnete aus dem 19. Jahrhundert Geschichtsvereine aufmischen.

Schusters Reise durch das späte bayerische Königreich beginnt ein Jahr zuvor, am Gymnasium Vaterstetten. Wie alle Abiturienten muss sie eine Seminararbeit verfassen. Weil der Freistaat heuer 100 Jahre Geburtstag und 200 Jahre Verfassung feiert, kommt die Idee auf, einen der beiden Abgeordneten aus dem Landkreis zu porträtieren: den Zornedinger Posthalter, Gastwirt und Landwirt Anton Grandauer. Ein konservativer Mann, der als eine Art Pionier beim Kartoffelanbau galt, Ausschweifungen skeptisch gegenüberstand - und mit der Ex-Frau seines Stiefvaters verheiratet war, wie Schuster herausfinden sollte.

Bis sie soweit ist, muss sie erst einmal in die Geburtsstunde des modernen Parlamentarismus in Bayern eintauchen. In eine Zeit, in der die Sitzplätze der damaligen "Ständeversammlung" ausgelost wurden, die 115 Abgeordneten nur wenige Monate am Stück tagten und von Reichsräten und König möglichst klein gehalten wurden. Eine Konstellation, die auch Grandauer zu spüren bekommen sollte.

Schuster knetet ihre Hände. "Ich wusste zuerst gar nicht, was mich erwartet", sagt sie bedächtig. Sie merkte schnell: Vor ihr klaffte ein großes Loch. Denn über Grandauer gibt es nur wenige Quellen aus seiner Zeit und entsprechend wenige Zweitquellen. Während sich ihre Mitschüler mit dem alten Skulpturenpfad im Ebersberger Forst beschäftigen oder der Schriftstellerin Lena Christ, durchforstet Schuster also einen Monat lang die alten Sitzungsprotokolle der Ständeversammlung, das bayerische Landtagsarchiv, alte Zeitungen und das Zornedinger Heimatkundebuch. Wenn sie die altdeutsche Schrift oder heute ungebräuchliche Formulierungen nicht versteht, hilft ihre Mutter.

So setzt Schuster nach und nach das Bild eines Politikers zusammen, der heutzutage wohl als "Landwirtschafts-Experte" auftreten würde, der den Sittenverfall anprangerte und zu seinen eigenen Anträgen offenbar schwieg, statt sie mit flammenden Reden zu verteidigen. Schuster legt den Kopf in die Hand. "Vielleicht wollte er sich ab dem Punkt nicht mehr einmischen", vermutet sie.

Mitmischen wollte Grandauer aber bei der Auswahl der Minister. Hier brauche es "religiöse, moralische Männer, die nicht aus dem Ausland kommen", zitiert Schuster aus einer schriftlich überlieferten Rede Grandauers. Und auch die Gesetze müssten in den Behörden von "Landeskennern und praktischen Männern" geprüft werden. Knapp 200 Jahre nach Grandauers Appell an den König sagt Schuster: "Er war wohl auch etwas ausländerfeindlich." Etwas suspekt kommt der Schülerin heute auch Grandauers Vorstoß vor, dem "Verfall in Unsittlichkeit der Dienstboten" entgegenzuwirken. Deren "zügellosem Leben" müsse entgegengetreten werden, "bey dieser fast ganz verdorbenen Generation". Als das entsprechende Gesetz endlich geändert wurde, war Grandauer bereits 40 Jahre tot. Auf Schuster wirkt seine Initiative so, als hätten sich die Dienstboten nur betrunken. "Grandauer war wohl eher konservativ und streng", resümiert sie.

Schuster selbst hat ebenfalls Disziplin bewiesen: Um in das wissenschaftliche Schreiben zu finden, las sie zunächst die Arbeiten anderer Autoren. Dann, nachdem sie sich zudem durch zahllose Originalschriften gekämpft hatte, tippte sie ihr Werk über den 244 Jahre vor ihr geborenen Mann in ein paar Wochen herunter. Unter Prokrastination leidet die 18-Jährige offenbar nicht: "Ich mache mir eine Liste, nehme mir etwas vor und halte das dann ein", sagt sie. Nur als die Arbeit eingereicht war, brauchte sie "erst einmal eine Pause von Grandauer".

Ganz von ihm wegkommen wird sie so schnell aber nicht: Sie wird den Abgeordneten noch an ihrer Schule, bei einem Vortrag in Zorneding und im Kultusministerium vorstellen. Als Startschuss für eine Laufbahn als Historikerin versteht Schuster dies allerdings nicht. Vielmehr möchte sie in einer Sparte durchstarten, die Grandauer sicherlich gefallen hätte: Sie möchte Jura studieren.