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Seminar in Ebersberg:Kritisch und kreativ

Bei einer Online-Konferenz will die Partnerschaft für Demokratie den Blick für Alltagsrassismus schärfen. Im anschließenden Cartoon-Workshop entdeckt so mancher Teilnehmer ein ungeahntes Talent zur Satire

Von Franziska Langhammer, Ebersberg

Eine Sprechblase sollte nicht direkt an der Nase des Sprechenden kleben. Und: Wir können uns einfach was trauen. Das sind die zwei wichtige Erkenntnisse, die der vergangene Donnerstagnachmittag liefert. Zu einer virtuellen Diskussion mit anschließendem Zeichenworkshop haben sich etwa zehn Teilnehmer angemeldet - Mitarbeiterinnen des Kreisjugendrings (KJR) Ebersberg, Caritas-Angestellte, Privatleute, Kinder. Unter dem Motto "Cartoons gegen Rechts" hatte die Partnerschaft für Demokratie zur Demokratiekonferenz eingeladen. Den derzeitigen Umständen ist es geschuldet, dass das Treffen im Internet stattfindet. So sehen sich die meisten Teilnehmer Kopf an Kopf auf dem Monitor wieder, wegen technischer Probleme können manche sich leider nicht zuschalten oder mitdiskutieren.

André Sedlaczek führt die Teilnehmer in die Grundlagen der Cartoon-Kunst ein.

(Foto: Privat)

Im ersten Teil der Konferenz stellen die Koordinatorinnen Martha Urban und Julia Bissinger die Partnerschaft für Demokratie vor, deren Träger seit dem 1. Januar 2019 der KJR Ebersberg im Bundesprojekt "Demokratie leben!" ist. Auch Landrat Robert Niedergesäß (CSU) wendet sich mit einem vorab aufgezeichneten Grußwort an die Teilnehmer: "Unsere Demokratie hat sich seit über 70 Jahren gefestigt, im Gegensatz zu vielen anderen Ländern auf der Welt." Trotzdem sei Demokratie keine Selbstverständlichkeit, immer wieder würden insbesondere rechtsradikale Gruppen versuchen, sie zu zerstören. "Das dürfen wir nicht zulassen", so Niedergesäß.

Via anonyme Schnell-Umfragen unter der Teilnehmern skizzieren die Organisatoren der Konferenz ein Stimmungsbild: So geben 63 Prozent der Befragten an, sie seien mit der demokratischen Situation im Landkreis zufrieden, 25 Prozent klicken auf "teils, teils". Sehr deutlich fällt die Antwort auf die Frage aus, in welchen Bereichen Demokratie besonders gefördert werden solle: 88 Prozent der Befragten finden, im Schulkontext. Die Ergebnisse sollen in die weitere Arbeit einfließen.

Julia Bissinger ist eine der Moderatorinnen der Konferenz.

(Foto: Franziska Langhammer/oh)

Um Erfahrungen mit Rassismus und derzeitige thematische Brennpunkte auch im Landkreis geht es in der folgenden halbstündigen Diskussion. Martha Urban liest etwa die vom Münchner Aida-Archiv (antifaschistische Informations-, Dokumentations- und Archivstelle) gesammelten Schmierereien auf den Schautafeln in Ebersbergs Stadtmitte vor, die im November 2019 entdeckt worden waren: ein Dutzend rassistische und antisemitische Äußerungen, bei denen viele Zuhörer erst einmal schlucken müssen. Wer solche Schmierereien entdecke, so Urban, solle dies umgehend an die Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus, Büro Süd melden. Auch die Hygiene-Demos im Landkreis werden thematisiert, bei denen sich immer öfter Rechtsradikale unter die Demonstranten mischen. Julia Bissinger wirft in die Runde: "Man muss sich fragen: Mit wem will man gesehen werden? Das ist auch ein Zeichen."

Nun heißt es: ab an die Bleistifte. Die Federführung in dem anschließenden Zeichen-Workshop übernimmt André Sedlaczek, zugeschaltet aus Detmold. Der Cartoonist ist seit 1998 fester Mitarbeiter des Satiremagazins Eulenspiegel und umreißt gleich zu Beginn die Möglichkeiten von Satire: "Man kann was bewirken, muss aber aufpassen, was man tut." Nachdem alle Teilnehmer von ihrer Vorbildung in Sachen Zeichnen berichtet haben - bei den meisten keine nennenswerte - schlüsselt Sedlaczek wichtige Grundregeln des Cartoon-Zeichnens auf. Nach der Idee etwa kommt das Ausfeilen der Szenerie: Welche Person benötige ich? In welche Umgebung setze ich sie? Die Angst vor dem Zeichnen nimmt Sedlaczek en passant: "Alle Menschen sind in der Lage, ein lachendes Gesicht zu erkennen."

Die Ergebnisse können sich durchaus sehen lassen.

(Foto: Privat)

Ein paar Bilder seiner Kollegen sollen die Teilnehmer schon einmal in die gewünscht flapsige Stimmung bringen. Dann liest Sedlaczek aktuelle Zeitungsausschnitte über Ebersberg vor, die ihm bemerkenswert erscheinen: Beispielsweise die 200 Teilnehmer, die gegen die Fällung der alten Eiche am Seeschneider Kreisel demonstrieren, dagegen gestellt die 140 Menschen, die sich zur Demo gegen Alltagsrassismus zusammen finden. Oder die beiden Corona-positiven Asylbewerber, von denen einer im Krankenhaus, der andere anderweitig untergebracht worden ist. "Überlegt mal, welche Bilder euch dazu in den Kopf kommen. Fallen euch Unstimmigkeiten auf?", hakt Sedlaczek nach. Jetzt beginnt das Schwierigste: die Ideensuche. Plötzlich ist es sehr still, am Monitor sieht man vornehmlich nach unten gebeugte Köpfe, Bleistifte werden angeknabbert. Sätze wie "Wie zeichnet man am schnellsten einen Nazi? Als Ku-Klux-Klan-Mitglied?" ploppen auf.

Die ersten Ideen sind sehr verkopft, doch nach und nach nehmen dank André Sedlaczeks Tipps die Ideen Form an. "Das würde ich mehr auf die Spitze treiben", sagt er etwa, oder: "Das ist ein starkes Bild, da würde mir noch eine andere Verbindung einfallen."Am Schluss haben auch die jüngeren Teilnehmer Zeichnungen produziert, die sich sehen lassen können. Ein Mädchen etwa hat zwei Erwachsene gemalt, die zwar nur durch eine Wand getrennt sind, sich aber trotzdem per Smartphone unterhalten. Eine andere Teilnehmerin bringt es minimalistisch auf den Punkt. Eine alte Frau pöbelt auf ihrem Bild einen Punk mit Mundschutz an: "Konformi". Auch die alte Eiche darf des Öfteren als Gewährsbaum herhalten: "Mein Freund, der Baum, ist tot", klagt da etwa eine Frau über die gefällte Eiche. "Mein Freund ist auch gestorben", entgegnet ihr ein Mann afrikanischer Herkunft knapp.

Tipps zu den richtigen Sprechblasen gibt's dann auch. Direkt an der Nase sind sie an der falschen Stelle.

(Foto: Privat)

"Merkt ihr das, wie Verknüpfungen entstehen, wenn man Bilder im Kopf hin und herschiebt?", fragt Sedlaczek. "Ich bin richtig begeistert", sagt eine Teilnehmerin am Schluss. Die Cartoons sollen demnächst auf der Homepage der Partnerschaft für Demokratie erscheinen.

© SZ vom 13.07.2020

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